Sicherheit in Werdohl: Das sagen die Experten

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Bei Unfällen, wie hier im März auf dem Solmbecker Weg, kommt es immer häufiger vor, dass die Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst bei ihrer Arbeit behindert werden.

Werdohl – „Manche Leute sind uneinsichtig. Da habe ich auch schon einmal erlebt, dass eine Notärztin sprichwörtlich mit der Faust auf den Tisch gehauen hat.“

Kai Tebrün, seit drei Jahren Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Werdohl, berichtete am Mittwochabend in der Stadtbücherei im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Werdohler Gespräche“ des Kulturvereins „Werdohl heute“ über eine ständig steigende Zahl von Gaffern bei Einsätzen. Zudem nehme bei vielen der Respekt vor den Rettungskräften immer mehr ab. 

Das sagt die Feuerwehr 

Der Wehrchef war nur einer von mehreren Experten, die Moderatorin Barbara Funke, ehemalige Leiterin der Volkshochschule Werdohl, zum Thema Sicherheit interviewte. 

Zuletzt habe er vergeblich versucht, einem Beschwerdeführer den Sinn des Martinshorns zu erklären, sagte Tebrün: „Sicher ist es nicht schön, wenn nachts um 3 Uhr das Signalhorn tönt. Aber erstens dient es der Sicherheit. Und zweitens können sich die Werdohler, die dadurch aus dem Schlaf gerissen werden, direkt wieder umdrehen und einschlafen. Meine Männer können das nicht.“ 

Das sagt der Rettungsdienst 

Seit zwei Jahren leitet Ralf Wengenroth die Werdohler Rettungswache. Aus seiner Erfahrung heraus appellierte er an die Zuhörer: „Sagen Sie bei einem Notruf zuerst, wo der Notfall ist. Wenn Sie dann bewusstlos werden, wissen wir wenigstens, wo wir Sie finden.“ Wenn man das nicht so genau wisse, weil man etwa mit dem Fahrrad im Wald gestürzt sei, könne das Smartphone nützlich sein und – mit Einverständnis des Betroffenen – die genauen Geo-Koordinaten an die Rettungswache übermitteln. 

Angehörige von Notfall-Patienten ermunterte er: „Wenn sich nach dem Absetzen des Notrufs und vor dem Eintreffen meiner Kollegen die gesundheitliche Lage des Betroffenen verschlechtert, zögern Sie nicht, noch einmal anzurufen. Wir geben Ihnen dann Anleitungen für die richtigen Erste-Hilfe-Maßnahmen.“ 

Berichteten aus Expertensicht zum Thema Sicherheit in Werdohl: (von links) Volker Bootz, Dr. Hikmet Dogan, Ralf Wengenroth und Kai Tebrün.

Am Einsatzort sei die Arbeit für sein Team nicht leichter geworden, schilderte Wengenroth. „Ab und zu gibt es Handgreiflichkeiten mit Schaulustigen, Patienten oder Angehörigen. Verbündeter ist da leider oft der Alkohol“, sagte er. Trotz dieser Entwicklung herrsche bei der Werdohler Rettungswache kein Nachwuchsmangel. Seit 2015 werde im Beruf des Notfallsanitäters ausgebildet. 

Dieses Berufsbild gebe es erst seit 2014. Notfallsanitäter hätten weitreichendere Befugnisse und größere Kenntnisse als der vormalige Notfallassistent. Die Arbeitsmarktlage in diesem Bereich sei so gut, dass sich auf die jährlich vier Ausbildungsplätze weit mehr als 300 junge Menschen bewerben würden. 

