Der Nächste, bitte: Dr. Al Shami verzweifelt bei der Suche nach einer geregelten Nachfolge

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Hausarzt Dr. Hussein Al Shami bei seiner täglichen Arbeit mit einem Patienten. Der 62-Jährige denkt noch lange nicht ans Aufhören, sucht aber schon seit Jahren nach einer geregelten Nachfolgelösung für seine Praxis. Jetzt hat er resigniert.

Werdohl - Jeden Morgen ist Dr. Al Shami ab sieben Uhr in seiner Praxis an der Feldstraße, dann ist es noch ruhig und er kann Verwaltungsarbeit erledigen. Um acht Uhr öffnet die Praxis, ohne Unterlass strömen Patienten in die beliebte Hausarztpraxis.

An besonders arbeitsreichen Tagen sitzt der 62-Jährige auch mal bis 20 Uhr in der Praxis. Kein Problem für den Arzt. Dr. Al Shami liebt seine Arbeit und mag seine Patienten, ans Aufhören denkt er noch lange nicht. Aber an die Zukunft: Vorausschauend kümmert er sich um eine geregelte Nachfolge – doch nach den jüngsten Erfahrungen mit der Ärztekammer hat er resigniert. 

Der in der Hafenstadt Alexandria am Mittelmeer geborene Mediziner hatte die Idee, sich den Nachfolger in seiner Praxis selbst auszusuchen. Weil er in Deutschland niemanden fand, perspektivisch eine Hausarztpraxis auf dem Land zu übernehmen, besann sich Al Shami auf seine Wurzeln. So suchte er per Anzeige einen Arzt beim Goethe-Institut in Alexandria. Dort hatte der Ägypter vor Jahrzehnten seinen Deutsch-Kurs absolviert, an der Uni von Alexandria schloss er 1979 sein Studium ab. 

Auf die Annonce meldete sich tatsächlich jemand. Der junge Mediziner Michael Ghbrial hatte fertig studiert, sechs Jahre als Arzt gearbeitet und sich Anfang 2017 bereit erklärt, sein Land zu verlassen und in Werdohl als Arzt tätig zu werden. Ghbrial hatte bereits einen Deutsch-Kurs absolviert und ein Visum mit Arbeitserlaubnis für Deutschland beantragt. Sogar einen Antrag auf die später erforderliche Sprachprüfung stellte er, alles war sehr gut geplant.

Gespräche mit der deutschen Botschaft

Ab da begannen die Probleme. Ghbrial bekam nicht so schnell wie erwünscht ein Visum. Al Shami lacht: „Er ist Kopte, er hätte sogar einen Asylantrag stellen können.“ Das kam natürlich nicht infrage, Michael Ghbrial wollte als zugelassener Arzt in Deutschland arbeiten. Al Shami schaltete Bürgermeisterin Voßloh ein, die sich an die deutsche Botschaft in Kairo wandte. Das lang ersehnte Visum kam, aber erst im Dezember 2017. 

Eine Stunde vor Öffnung der Praxis erledigt Dr. Al Shami Verwaltungsarbeit. In seinem Arztzimmer erinnert ihn manches an seine ägyptische Herkunft.

Al Shami stellte Ghbrial ab Februar 2018 als Arzt im Praktikum ein. „Dann kam die zweite Bremse“, erinnert sich Al Shami: „Er musste ewig auf den Sprachtest warten.“ Erst im April 2018 konnte Ghbrial die Prüfung vor der Ärztekammer ablegen, um fortan als Assistenzart arbeiten zu dürfen. 

Bis heute keinen Termin bekommen

Der weitere Weg war so gedacht: Ghbrial sollte drei Jahre auf der Inneren bei den Märkischen Kliniken und zwei Jahre in der Praxis von Al Shami arbeiten, um danach seine Facharztprüfung als Allgemeinmediziner ablegen zu können. Danach sollte er irgendwann einmal die Praxis übernehmen und wiederum Dr. Al Shami anstellen. Soweit der gute Plan. 

Doch bis heute hat der in Werdohl wohnende Michael Ghbrial keinen Termin bekommen, um seine Approbation ablegen zu dürfen. Zwar hat er seine „Berufserlaubnis nach Paragraf 10“ und kann als Arzt arbeiten, allerdings darf er keine Bereitschaftsdienste absolvieren. Dazu fehlt ihm die Approbation. „Ärzte ohne Approbation sind bei Krankenhäusern sehr unbeliebt, weil sie eine ganze Stelle innehaben, aber keine Bereitschaften machen dürfen.“ Michael Ghbrial schied deshalb zum Jahresende 2018 bei den Märkischen Kliniken aus, seitdem ist er faktisch arbeitslos. 

Al Shami ist fassungslos

Al Shami ist fassungslos: „Das scheitert gerade alles daran, dass er keinen Termin genannt bekommt.“ Nicht mal einen Zeitpunkt könne die Ärztekammer nennen. Unzählige Telefonate hätten nichts gebracht. Al Shami fühlt sich und seinen Kollegen respektlos behandelt. Erst in der vergangenen Woche erhielt er die Nachricht, das für die Termine die Bezirksregierung zuständig sei. Al Shami: „Wir haben für ihn im Mai 2018 den Antrag gestellt und bis heute wissen wir nichts. Ich bin so erschüttert. Es kann doch alles nicht wahr sein.“ Dem Klinikum macht er keinen Vorwurf: „Die stehen so unter Druck, die können nur mit approbierten Ärzten arbeiten.“

Michael Ghbrial will er aber nicht im Stich lassen: „Wenn er seine Approbation hat, kann er sofort bei mir anfangen. Ich telefoniere weiter.“ 

Durchschnitt liegt bei 1000 Patienten

Etwa 1000 Patienten seien der Durchschnitt für eine Hausarztpraxis, Dr. Al Shami hat „überdurchschnittlich viele Patienten“. Bis zum Jahresende 2018 herrschte Annahmestopp. Seitdem er tageweise Dr. Rinke angestellt hat (wir berichteten), können begrenzt neue Patienten aufgenommen werden. Eine gute Nachricht: Zum 1. April hat Dr. Rinke einen Nachfolger für seine ehemalige Praxis an der Bahnhofstraße gefunden. 

Manchmal bis zu vier Stunden Wartezeit

Al Shami weiß um seine extrem hohe Belastung. In ungünstigen Fällen müssen Patienten bei ihm bis zu vier Stunden warten. „Das ist eigentlich nicht zumutbar, aber ich kann es nicht ändern. Die Patienten haben gottseidank Verständnis. Die sagen mir, dass sie wissen, dass ich nicht noch mehr arbeiten kann.“ 

Wer endlich bei ihm im Arztzimmer sitze, wolle möglichst viel auf einmal abklären. Das kostet Zeit. Al Shami: „Und wenn hier jemand vor mir sitzt und weint und verzweifelt ist, kann ich ihn ja nicht einfach wegschicken.“

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