Serie: Deutsch-türkisches Miteinander in Werdohl

Von Selbstständigkeit und der Angst vor der AFD - Die Geschichte der Familie Cici

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Die Cici-GmbH ist ein Familienunternehmen: Vater Harun (54) hat vor 25 Jahren den für ihn als Türken sehr schwierigen Schritt in die Selbstständigkeit geschafft. Heute führt er die Geschäfte mit seinem Sohn Hakan (28). Tochter Burcu (25) ist Bürokauffrau und arbeitet mit im Büro an der Neustadtstraße 19.

Werdohl - Harun und Hakan Cici, Vater und Sohn, Türke und Deutscher, erfolgreiche Immobilienkaufleute, Muslime, zwei unterschiedliche Sichten auf das deutsch-türkische Verhältnis in Werdohl.

Harun Cici (54) erzählt stolz seine Geschichte von 25 Jahren beruflicher Selbstständigkeit, von seinen Problemen, als er als junger Bankkaufmann nach Deutschland kam. Manchmal klingt seine Geschichte wie der amerikanische Traum vom Tellerwäscher zum Millionär, wenn auch bitterer.

Hakan Cici (28) spricht einwandfrei deutsch, ist in Wuppertal geboren, hat gerade eine Frau aus Giresun geheiratet, posiert mit seinem Rottweiler Toni, erzählt von seiner Angst vor der AfD und seinem Verhältnis zum Islam.

Hakan Cici mit seinem Rottweiler Toni: „Ich habe Angst davor, dass die AfD bald 25 Prozent bekommt und irgendwann mit der CDU zusammenarbeitet.“

Derweil sitzt Schwester Burcu im Familienbüro und hört zu, was die beiden Männer erzählen. Cici in Werdohl – eine interessante Familiengeschichte.

Den ersten Kontakt im Cici-Büro an der Neustadtstraße hat der Besucher mit Toni. Der imposante Rottweiler schnuppert freundlich am Hosenbein – wer Angst vor Hunden hat, sollte das deutlich sagen. Toni gehört Hakan Cici, dem ältesten Sohn von Harun Cici.

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Warum Toni? „Weil er für mich irgendwie nach so ‘nem Toni aussah“, lacht Hakan auf eine sehr sympathische und herzliche Art. Der kräftige junge Mann im Anzug mit seinem riesigen Rottweiler-Rüden: Das Bild hat schon eine gewisse Wirkung. Schnell entstehen Bilder im Kopf, von meinen Vorstellungen vom wohlhabenden Türken mit Kampfhund kann ich mich nicht ganz frei machen.

Vater Harun ist aufgestanden von seinem Schreibtisch mit dem riesigen weißen Bildschirm weiter hinten im Büro. Er hat ein sensationell freundliches Verkäufer-Lächeln aufgesetzt, schüttelt mir die Hand, ist genau wie sein Sohn ausgesucht höflich und gastfreundlich. Hinter ihm an der Wand Familienfotos, Urkunden und Diplome in türkisch und deutsch.

Harun Cici ist stolz darauf, seit 25 Jahren selbstständig zu sein.

Harun Cici erzählt seine Familiengeschichte, er ist extrem stolz darauf, seit 25 Jahren selbstständig in Deutschland sein Gewerbe zu betreiben. Harun spricht gut Deutsch, in seiner noch manchmal direkt aus dem Türkischen ins Deutsche transformierten Sprache finden sich manche wunderbar blumigen Ausdrücke.

Was er als Geschichte seiner Einwanderung mit seinem Lächeln und den vielen schönen Worten erzählt, ist allerdings alles andere als nett und blumig.

Harun Cici wurde 1964 in Giresun am Schwarzen Meer geboren und absolvierte eine Lehre sowie eine universitäre Schulausbildung in Izmir als Bankkaufmann. Einige Jahre arbeitete er in seinem Beruf, als er der Liebe wegen nach Deutschland umziehen wollte.

Seine Frau Hatice lebte und arbeitete damals in Wuppertal, sie stammt ebenfalls aus Giresun. Hatice war in Deutschland zur Schule gegangen, hatte eine Arbeitserlaubnis und war mit „kleine Baby Hakan“ schwanger. Vater Harun formuliert bewusst: „Ich war als Tourist von meiner Frau zur Geburt unseres Sohnes nach Wuppertal eingeladen worden.“

"Ich hatte von der Grundschule bis zur Uni nur Gutes über Deutschland gehört." - Harun Cici

Harun wollte aber ganz nach Deutschland: „Ich hatte von der Grundschule bis zur Uni nur Gutes über Deutschland gehört.“

Noch sprach Harun kein einziges Wort der Sprache seiner zukünftigen Wahlheimat, außerdem hatte er nur ein Touristen-Visum. Also musste er nach seinem Urlaub wieder zurück in die Türkei.

