Serie: Deutsch-türkisches Miteinander in Werdohl

Der evangelische Pfarrer Dirk Grzegorek findet "Moschee-Vereine sollten sich öffnen“

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Dirk Grzegorek ist seit 2002 evangelischer Pfarrer in Werdohl. Er gehörte zu den Akteuren des Integrationsprojektes „Wip el ele“ im Versetal. Heute hat er einen sehr kritischen Blick vor allen Dingen auf das Verhalten der Ditib-Moschee und den geplanten Minarett-Bau: „Sie sollten in einen offenen Dialog eintreten.“

Werdohl - Dirk Grzegorek ist im Ruhrgebiet aufgewachsen. Er hatte türkische Schulfreunde und in vielen Fußballmannschaften mit Türken gespielt. In seinem damaligen Lebensumfeld habe es ein „sortiertes Nebeneinander“ deutscher und türkischer Menschen gegeben. „Für mich war das alles total normal und vollkommen gewohnt“, erinnert sich Grzegorek.

Als er 2002 als evangelischer Pfarrer nach Werdohl zog und von dem angespannten deutsch-türkischen Verhältnis an Lenne und Verse hörte, war er irritiert. „Wieso haben die hier Probleme mit etwas, das woanders selbstverständlich ist?“, habe er sich damals gefragt. Nach mehr als 15 Jahren in Werdohl gehört er heute zu den größten Kritikern der damaligen Werdohler Integrationsbewegung. Zu den Moschee-Vereinen hat er ein gespaltenes Verhältnis.

Voran stellen will Grzegorek im Gespräch zum Thema „Werdühl“, dass er an Populismus und Polarisation kein Interesse habe. Hetze übereinander, ohne miteinander zu sprechen, sei eine Unart. Und mit der türkischen Bevölkerung in Werdohl habe er beruflich wenig zu tun: „In christliche Gottesdienste und in unsere Gemeinde kommen nun einmal selten Muslime.“ Kontakte mit Türken habe er nur über den Kindergarten der Gemeinde und durch seine Arbeit als Pfarrer an der Realschule. Einen fundierten Einblick in die Werdohler Integrationsarbeit hatte er lediglich Mitte der 2000er Jahre, was nun auch schon länger zurückliegt. Und daran lässt er kaum ein gutes Haar.

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Als Pfarrer nahm er damals an der konstituierenden Sitzung von „Wip el ele“ im Versetal teil. Neben dem hauptamtlichen Uwe Wiederspahn von der Stadtverwaltung war „Wip el ele“ ehrenamtlich organisiert. Als „Stadtteilmütter“ agierten im Versetal Nuray Erdogan und Petra Henkes. „Was über die türkischen Stadtteilmütter in dem Projekt in die türkische Gesellschaft zurückgeflossen ist, kann ich nicht sagen.“ Viele Ehrenamtliche hätten sich enttäuscht von der Integrationsarbeit abgewandt.

Grzegorek ist der Meinung, dass "Wip el ele" das Miteinander in der Stadt nicht gefördert hat.

Grzegorek steht „Wip el ele“ äußerst kritisch gegenüber. „El ele heißt bekanntlich Hand in Hand“, so Grzegorek: „Ich konnte nie erkennen, wer da wem die Hände entgegen gestreckt hat und wo ich hätte einschlagen können.“ Grzegorek: „Das war überhaupt nicht nachhaltig, das hat uns im Miteinander in unserer Stadt kein Stück weiter gebracht.“

Die ehrenamtlichen Teilnehmer des Integrationsprojektes seien allein gelassen worden, eine Leitungsfunktion habe er bei Projektleiter Uwe Wiederspahn nicht erkennen können. „Ich persönlich bin deswegen nicht frustriert“, sagt Grzegorek heute: „Aber bei den meisten anderen Ehrenamtlichen ist extrem viel Frustration übrig geblieben.“

Bei den Mitarbeitern habe sich nach einiger Zeit Ratlosigkeit und Hilflosigkeit breitgemacht. Er selbst habe Integrationsbemühungen eher als Einbahnstraße von deutscher in Richtung türkischer Seite erlebt. „Wip el ele“ sei kein „Meilenstein der Integrationsarbeit“ gewesen, eher ein „netter Versuch“ und nach der Einstellung des Projekts gar ein „Rohrkrepierer.“ Grzegorekt teilt aus.

„Wip el ele“ war damals überwiegend durch Fördermittel finanziert, Uwe Wiederspahn hatte mehrere Jahre für die Arbeit eine volle Stelle zur Verfügung. „Es hat dafür sehr viel Geld im Hintergrund gegeben“, erinnert sich Grzegorek. „Und was ist das für ein Signal nach außen und an die Ehrenamtlichen gewesen, diese Arbeit von heute auf morgen einfach aufzugeben?“ „Wip el ele“ sei schon ein „Riesenprojekt“ auch mit Außenwirkung für Werdohl gewesen – es spreche aber für sich, dass Rat und Verwaltung das Integrationsprojekt kommentarlos eingestampft hätten.

