Serie: Deutsch-türkisches Miteinander in Werdohl

Junge türkeistämmige Sozialarbeiterinnen über Kopftücher, Schweinefleisch und die Kosten türkischer Hochzeiten

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Pädagogin Ümmühan Bekis (29), Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin Sinem Babuscu (27) und Praktikantin Elif Öztürk (22) arbeiten in der Awo-Beratungsstelle für Migranten und Flüchtlinge in Werdohl. Die jungen Musilma sprechen offen über ihre Familien, ihre Ansichten zum deutsch-türkischen Verhältnis und ihre Arbeit.

Werdohl - Ümmühan Bekis, Sinem Babuscu und Elif Öztürk sind sich am Ende des langen Gespräches einig: Besser Gebildete haben weniger Vorurteile. Wer sich über die Lebensart seines Nachbarns informiere, habe weniger Probleme.

Das gelte für alle Seiten, die deutsche wie für die türkische, für Männer und Frauen gleichermaßen. Babuscu hat sich mit dem Thema wissenschaftlich beschäftigt. Ihre Bachelor-Arbeit hatte als Thema: „Ankommensorte türkischer Frauen in den 60er- und 70er-Jahren in Lüdenscheid.“

Bekis, Babuscu und Öztürk sitzen im Awo-Büro an der Schulstraße in Werdohl. Wir wollen über das deutsch-türkische Verhältnis in Werdohl sprechen. Mit dem Thema beschäftigen sie sich im Beruf, wenn auch nur in Teilbereichen. Babuscu arbeitet in Werdohl im Jugendmigrationsdienst der Awo, Bekis bietet in Werdohl Flüchtlingsberatung und in Lüdenscheid Hilfe für erwachsene Zuwanderer an. Der Anteil der Türkeistämmigen, die sich an die Awo wendet, werde immer geringer. Die Einwanderer der zweiten und dritten Generation wüssten sich in der Regel selbst sehr gut zu helfen.

"Ich habe mit 16 Jahren beschlossen, das Kopftuch zu tragen." - Ümmühan Bekis, Pädagogin

Als erstes fällt auf, dass Bekis und Öztürk ein Kopftuch und geschlossene Oberbekleidung tragen. Beide erklären, das Kopftuch aus freien Stücken zu tragen. Ümmühan Bekis: „Ich habe mit 16 Jahren beschlossen, das Kopftuch zu tragen. Meine älteren Schwestern tragen keins.“ Die 29-jährige aus Plettenberg mit deutschem Pass legt Wert darauf, dass es ihre persönliche Glaubensentscheidung gewesen sei: „Es ist keine traditionelle Weitergabe gewesen, sondern ich ganz allein wollte es so.“ Für sie sei es ausschließlich der Ausdruck ihrer Religiösität.

Auch die 22-jährige Studentin Elif Öztürk, ebenfalls deutsche Staatsbürgerin, trägt ganz bewusst Kopftuch. Sie ist in Berlin geboren und in Neuenrade aufgewachsen, jetzt studiert sie Soziale Arbeit in Dortmund. „Meine Mama trägt kein Kopftuch“, stellt auch sie fest, dass das Kopftuch für sie eine ganz persönliche Entscheidung war und ist.

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Wer so bewusst ein Kopftuch trägt wie Öztürk und Bekis, sorgt damit für Abgrenzung. Diese Position vertritt zum Beispiel auch Mariella Ourghi, eine 2015 verstorbene Islamwissenschaftlerin. Sie sagte in einem Interview: „Emanzipation und Feminismus sind nicht vereinbar mit dem Kopftuch. Die Verschleierung ist ein Symbol der Ausgrenzung – in allen ihren Formen. Indem Musliminnen unter anderem zeigen wollen: Ich bin besser als andere muslimische oder als nicht muslimische Frauen.“

Sinem Babuscu – ohne Kopftuch – sieht sich beim Gespräch mit ihren Kolleginnen zu einer Erklärung genötigt: „Weil ich kein Kopftuch trage heißt das nicht, dass ich nicht religiös bin.“ Sie bete, allerdings nicht fünf Mal am Tag. Ihre Mutter habe über viele Jahre das Kopftuch abgelegt, jetzt, als Rentnerin, trage sie es wieder.

