Serie: Deutsch-türkisches Miteinander in Werdohl

Hatice und Ali Akdeniz haben 1983 in Werdohl geheiratet, aber "Vorbehalte gegen uns als Türken gibt es heute noch"

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Ali und Hatice Akdeniz blättern in den alten Infoblättern und Zeitungsausschnitten, die sich mit Werdohl International und dem Integrationsprojekt „Wip el ele“ beschäftigen. Ali Akdeniz war im Jahre 2000 Vorsitzender des damaligen Ausländerbeirats. Das Ehepaar bedauert, dass es heute kaum noch Bemühungen um das deutsch-türkische Verhältnis in Werdohl gibt. Von der Integrationsarbeit hat sich Akdeniz weitgehend zurückgezogen, er ist jetzt SPD-Ratsherr.

Werdohl - Am Thema Integration hat sich Ali Akdeniz ganz offensichtlich abgearbeitet. Der 54-jährige Werdohler sitzt mit seiner Frau Hatice in seinem Haus an der Freiheitstraße auf dem Sofa und blättert in alten Zeitungsausschnitten und Infoschriften. Die meisten sind aus der Zeit Anfang der 2000er-Jahre. Akdeniz war der erste Vorsitzende des neu gegründeten Ausländerbeirates, türkische Migration in Werdohl war das Thema in aller Munde.

Der Mann aus Trabzon war einer der Motoren von „Werdohl International“, vom Werdohler Integrationsprojekt „Wip el ele“ und vom Türkischen Elternverein, er setzte sich mit viel Aufwand ehrenamtlich für die Integrationsarbeit ein. Heute engagiert sich der Altherren-Fußballer auf andere Art für die Stadt Werdohl, die seit 37 Jahren seine Heimat ist: Er ist SPD-Ratsmitglied und beschäftigt sich mit Themen wie beispielsweise dem Solidarpakt Kommunalfinanzen, der Regionale 2025 und der Vergnügungssteuer. Integrationsbemühungen? Akdeniz schüttelt enttäuscht den Kopf: „Die gibt es heute nicht mehr, leider.“

Neben Ali Akdeniz sitzt Hatice, seine Frau. 1983 haben sie mit gerade einmal 18 Jahren in Werdohl geheiratet. Ali Akdeniz ist zum Interview von der Arbeit zurück gekommen, auf dem Tisch stehen türkischer Tee, Würfelzucker, Dolma und gefüllte Fladen. Schnell kommt das Gespräch auf „Werdühl“. Der Begriff gefällt beiden nicht, nur außerhalb von Werdohl würde über die Stadt mit dem hohen Anteil türkischer Bevölkerung so abschätzig geredet. Ausschließlich Deutsche würden auf diese Weise schlecht über Werdohl und seine Türken sprechen.

Aber natürlich, so stimmen beide überein: Das deutsch-türkische Verhältnis sei nach wie vor von Vorbehalten geprägt. Besonders in ihrer Heimatstadt Werdohl gebe es eher ein Nebeneinander als ein wirkliches Miteinander. Hatice Akdeniz, die viele Jahre bei Kostal in Lüdenscheid gearbeitet und die Söhne Melih und Semih groß gezogen hat, bringt das deutsch-türkische Verhältnis mit einem typisch blumigen Satz auf den Punkt: „Erst kriegen sie Schiss und nachher umarmen wir uns.“

Vorbehalte gegen sie als Menschen aus der Türkei, die gab es schon immer und gebe es heute noch. Ali Akdeniz rollt mit den Augen: „Wir können Geschichten von Ablehnung und Ausgrenzung erzählen, da reicht ein ganzer Tag nicht aus.“ Viele Kränkungen lägen lange zurück. Ali Akdeniz: „Ich kenne einige total krasse Geschichten.“

Aber auch heute noch gebe es häufig genug eine spürbare Distanz beim ersten Kontakt mit ihr, bloß weil sie, Hatice Akdeniz, Türkin sei. Auch wenn der Vorbehalt nur selten offen ausgesprochen werde: „Man merkt das doch, diese Befangenheit.“ Immer noch kämpfe sie mit Vorurteilen, obwohl sie kein Kopftuch trägt, perfekt Deutsch spricht und westeuropäisch aussieht. Diese Distanz lege sich allerdings rasch, wenn man miteinander ins Gespräch komme. Sie habe noch nie erlebt, dass sie mit jemandem nicht auskomme. Aber: „Die erste Befangenheit ist einfach immer noch da.“ 