Doch die Dinge fanden sich. Harun Cici lernte Deutsch und mithilfe seines besten Freundes Ismail Kaya aus der Grundschulzeit in Giresun kam Familie Cici Ende 1991 nach Werdohl: „Als ich da die Lenne so in den grünen Tälern sah, dachte ich, dass es hier genauso schön ist wie in Giresun.“

Allerdings wohnten Cicis wie viele andere türkische Migranten auch am Bremfeld. Nicht die schönste Wohngegend in Werdohl. „Meine Frau und ich hatten uns damals überlegt, was für unsere Familie besser ist: Deutschland oder Türkei.“ Das Ehepaar entschied sich für Deutschland.

Das Diplom von Harun als Bankkaufmann war in Deutschland nicht anerkannt, aber er musste Geld für seine Familie verdienen. Er brauchte eine Arbeitsgenehmigung.

Nach Jobs in einer Metallwäscherei und als Pfannengießer erhält Cici endlich eine Arbeitserlaubnis

Auf dem Amt habe man ihm damals ganz klar gesagt, dass er in der Rangfolge der Arbeitsuchenden ganz hinten stehe: Erst die Deutschen, dann die anderen Europäer, ganz zum Schluss die Türken.

„Das hat man mir so ins Gesicht gesagt,“ sagt Harun Cici und das breite Lächeln ist verschwunden. Wie andere auch habe er erlebt, dass die Türken in Deutschland einfach nicht willkommen gewesen seien.

Harun Cici, nicht gerade ein besonders körperlich starker und großer Mann, fand Arbeit in einer Metallwäscherei. Drei Tage schaffte er es, 80 Kilo schwere Kübel zu bewegen, dann verabschiedete er sich.

Die nächste Arbeit fand er in einer Pfannengießerei in Kleinhammer, allerdings nicht im Büro, wie er es sich wünschte. „Ich habe jeden Tag wie eine Maschine Pfannen gegossen, das war sehr schwer für mich. Ich war doch Bankkaufmann.“

In der Zeitung las er Stellenanzeigen, fand bei Klauke in Dresel einen Job als Lagerist. Mit der Hilfe des Personalchefs bekam er endlich auch eine Arbeitserlaubnis. Der Job war körperlich nicht mehr so schwer, Cici ist heute noch dankbar: „Der Personalchef von Klauke hatte mein Leben in Deutschland gerettet.“

Der junge Familienvater entdeckte bald darauf eine Stellenanzeige der Bausparkasse Wüstenrot. „Ich bin ein Mann der Wirtschaft, ich wollte mehr Geld verdienen und mein eigener Chef sein.“

Urkunden und Diplome hängen in Harun Cicis Büro auf türkisch und deutsch.

So begann die Karriere von Harun Cici in Werdohl. 1993 wurde er selbstständiger Bezirksleiter bei Wüstenrot im Haus an der Neustadtstraße direkt gegenüber dem heutigen Domizil. Cici verkaufte Kredite und Finanzierungen, bald auch Versicherungen.

Mehr oder weniger durch Zufall und aufgrund eines Missverständnisses hatte er beim Gewerbeamt in Werdohl seine Zulassung als Selbstständiger bekommen. Als er wegen einer Erweiterung seiner Zulassung als Immobilienmakler beim Kreis in Lüdenscheid vorstellig wurde, verweigerte man ihm die Genehmigung.

Nach langem Hin und Her mit den Behörden gelang es ihm letztlich doch, von den Behörden die nötige Anerkennung zu bekommen. Wieder schwindet das Lächeln aus dem Gesicht, wenn er an die vielen Zurückweisungen von damals denkt.

Aber Cici hatte gute deutsche Freunde, für deren Hilfe er heute noch sehr dankbar ist. Die früheren Bürgermeister Pfeifer, Wolf und Griebsch hätten sich für ihn und seine Familie eingesetzt.

Die Geschäfte liefen sehr gut. Mittlerweile waren die Töchter Duygu (27), Burcu (25) und Sohn Onur (17) geboren.

Vater Harun und Sohn Hakan gründen ein zweites Unternehmen

Jetzt wollte Cici eine Veranstaltungshalle kaufen, um Raum für große türkische Hochzeiten und andere Feiern anbieten zu können. Nach vielen Absagen kaufte er 2011 das heutige Cici-Saray an der Gewerbestraße 12. Die ganze Familie zog in die dazugehörigen Wohnungen um.

Gleichzeitig gründete Vater Harun mit seinem Sohn Hakan eine zweite Gesellschaft, die Cici GmbH. Dem Geschäftsmann war und ist sehr wichtig, nicht als orientalischer Basar-Händler dazustehen. „Cici trickst nicht“, sagt er, „deshalb stehe ich immer als privat haftende Person für meine Geschäfte ein.“

Hakan und Burcu hat er selber ausgebildet, Tochter Duygu studierte Lehramt in Köln und durchläuft gerade ein Referendariat in Dortmund. Der jüngste Sohn besucht die kaufmännischen Schulen in Ostendorf.