Das Kopftuch fällt auf, soviel ist sicher. Ümmühan Bekis erinnert sich an Situationen in ihrem Studium. Bei Fragen zum Islam sei immer nur sie gefragt worden. Ihre türkische Kommilitonin ohne Kopftuch sei nicht angesprochen worden.

"Ich bin sehr liberal aufgewachsen." - Sinem Babuscu, Sozialarbeiterin/-pädagogin

Die Lüdenscheiderin Sinem Babuscu versucht eine Orientierung der Begriffe: Religionen, Traditionen und Kulturen seien unterschiedliche Aspekte, man könne nicht über Menschen aufgrund ihrer Äußerlichkeiten urteilen. Ebenso seien manche Rollenbilder überkommen, das Verhältnis von Männern und Frauen habe sich deutlich gewandelt.

Ihre Eltern seien in den 70er-Jahren aus der Türkei nach Lüdenscheid gekommen, Babuscu ist in der Bergstadt geboren, aber türkische Staatsangehörige. Über ihre Erziehung sagt sie: „Ich bin sehr liberal aufgewachsen.“ Sie setzt zwei Voraussetzungen für das Zusammenleben von Türkeistämmigen und Deutschen ganz nach oben: Sprache und Bildung.

Bekis erinnert sich an die Generation ihrer Großeltern und zum Teil auch an die ihrer Eltern. „Die Frauen haben sich damals geschämt und hatten auch Angst, weil sie kein Deutsch sprechen konnten.“ Für die Einwanderinnen der ersten Generation gab es keine Deutschkurse und auch sonst kaum Möglichkeiten, die Sprache zu erlernen. „Die haben sich beim Einkaufen gefürchtet, dass sie aus Versehen etwas kaufen, in dem Schweinefleisch enthalten ist.“ Die erste Generation Türken in Deutschland habe sich säckeweise Lebensmittel aus der Türkei zuschicken lassen. Später hätten die Türken eigene Läden aufgemacht, in denen nur die Türken gekauft hätten. Türkische Dienstleister etablierten sich, so entstand nach und nach eine Parallelgesellschaft.

Ümmühan Bekis kommt auf die heutige Zeit zu sprechen: „Es gibt immer weniger Einwanderer der ersten Generation mit Problemen. Und die können mittlerweile so gut die deutsche Sprache, dass sie alle ihre Belange selber regeln können.“

Alle drei jungen Frauen essen kein Schweinefleisch. Sinem Babuscu erinnert sich: „Neulich habe ich einen Schmierkäse vom Rewe mitgenommen, da war Schweinefleisch drin.“ Sie sei verunsichert gewesen und habe ihre Mutter gefragt. Weil es unwissentlich geschah, sei es auch nicht schlimm gewesen.

"‘Schwein? Nein!’ Das lernen die Kinder in den türkischen Familien." - Ümmühan Bekis

Tatsächlich ist den Kindern die Angst vor Schweinefleisch regelrecht eingetrichtert worden: „Schwein? Nein!“ Das lerne jeder Junge und jedes Mädchen in der Familie. Kindergartenkinder würden sich erkundigen, ob im Essen „Schweinchen drin“ sei. Auch das habe sich in vegetarischen und veganen Zeiten in Deutschland geändert. Selbstverständlich gebe es überall in Kindergärten, Schulen und Behörden Gerichte ohne Schweinefleisch.

Akzeptanzprobleme als Frauen haben sie in ihrer Arbeit nicht. Ümmühan Bekis weiß, wie bekannt sie bei Migranten und Flüchtlingen ist: „Geh zur Awo, da ist ein türkisches Mädchen, die hilft.“ Sinem Babuscu berichtet von Netzwerken, die Klienten mit Problemen aller Art zur Awo führen. Für die Hilfesuchenden ist das Angebot der Awo kostenlos.