Viele Deutsche hätten eine bestimmte Meinung von den Türken: „Damit kämpfen wir seit Jahrzehnten.“ Hatice kam 1972 als kleines Mädchen mit ihrer Familie ins beschauliche Lemgo. „Ich war da das einzige türkische Kind weit und breit“, erinnert sie sich. Sie sei unter Deutschen aufgewachsen, als kleines Türkenmädchen sei sie dort willkommen geheißen worden. Zu ihrer Grundschulzeit habe sie perfekt Deutsch gelernt, damals habe sie besser als heute Grammatik und Wortschatz beherrscht. 

Das kann man sich im Gespräch am Wohnzimmertisch eigentlich nicht vorstellen, die 54-jährige hat sogar eine leichte westfälische Einfärbung in ihrer Sprache. Weil in Lemgo sonst niemand türkisch sprach, lernte sie schnell die deutsche Sprache. Pädagogische Unterstützung habe es damals keine gegeben. „Ich habe Monate gebraucht, um den Stundenplan zu verstehen“, darüber lacht sie heute.

Ihr Mann Ali Akdeniz hatte es viel schwerer mit der deutschen Sprache. Wie Hatice in Trabzon geboren, kam er erst im Alter von 17 Jahren nach Werdohl. Eltern und jüngere Geschwister waren schon in Werdohl, Ali wollte erst seine Schule in der Türkei zum Abschluss bringen. Vater Akdeniz war 1976 nach Westfalen gekommen, der Arbeit wegen. Heute lebt er mit seinem Sohn im selben Haus.

Mit der in Deutschland nicht anerkannten mittleren Reife in der Tasche traf Ali Akdeniz im September 1980 an der Lenne ein. Ali war lernbegierig, eifrig und fleißig. „Ich war wild entschlossen, die deutsche Sprache zu lernen.“ Im September 1982 hatte er eine Lehrstelle ergattert, 1983 heiratete er seine Hatice, die er erst in Werdohl kennen gelernt hatte.

„Meine Generation ist praktisch aus der Türkei geflüchtet“, meint er. Natürlich habe es wirtschaftliche Gründe gegeben, aber er habe auch die politische Situation der Türkei in den 1980er-Jahren als unerträglich empfunden. „Meine Generation wollte da einfach weg.“

In Werdohl gab es damals viele Arbeitsplätze in der Industrie, Brüninghaus war auch in Trabzon und anderen türkischen Städten ein Begriff. „Jeder, der hier Arbeit gefunden hatte, erzählte davon Freunden und Familie“, erinnert sich Akdeniz.

Ali Akdeniz hatte – wie viele andere junge Türken seinerzeit auch – keinen Integrationskurs, keine VHS-Sprachkurs, keine Unterstützer, keine deutschen Freunde. „Ich habe den Süderländer abonniert, um mich zu informieren, was in Werdohl so passiert“, weiß er. Auf der Königsburg fand das junge Paar eine eigene Wohnung. Das klappte aber nur mit Beziehungen. Weil Ali Akdeniz sich als Fußballer bei der FSV engagierte und einige Kontakte in die Stadtverwaltung hatte, bekam das junge Paar eine Wohnung mit Gasanschluss. 

Die Türken seien zu der Zeit komplett unter sich geblieben, man traf sich in der Moschee, auf Familienfesten und Hochzeiten. Durch den Fußball habe er viele deutsche Freunde gefunden. Aber auch er erinnert sich: „Es gab überall Vorbehalte, weil wir Türken sind.“