„Ich bin der einzige Türke in meiner Familie, ich bin Zuhause Ausländer“, lacht er wieder. Frau und Kinder haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Er hielte es so: Deutschland sei sein Vaterland, die Türkei sein Mutterland. Sein Freundeskreis sei halb deutsch, halb türkisch.

Viel mehr zum Thema Integration will der Unternehmer nicht unbedingt erzählen, nur von beruflichen Auseinandersetzungen mit dem Altenaer Bürgermeister Hollstein spricht er. Das habe allerdings nichts mit seiner Herkunft zu tun, betont er.

Die meiste Zeit hat Sohn Harun still das Gespräch mitgehört, jetzt ist er an der Reihe, seine Geschichte zu erzählen. Hakan ist deutlich moderner und politischer als sein Vater und hat auch keine Schwierigkeiten, seine Meinung über das deutsch-türkische Verhältnis offen zu vertreten.

Hakan Cici hat sich im Urlaub in der Türkei verliebt und geheiratet

Mit dem Ausländerstatus der Türken in Deutschland hat er sogar aktuell zu tun. Im Urlaub in Giresun hat er sich verliebt und standesamtlich geheiratet.

Bevor die Sache ganz groß Zuhause im Cici-Saray in Werdohl gefeiert werden kann, braucht seine Frau zunächst eine Aufenthaltsgenehmigung. Schon mehrfach seien sie nach Ankara geflogen, um Sprachtests zu absolvieren und Papiere zu besorgen.

Hakan Cici findet sofort ins Thema: „Ich bin Deutscher und höre immer wieder was von Scheiß-Türke.“ Das Wort Türke werde immer noch wie ein Schimpfwort benutzt.

„Ich will gar nicht von ‘die’ und ‘wir’ sprechen“, sagt er ganz entschieden. Das ließe sich ja gar nicht genau definieren.

Deutschstämmige hätten offensichtlich schnell das Gefühl von Überfremdung und Angst vor Einwanderung von Ausländern, egal welcher Herkunft. Dabei seien die Türken schon seit mehr als 30 Jahren in Deutschland und müssten sich jetzt selbst mit dem Zuzug von Rumänen und Bulgaren auseinandersetzen. Und ein Verhältnis zu den Muslimen aus Syrien finden.

„Ich habe das Gefühl, dass hier die Integration vernachlässigt wird“, meint er. Viel zu leicht werde mit dem Finger auf andere gezeigt. Die AfD hält er für gefährlich: „Die picken sich irgendwelche Fälle heraus und hetzen.“

Angst vor der AFD und ihrem Einfluss auf das Zusammenleben der Menschen

Der 28-Jährige hat in Lüdenscheid Abitur gemacht und seine Berufsschule in Bochum absolviert, die allermeisten seiner Freunde sind Deutsche. Er spricht viel besser deutsch als türkisch, sein Zuhause sei Werdohl, in der Türkei sei er nur ein Gast.

Vor dem wachsenden Einfluss der AfD auf das Zusammenleben der Menschen habe er richtiggehend Angst. Bei der jüngsten Wahl hätten 13 Prozent der Werdohler die AfD gewählt: „Das ist hier jeder achte Werdohler.“

Bald seien es 20 Prozent: „Dann ist es schon jeder Fünfte.“ Hakan redet sich etwas in Rage: „Hetze, Hetze, Hetze. Was die Rechten im Bundestag von sich geben ist unter aller Sau.“

Deutschland sei das beste Land der Welt, sagt er aus voller Überzeugung. „Ist doch kein Wunder, dass Menschen aus aller Welt zu uns wollen.“

Die großen Unternehmen seien Meister im Ausbeuten anderer Länder, Deutschland habe deshalb auch eine Verantwortung für Migranten und Flüchtlinge.

Und welche Rolle spielt der Islam im deutsch-türkischen Verhältnis? „Viele sehen den Islam nicht als Religion an, sondern als Ideologie. Wir Muslime werden auf das eine Prozent reduziert, die Kinder verheiraten und Frauen schlagen.“

Deutschland sei ein christliches Land, der Islam gehöre zu Deutschland. Fünf Millionen Muslime lebten in Deutschland, das könne man besser in einem Staatskirchenvertrag regulieren. Islam-Unterricht solle auf deutsch erteilt werden.

„Die Integrationsarbeit der vergangenen 20 Jahre ist mit der ersten Flüchtlingswelle kaputt gegangen“, so habe er es in Werdohl erlebt.

Da kommt seine Angst vor Fremdenfeindlichkeit wieder hoch: „Ich habe Angst davor, dass die AfD bald 25 Prozent bekommt und irgendwann mit der CDU zusammenarbeitet.“

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