Besonders viel Beratungsarbeit sei wegen des komplizierten Aufenthaltsrechts nötig. Bekis: „Da gibt es unglaublich viele Mythen.“ Sie berate zum Beispiel Frauen, die sich scheiden lassen wollen, aber Angst vor Ausweisung oder Verlust der Kinder haben. Im Jugendmigrationsdienst geht es um den Spracherwerb, Praktika, Ausbildungen und Studienplätzen. Hier betreibt Babuscu Fallmanagement.

"Zu uns kommen kaum noch Türken, weil sie diese Art von Beratung nicht mehr brauchen." - Sinem Babuscu

„Zu uns kommen kaum noch Türken, weil die diese Art von Beratung nicht mehr brauchen“, sind sich Bekis und Babuscu einig. Ratsuchende kommen überwiegend aus anderen Ländern, vielfach aus den Flüchtlingsregionen, aber neuerdings auch häufig aus Rumänien und Bulgarien.

Die drei jungen Frauen sprechen sich gegen eine Bevormundung durch Familien oder durch den Islam aus. Ihre Lebensart sei allerdings sehr stark durch die Familie, die kulturellen Wertevorstellungen und ihren Glauben geprägt.

Alle wohnen bei ihren Eltern, obwohl Babuscu und Bekis nicht mehr weit von ihrem 30. Geburtstag entfernt sind. Für die 22-jährige Studentin Öztürk ist das Elternhaus der wichtigste Bezugspunkt in ihrem Leben. In Berlin geboren, siedelte ihre Familie bald ins Sauerland um. Die Familie schütze sie, dort fühle sie sich sicher und geborgen. „Mir ist es wichtig, bei meiner Familie zu sein.“ Lieber fahre sie jeden Tag nach Dortmund zum Studium. Sie liebe es, jeden Abend mit den Eltern beim Abendessen zu sitzen.

Sinem Babuscu hat in Düsseldorf studiert und dort drei Jahre in einer WG gelebt. „Aber Mama wollte mich nach dem Studium wieder zurück, und so ist es auch gekommen.“ Sie werde noch ein paar Jahre bei ihren Eltern in Lüdenscheid wohnen. Ümmühan Bekis hat auch das für sich ganz klar: „Ich bin 29 und lebe bei meinen Eltern. Ich könnte mir durch meinen Beruf eine eigene Wohnung leisten. Aber wozu sollte ich alleine wohnen?“

Erst nach der Hochzeit ziehen die jungen Leute aus. Türkische Hochzeit – das ist auch ein ganz bestimmendes Thema im Familienleben der drei Türkinnen. Die jungen Frauen kommen in Fahrt, wenn es um das Thema Hochzeiten geht. Über deutsche Hochzeiten mit 20 Gästen zum Essen amüsieren sich die jungen Frauen. „Wenn nur 500 Leute zu einer Hochzeit kommen sind das wenige, mindestens 1000 sind üblich“, erzählt Bekis. Sie habe zum Beispiel drei Tanten und einen Onkel, die wiederum alle mehrere Kinder und Enkelkinder hätten. Zur Hochzeit würden sämtliche Mitglieder beider Familien eingeladen. Türkische Hochzeiten seien Großereignisse für die jeweiligen Familien. Bei in der Regel mehreren Kindern würden auch mehrere Hochzeiten ausgerichtet. Ümmühan Bekis gerät fast ins Schwärmen.

Sinem Babuscu ist zurückhaltender. Für sich selbst könne sie sich eine so große Hochzeit nicht vorstellen. So viele Gäste wolle sie nicht. Man würde ja gar nicht so viele Leute kennen.

Bekis widerspricht, auf der Hochzeit ihrer Schwester habe sie fast 80 Prozent gekannt. Für Hochzeitsgäste bedeute die Einladung mitunter Stress. An manchem Monaten im Frühjahr gebe es an jedem Wochenende eine, manchmal sogar zwei gleichzeitig. 50 Euro schenke man mindestens in bar. Die Anreisen seien oft weit, in Hotels übernachten sei nicht drin. Also fahren die Familien noch nachts wieder nach Hause. Türkische Hochzeiten begännen in der Regel gegen 17 oder 18 Uhr, gegen Mitternacht sei meistens Schluss. Üblich sei, dass die Männer stehen müssten, während es für die Frauen Sitzplätze gebe.