Trotz der Probleme mit Randalierern, sei der Beruf im Rettungsdienst dann doch „nicht ganz so wie im Fernsehen“, hob Wengeroth hervor. „Wir stehen nicht den ganzen Tag bis zu den Knien im Blut.“ 

Das sagt ein Mediziner 

Dr. Hikmet Dogan ist seit 17 Jahren in Werdohl. Der Hausarzt war von 2008 bis 2016 auch als Notarzt tätig. In der Zeit hat er mehr als 1000 notärztliche Einsätze gemeistert. Dabei hat er immer wieder auch erlebt, wie die Angehörigen der Hilfebedürftigen in Panik geraten. „Ruhe bewahren“ sei ein Maxime, die stets zu beachten sei, sagte Dogan deshalb. Und wenn kein wirklicher Notfall vorliege, keine Lebensgefahr bestehe, ein Patient nicht bewusstlos, sondern noch ansprechbar sei, sollte nicht der Notruf gewählt, sondern der Hausarzt kontaktiert werden. Außerhalb der Sprechzeiten gelte in solchen Fällen die bundesweit einheitliche Hilfe-Nummer 116 117. 

Wenn er als Notarzt in den Wagen springt, habe er immer einen Fahrer, der ihn zum Einsatzort bringt. Wohin ein Patient dann gebracht wird, entscheide dieser gegebenenfalls mit. Aber das Krankenhaus müsse schon in der Nähe sein. „Wir fahren Sie nicht ins Klinikum Essen, nur weil das einen guten Ruf hat“, sagte Dogan. Ralf Wengenroth ergänzte: „In der Werdohler Stadtklinik gibt es zwar ein Super-Essen und das Personal ist hier in der Tat viel freundlicher als in Hellersen, aber wenn Sie einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall haben, kann man Ihnen in Lüdenscheid aufgrund der Spezialisierung einfach viel besser helfen.“ 

Das sagt die Polizei 

Volker Bootz steht der Werdohler Polizeiwache vor. Tagesgeschäft für ihn und seine 20 Kollegen sind Verkehrsdelikte. Dabei hatte der Wachleiter eine gute Nachricht zu verkünden: „Die meisten, die Fahrerflucht begehen, kriegen wir sowieso.“ 

Er forderte die Werdohler auf: „Gehen Sie aufmerksam durchs Leben.“ Denn auch durch beispielsweise wachsame Nachbarn sei die Zahl der Einbrüche etwa in Werdohl nicht auffällig hoch. Bis dato liege sie im laufenden Jahr bei rund 70. Allerdings räumte der Werdohler Polizeichef ein, dass kaum jemand wisse, wie ein Dienstausweis aussieht. „Und der ist ja auch schnell gefälscht. Wenn Sie also Zweifel haben, rufen Sie die Wache an“, so Bootz. 

Ob nun falsche Polizisten oder andere ungewöhnliche Beobachtungen im Wohnumfeld, melden sollte sie jeder – entweder auf der Wache unter Tel. 0 23 92 / 9 39 90, oder unter den bekannten Notruf-Nummern. „Wenn Sie unsicher sind, ob Sie 110 oder 112 wählen sollen: Im Grunde genommen ist das ganz egal“, unterstrich Bootz. Beide Dienststellen seien per Standleitung miteinander verbunden. 

Auch die Polizei mache immer mehr Bekanntschaft mit nörgelnden und verständnislosen Bürgern. „Da müssen Leute dringend nach Hause oder ganz schnell noch einkaufen“, sagte Bootz mit einem süffisanten Unterton. „Die fahren auch schon einmal mitten durch eine Unfallstelle.“ Gesetzesinitiativen, die zu einer höheren Bestrafung in solchen Fällen führten, lobte er ausdrücklich: „Das macht viel Sinn.“ 

Zudem warnte der Wachleiter vor dem Einstellen von Unfallfotos ins Internet. „Wir haben es schon mehrfach gehabt, dass Eltern schon vor unserem Eintreffen vom Tod ihres Kindes aus den sozialen Medien erfahren haben. Das ist nicht schön.“ Wehrleiter Tebrün pflichtete bei: „Ich möchte auch nicht fotografiert werden, wenn ich gerade auf der Trage liege.“ 

Ein Foto indes, welches dokumentiert, wie ein Privatfahrzeug auf der Autobahn verbotenerweise durch eine Rettungsgasse fährt, könne hilfreich sein. Es sei auch als Beweismittel zugelassen. Kameras zuhause dürften allerdings nur das eigene Grundstück – und nicht das des Nachbarn – filmen, betonte Bootz.

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