Die türkischen Stadtteilmütter – später Projektkoordinatorinnen genannt – hätten gerade als Frauen in der türkischen Parallelgesellschaft gegen Windmühlen gekämpft, meint Grzegorek. „Wip el ele“ sei schleichend gestorben, weil es nicht gelungen sei, die ehrenamtliche Arbeit nachhaltig zu stärken. Das Werdohler Integrationsprojekt sei durchaus ein gutes „Instrument“ gewesen, allerdings habe die Stadt die Ehrenamtlichen mit der Handhabung dieses Werkzeugs allein gelassen.

"Ich war erschrocken von der Dynamik muslimischer Männer." - Dirk Grzegorek

Grzegorek betont im Gespräch immer wieder, dass er in deutsch-türkischer Nachbarschaft im Ruhrgebiet aufgewachsen sei. „Türken waren schon immer ganz selbstverständlich da.“ Später habe er ganz persönliche Erfahrungen mit Muslimen gemacht. Seine Schwägerin sei lange mit einem türkischen Mann verheiratet gewesen, bis der Schwager viel zu früh verstarb.

Grzegorek erzählt diese Episode ganz bewusst: Als befremdlich habe er es empfunden, als der Sarg seines Schwagers bei der Beerdigung von den muslimischen Männern quasi zurückgeholt wurde. „Als Theologe, Pfarrer und Christ war ich erschrocken von der Dynamik muslimischer Männer.“ Die deutsche Verwandtschaft habe sich von dem islamischen Ritus verstört gefühlt. „Die hatten keinen Blick für meine Schwägerin und den Sohn, deren geliebter Ehemann und Vater gerade gestorben war.“

Grzegorek sendet im Gespräch ambivalente Botschaften: Er wolle zwar diese persönliche Erfahrung nicht verallgemeinern, diese Beobachtung passe aber in sein Bild von einem stark männlich dominierten Islam. Solche Strukturen erkenne er auch heute noch in Werdohl: Männer und Frauen hätten in der türkischen Gesellschaft sehr unterschiedliche und nicht gleichwertige Rollen.

Unverständlich findet er heute immer noch, dass in den 2000-er Jahren der Werdohler Rat türkische Überfremdung fürchtete und beim damaligen Landesvater Alarm schlug. Deutsche und Türken hätten bis dahin schon mehr als 25 Jahre miteinander zu tun gehabt. „Wieso wurde damals ein Problem daraus?“, frage er sich.

Ein Bild einer Aktion aus 2008, als das Integrationsprojekt „Wip el ele“ wie hier im Versetal noch auf Hochtouren lief (von links): Anne Hermes, Metin Oruc, Petra Henkes und Nuray Erdogan.

Aktuell sehe er Probleme im deutsch-türkischen Verhältnis – und fühlt sich berufen, sie in die Öffentlichkeit zu bringen. Er habe „hinter vorgehaltener Hand“ von dem Plan der Ditib-Moschee erfahren, an der Freiheitstraße ein Minarett und eine Kuppel bauen zu wollen. Als Pfarrer und Presbyteriumsvorsitzender suchte er ganz bewusst die große Bühne eines politischen Ausschusses im Rathaus und die Aufmerksamkeit der Zeitungsredaktion, um den geplanten Minarett-Bau mit persönlichen Befürchtungen zu mischen. Gar von „Kölner Verhältnissen“ sprach er in diesem Zusammenhang. Sein Eingangssatz, nicht polarisieren zu wollen, klingt jetzt ambivalent.

"Die Politik deckelt die Informationen über den Minarett-Bau absichtlich." - Pfarrer Dirk Grzegorek

Grzegorek rechtfertigt sein demonstrativ öffentliches Nachfragen. Ohne die Pläne gesehen zu haben, spricht er von einem „stadtbildprägenden“ Ausbau der Moschee. Fraktionen und Verwaltung seien schon vorher informiert gewesen, bemängelt er einen mangelnden Informationsfluss durch Rat und Verwaltung, niemand außer er habe den Minarett-Bau thematisiert. Die Politik „deckele“ das Thema absichtlich. Bürgermeisterin Voßloh habe einen „sensiblen Umgang“ versprochen, doch „sensibel“ hieße wohl eher „nicht öffentlich.“

„Das Bauvorhaben der Ditib-Gemeinde ist nicht privat, das muss offen in der Stadt diskutiert werden“, fordert Grzegorek im Gespräch in seinem Arbeitszimmer. Der Begriff eines „stillen Minaretts“ erzeugt bei ihm Misstrauen. Ohne mit einem Vertreter der Moschee gesprochen zu haben, unterstellt er der Ditib-Moschee eine „Salamitaktik“. Grzegorek schürt Ängste davor, dass irgendwann einmal ein islamischer Gebetsruf vom Minarett ertönen werde. „Und die Werdohler sollten dann wissen, was da gerufen wird.“