Bei 1000 und mehr Gästen kämen in der Regel Geldgeschenke von bis zu 30 000 Euro zusammen, ohne die Mitgiften der Familie eingerechnet. Damit könne die Hochzeit finanziert werden. Darüberhinaus sei es üblich, spezielle Goldmünzen im Wert von 50 oder 60 Euro zu verschenken. Die seien als Wertanlage für die Zukunft gedacht.

Studie des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster:

Die im Jahr 2016 veröffentlichte Studie des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster beschäftigte sich mit „Facetten der Religiosität“ unter Türkeistämmigen. Sie basiert auf repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes TNS Emnid unter 1201 Zuwanderern aus der Türkei und ihren Nachkommen ab 16 Jahren.

Die Studie stellt fest, dass hinsichtlich der religiösen Praxis (Moscheebesuch, persönliches Gebet) die zweite und dritte Generation weniger aktiv ist als die erste (23 Prozent gegen 32 Prozent, die häufig die Moschee besuchen; 35 Prozent gegen 55 Prozent, die mehrmals am Tag das persönliche Gebet verrichten).

Allerdings schätze sich die zweite und dritte Generation als religiöser ein als die erste (72 Prozent gegen 62 Prozent schätzen sich als „tief“, „sehr“ bzw. „eher“ religiös ein). Die Studie deutet diesen Sachverhalt dahingehend, dass die Antworten auf die Fragen möglicherweise weniger die „tatsächlich gelebte“ Religiosität widerspiegelten, „als vielmehr ein demonstratives Bekenntnis zur eigenen kulturellen Herkunft“.

Befolgung der Gebote ist 47 Prozent der Befragten wichtiger als die Gesetze des Landes in dem sie leben.

Der Aussage „Die Befolgung der Gebote meiner Religion ist für mich wichtiger als die Gesetze des Staates, in dem ich lebe“ stimmten 47 Prozent der Befragten zu. Während Türkeistämmige der ersten Generation dieser Aussage zu 57 Prozent zustimmten, betrug die Zustimmung bei jenen der zweiten und dritten Generation 36 Prozent.

Auch die religiös bedingte Gewaltakzeptanz war ein Thema der Studie. Der Aussage „Die Bedrohung des Islam durch die westliche Welt rechtfertigt, dass Muslime sich mit Gewalt verteidigen“ stimmten 20 Prozent der Befragten zu (25 Prozent der ersten Generation, 15 Prozent der 2. und 3.). Bezüglich der „Traditionalen Glaubenspraxis“ bekundeten 23 Prozent der Befragten, dass Muslime es vermeiden sollten dem anderen Geschlecht die Hand zu schütteln.

41 Prozent der befragten Frauen der ersten Generation tragen ein Kopftuch, gegen 21 Prozent der zweiten und dritten Generation. Darüber hinaus stimmten 61 Prozent der Befragten der Aussage „Der Islam passt durchaus in die westliche Welt“ zu. 73 Prozent waren der Meinung, dass „Bücher und Filme, die Religionen angreifen und die Gefühle tief religiöser Menschen verletzen“ gesetzlich verboten werden sollten.

Die Haltung gegenüber Christen sei bei 80 Prozent der Befragten „sehr positiv“ oder „eher positiv“. Was die Haltung gegenüber Atheisten und Juden angeht, tätigten 49 Prozent der Befragten ebenfalls diese Aussage.

"Beträchtlicher Anteil an fundamentalistischen Einstellungen"

Die Studie kommt hinsichtlich der Religion zum Schluss, dass die Befragten den Islam als eine „angegriffene Religion, die vor Verletzungen, Vorurteilen und Verdächtigungen zu schützen ist“ deuteten. Außerdem ließ sich ein „beträchtliche[r] Anteil an islamisch-fundamentalistischen Einstellungen erkennen, die schwer mit den Prinzipien moderner Gesellschaften zu vereinen sind“.

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