Viele türkische Einwanderer seien damals nur einfache Arbeiter gewesen und hätten dementsprechend unqualifizierte Arbeitsplätze gehabt. Akdeniz erkannte das schnell, machte eine Ausbildung und arbeitet bis heute als Facharbeiter. Die türkischen Familien der zweiten Generation wie Hatice und Ali Akdeniz hatten es schwer auf dem Wohnungsmarkt. Manche Vermieter hätten es ganz offen gesagt: „Hier kommen keine Türken rein.“ Viele Türken fanden Unterkünfte auf dem Bremfeld, weit ab von der Stadt, in einer Art Ghetto. „Damals hieß es: Auf dem Bremfeld wohnen schon viele Türken, da kriegst Du auch noch eine Wohnung.“

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Hatice Akdeniz wird kurz wütend, wenn sie sich an die Zeit erinnert: „Die haben uns damals alle in eine Ecke gedrängt.“ Die türkische Bevölkerung sei benachteiligt worden. Auch als das Paar rasch hintereinander die zwei Söhne bekam. „Unsere Kinder durften nur das letzte Jahr vor der Schule einen Kindergarten besuchen, das war einfach so.“ Als junge Mutter, die für ihre Kinder dieselben Chancen wie die für deutsche Kinder haben wollte, war das eine harte Nummer. Auf der Königsburg seien die beiden Jungs in einer Straße aufgewachsen, in der kein Wort Deutsch gesprochen wurde. Apropos Sprache: Ali und Hatice Akdeniz hatten entschieden, dass ihre beiden Söhne zuerst die türkische und danach die deutsche Sprache lernen sollten. Die beiden sollten zuerst ihre Muttersprache lernen, damit ihnen das Deutsch-Lernen leichter falle. So sei es auch gewesen. „Die beiden haben sogar Harry Potter auf Türkisch gelesen“, lacht Hatice Akdeniz. Die beiden Jungs leben mit ihren 26 und 27 längst ihre eigenen Leben.

„Irgendwann wollten wir auch was von unserem erwirtschafteten Wohlstand haben“, erinnert sich Ali Akdeniz. Die Wohnung wurde zu klein, beide hatten regelmäßig gutes Einkommen: „Wir wollten unser eigenes Haus.“ Auch da habe es viele Schwierigkeiten und Vorbehalte gegeben. Die Türken hätten damals keine Chance auf vernünftige Wohnungen in der Innenstadt gehabt, nur weil sie Türken seien – also hätten sie angefangen, eigene Häuser zu kaufen und an Landsleute zu vermieten.

Auch da wieder sei es zu türkischen Nachbarschaften und zu einer weiteren Ghettoisierung gekommen, weil eben nicht jeder Deutsche sein Haus an einen Türken verkaufen wollte. Das Ehepaar verdeutlicht ihren Bezug zu Werdohl und Deutschland noch einmal ganz deutlich: „Auch wenn wir Türken in Deutschland nie willkommen waren, sind wir hier Zuhause.“

Ali Akdeniz gibt noch ein Beispiel: „In der Türkei mache ich Urlaub, da lasse ich die Hände in den Taschen.“ Wenn er nach Hause nach Werdohl komme, engagiere er sich für sein Leben in Werdohl. Und auch das ist eine Aussage: „Wir wollen hier alt werden, weiter unser Haus verschönern und ein schönes Leben haben.“

Die Eheleute Akdeniz sind Muslime, beide besuchen die Ditib-Moschee. Als ganz besonders gläubig sehen sie sich nicht. Ali Akdeniz bete nicht fünf Mal am Tag, dafür besuche er so oft es gehe am Freitag die Moschee. Seine Frau trägt nur Kopftuch, wenn sie die Moschee besucht: „Das gehört sich doch so bei uns.“ Im Alltag trage sie nie Kopftuch. Den starken familiären Zusammenhalt halten die beiden eher für eine Frage der Kultur und der Erziehung, das sei keine Frage des Glaubens. Vater und Mutter zu ehren, sei eine Selbstverständlichkeit.

Ali Akdeniz lächelt: „Ich bin jetzt 54 Jahre alt, aber wenn mein Vater in mein Wohnzimmer kommt, stehe ich ihm zur Ehre auf.“ Einen besonderen Einfluss des Islam auf das familiäre Verhalten können sie hier nicht erkennen. Auch das starke Ehr-empfinden junger Türken gegenüber ihren Familien, besonders zur Mutter, sei eine Frage von Erziehung und den damit verbundenen Rollenbildern, nicht des Islams.

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