Dem Vorsitzenden der Werdohler Ditib-Gemeinde, Fahrettin Alptekin, wirft er mangelnde Offenheit vor. Die Moschee sei ein öffentliches Gebäude, bei einer Veränderung müsse man die Nachbarn und die Bevölkerung mitnehmen und informieren. „Die Ditib-Moscheegemeinde sollte den Schritt wagen in Richtung der christlichen Ökumene“, sagt er. Das „Köln-Getöse“ habe doch Türken wie Deutschen gezeigt, wie alles total in die falsche Richtung laufen könne. „Das Argument, das sei eine private Angelegenheit, ist sehr schwach.“ Die christlichen Kirchen seien schließlich auch keine private Angelegenheit, sondern öffentliche Orte.

Von seiner ersten Begegnungen mit der Ditib-Gemeinde sei er damals enttäuscht zurückgekehrt, erinnert sich Grzegorek an die offizielle Vorstellung der Moschee an der Freiheitstraße. Als einer von vielen geladenen Gästen sei er sicherlich mit ausgesuchter formeller Höflichkeit empfangen worden. Die türkische Gastfreundschaft sei absolut bemerkenswert. Viele Reden seien in türkischer Sprache gehalten und kaum übersetzt worden. Das habe nicht zur gemeinsamen Verständigung beigetragen. Schließlich sei er einfach gegangen.

Die verschlossene Haltung der Ditib-Gemeinde zur deutschen Öffentlichkeit stört ihn: „Herr Alptekin könnte in Sachen Moschee ganz andere Signale an die Öffentlichkeit senden.“ Das würde viele Schranken und Missverständnisse abbauen.

Als evangelischer Pfarrer trifft ihn vielleicht der Vorwurf, mit dem monotheistischen Religionsverständnis des Islam Probleme zu haben. Grzegorek: „Es geht doch erst mal gar nicht um religiöse Dinge, sondern um zwischenmenschliche Angelegenheiten.“ Deutsche und Türken müssten sich als Nachbarn verstehen und auf dieser Ebene miteinander sprechen. Vielleicht wollte die türkische Gesellschaft auch in den Nachbarschaften lieber unter sich bleiben, so Grzegorek, der Wunsch wäre für ihn durchaus nachvollziehbar. Er fühle sich immer wieder an das „sortierte Nebeneinander“ im Ruhrgebiet erinnert.

"Es fehlt die Bereitschaft zur Offenheit und Klarheit im Umgang miteinander." - Dirk Grzegorek

Seiner Wahrnehmung nach fehle die Bereitschaft der Vertreter der türkischen Gesellschaft zur Offenheit und Klarheit im Umgang miteinander. Grzegorek gibt sich tolerant: „Wenn einmal ausgesprochen wäre, dass man Integration nicht will, dann wäre das doch auch in Ordnung.“ Auf Seiten der türkischen Gesellschaft in Werdohl gebe es dazu durchaus viele „rührige Meinungen Einzelner“, aber keine von einer Mehrheit gedeckte Meinung. Dazu sei die türkische Gesellschaft in Werdohl viel zu heterogen.

Ein Riesenthema ist für den Menschen und Pfarrer Dirk Grzegorek die Sprachbarriere. Pater Irenäus und er hätten das Gespräch mit dem nicht Deutsch sprechenden Imam der Ditib-Gemeinde gesucht. Im Rahmen interreligiöser Arbeit an der Realschule sei mit dem Mann einfach kein Gespräch zustande gekommen. „Manche Themen kann man nicht dolmetschen, da gibt es auf beiden Seiten zu viele Übersetzungsfehler.“

Die gemeinsame Sprache in Werdohl sei Deutsch, man könne verlangen, dass jeder in öffentlichen Positionen deutsch spreche und verstehe. Sonst sei eben keine Unterhaltung möglich, und wer sich sprachlich nicht verstehe, könne sich auch nicht wirklich kennenlernen. „Dann ist das auch kein Dialog“, folgert Grzegorek.

Das Beharren vieler türkischer Familien auf Türkisch als Familiensprache sei für die Bildung der Kinder ein Riesenproblem. Er erlebe das bei Kontakten im Kindergarten. „Hinter dem Kindergartentor wird sofort nur türkisch gesprochen“, hat er beobachtet.

Türkische Familien würden sich selbst abgrenzen: „Sobald sie den öffentlichen Raum betreten, wird deutsch gesprochen, im familiären Raum wird nur türkisch geredet.“ Wer kein türkisch verstehe, fühle sich ausgegrenzt „So geht es mir jedenfalls, wenn ich nicht verstehe, worüber gesprochen wird.“

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