Serie: Deutsch-türkisches Miteinander in Werdohl

„Werdühl“ und die Integration: Wie steht es heute um das deutsch-türkische Verhältnis?

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Mit einem einzigen Wort wird die außergewöhnlich hohe türkischer Migration in die Stadt an Lenne und Verse auf den Punkt gebracht: „Werdühl“.

Werdohl - Mit einem einzigen Wort wird die außergewöhnlich hohe türkischer Migration in die Stadt an Lenne und Verse auf den Punkt gebracht: „Werdühl“. Innerhalb und außerhalb der Stadt weiß jeder, was mit diesem eher abschätzigen Begriff gemeint ist: Werdohl stand über Jahre in den Schlagzeilen als eine der NRW-Städte mit dem höchsten Ausländeranteil, von denen etwas mehr als die Hälfte aus der Türkei stammt.

In einer mehrmonatigen Reportagereihe wollen wir in unterschiedlichen Bezügen aufzeigen, wie sich das aktuelle deutsch-türkische Verhältnis über die Jahre entwickelt hat.

Das 2003 gegründete deutsch-türkische Integrationskonzept „Wip el ele“ (Werdohler Integrationsprojekt Hand in Hand) würde dieser Tage 15 Jahre alt, wenn es nicht schon 2014 den Sparzwängen des Haushaltssicherungskonzeptes geopfert worden wäre. „Wip el ele“ stand jahrelang im Interesse der Landesregierung und wurde finanziell gefördert.

Der Rat befürchtete türkische Überfremdung

Anfang der 2000er-Jahre fürchteten der Werdohler Rat und Bürgermeister Wolf gar eine „Überfremdung“ der Stadt und baten die Landesregierung unter Ministerpräsident Wolfgang Clement um eine Regulierung des Zuzugs von Türken nach Werdohl.

Gleichzeitig entwickelte sich das Werdohler Modell deutsch-türkischer Integration zum Vorzeigeprojekt und strahlte bis in die Hauptstadt Berlin. Viele Akteure arbeiteten an der Idee von „Werdohl International“ mit, bis das Integrationsprojekt 2014 von heute auf morgen eingestampft wurde. Kurz darauf erreichte der Flüchtlingsstrom vor allem aus Syrien auch die Stadt Werdohl – von türkischer Migration und Integration sprach auf einmal niemand mehr.

Nur in wenigen Städten in NRW ist der türkische Anteil an Migration so hoch wie an Lenne und Verse. Musliminnen mit Kopftuch und langer schwarzer Bekleidung (wie hier die Mädchengruppe der Ditib-Moschee) gehören zum Stadtbild. 

Erdogan polarisiert Deutsche und Türken

Jahre später sieht die Situation wieder anders aus: Der türkische Präsident Erdogan polarisiert Deutsche wie Türken gleichermaßen. Die große Politik und das überlagernde Thema Islam werden hier im Sauerland genauso diskutiert wie in Berlin und Ankara.

Es stellen sich viele Fragen: Sehen sich Türken und Türkinnen in Werdohl integriert? Was heißt es für sie, von „Werdühl“ zu sprechen? Wie sehen türkische Migranten mehrerer Generationen ihre eigene Situation in der Stadtgesellschaft, im privaten Umfeld, in Vereinen und am Arbeitsplatz? Warum gibt es keine wirkliche Durchmischung der deutschen und der türkischen Familien in Werdohl?

Es gibt in Werdohl Parallelgesellschaften von Familienclans, die in eigenen Geschäften einkaufen, ihre Kinder nur miteinander verheiraten, Erdogan als ihren wahren Präsidenten ansehen und die in der Familie nur türkisch sprechen. Manche Türken nehmen die Vorteile der liberalen und wirtschaftsstarken deutschen Gesellschaft wahr, halten sich aber am liebsten in der eigenen türkischen Gemeinschaft und in starken Familienverbünden auf.

Neu erwachtes Selbstbewusstsein

Woher kommt das erwachte Selbstbewussstein der Ditib-Gemeinde, die nach vergeblichen Anläufen jetzt ein Minarett und eine Kuppel bauen will? Warum entscheiden sich in Deutschland geborene junge Musliminnen plötzlich wieder für das Kopftuch? Worin unterscheiden sich die großen Moscheevereine in Werdohl? Gibt es konkret benennbare Probleme zwischen deutschen und türkischen Werdohlern? Wie sehen das unsere Leser, von denen die türkischsprachigen Abonnenten eine Ausnahme darstellen? Welche Rolle spielt die stark ausgeprägte Familienbindung vieler Türken? Was ist hier eine Frage der Religion, was eine Frage der Tradition und des kulturellen Hintergrunds?

Wie beschreiben das die Türkinnen und Türken mit deutschem Pass, die sich selbst als Werdohler bezeichnen und seit Jahrzehnten ihre Heimat und ihre Zukunft an Lenne und Verse sehen? Welches Binnenverhältnis haben diese Menschen zu ihren Landsleuten, für die die Türkei ihre einzig wahre Heimat ist? Was denken junge Deutschtürken?

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Vorurteile ausräumen und Dialog herstellen

Wir haben mit vielen in Werdohl lebenden Menschen türkischer Abstammung gesprochen und zeichnen ein facettenreiches Bild türkischer Migration in Werdohl. Dazu stellen wir Interviews mit deutschen Akteuren auf dem weiten Arbeitsfeld der Integration. Begleitend zu den Interviews veröffentlichen wir Ergebnisse aktueller Umfragen zum deutsch-türkischen Verhältnis, Ansichten von Migrationsforschern und Begriffserklärungen.

Klar ist schon jetzt, dass beide Seiten zu wenig voneinander wissen. Die Reportagereihe soll vor allem Vorurteile ausräumen und durch einen ehrlichen Dialog für ein besseres gegenseitiges Verständnis sorgen. Probleme werden offen angesprochen. Nachfragen bei Polizei und Arbeitsamt beleuchten auch auf diesen Lebensfeldern das Verhältnis von Deutschen und Türken.

Auch die kritische Haltung deutscher Werdohler soll nicht zu kurz kommen. Problemfelder sind hier das vollkommen andere Öffentlichkeitsverständnis der türkischen Vereine und Gemeinden, die Sprach- und Erziehungsproblematik an Schulen und die Differenzen wegen des unterschiedlichen Religionsverhältnisses von Christen und Muslimen. 

Meine Sicht

Von Volker Heyn

Ich lebe seit 53 Jahren im Lennetal und habe keinen einzigen Bekannten türkischer Abstammung. In meiner Grundschulklasse gab es ein spanisches Mädchen. In der Nachbarschaft meiner Eltern wohnte eine türkische Familie, die wegzog. In meinem Abiturjahrgang gab es nicht einen Ausländer. 

Ich gestehe es mir ein: Ich hatte mir ganz unbewusst ein durchaus von Vorurteilen geprägtes Bild über ‘die Türken’ gemacht. Erst bei meiner journalistischen Arbeit hier in Werdohl lernte ich viele Türkinnen und Türken persönlich kennen. Im Zuge der Serie „Werdühl“ ist mir von meinen Gesprächspartnern überwältigend viel Vertrauen und Offenheit entgegen gebracht worden. Ich habe viele sehr persönliche Lebensgeschichten gehört. Dafür bin ich sehr dankbar. 

Bei jedem Gespräch habe ich wohl Integrationsarbeit geleistet, die ausschließlich daraus bestand, miteinander zu sprechen und sich gegenseitig zuzuhören. Das kann jeder in dieser Stadt tun, es ist wirklich ganz einfach.

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