Seltene Kompositionen lassen Bilder entstehen

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Dayong Zhang und die hellen Töne seiner Oboe verzauberten die Zuhörer.

Werdohl - Selten gespielte Kompositionen aus der Zeit des Barock, der Frühklassik und Romantik – das genossen Musikfreunde aus Werdohl und Umgebung am Sonntagabend bei einem rund einstündigen Konzert in der Christuskirche.

Gekonnt und professionell präsentiert wurden unter dem Titel Abendmusik bei Kerzenschein Werke aus den genannten Epochen von Georg Philipp Telemann, Henry Eccles, Emma Louise Ashford, Giovanni Benedetto Platti, Johan Severin Svendsen, Camille Saint-Saens, John Ebenezer West und Gottfried Heinrich Stölzel. Die Akteure auf der Empore der Kirche waren Kantorin Marion Jeßegus (Orgel und Cembalo), Dayong Zhang (Oboe), Sebastian Hoffmann (Violine) und Claudia Weber (Violoncello).

Die präsentierten Stücke waren sorgsam ausgewählt. Eingerahmt wurden die im 17. bis 19. Jahrhundert entstandenen Werke durch zwei zeitgenössische Orgel-Kompositionen des 1964 geborenen Briten Christopher Tambling.

Mit „A Prelude for Evensong“ stimmte Jeßegus ihre Zuhörer gefühlvoll auf die nachfolgenden Beiträge ein, wobei die Orgel dieses Mal nicht das Instrument der mächtigen, sondern der eher ganz leisen, mit einer leichten Steigerung versehenen, Töne war.

Eher zart ging es weiter zu Telemanns „Trisonate c-moll“ für Violine, Oboe und Cembalo. Wer wollte, konnte sich unter dieser musikalischen Begleitung einen erlebnisreichen Spaziergang durch den gerade auflebenden Frühling vorstellen. Das galt auch für weitere Werke, die zu Gehör gebracht wurden. Vor dem geistigen Auge die Musik mit Bildern zu versehen, die vielleicht das eigene Leben positiv geprägt haben – das klappt nicht immer; bei dieser Abendmusik funktionierte es aber schon.

Mal andächtig, mal etwas intensiver: Die Orgel war nahezu immer dabei, als es um die Interpretationen von Eccles, Ashford, Platti, Svendsen oder West ging. In jedem Fall aber war sie stets ein leiser Wegbegleiter für Violine, Violoncello oder Oboe. Wichtig: Diese Art der Musik ist zwar – vom Tonträger – nicht unbedingt jedermanns Sache, aber live erlebt bereitet sie ohne Zweifel Freude, vermittelt im Gleichklang von Auge und Ohr Spannung und führt zu einer eindeutigen Schlussfolgerung: Wir dürfen uns glücklich schätzen, nicht zuletzt durch den guten Ruf der Werdohler Kantorin Marion Jeßegus Interpreten aufbieten zu können, die ein Konzert zum Erlebnis machen. Da spielte es dann auch keine Rolle, wenn die Oboe des Herrn Dayong Zhang kurz vor Schluss aus technischen Gründen für einen Moment indisponiert war.

Wie die Eröffnung, so gehörte auch das Finale einer Komposition des Briten Tambling. „Moonlight on the Hills“ stand auf dem Zettel – und das war sinnbildlich. Draußen war es mittlerweile dunkel geworden, und der Halbmond strahlte.

Gestrahlt hat – im übertragenen Sinne – auch das Publikum. Der Beifall war lang anhaltend, und kaum jemand, der zuvor bei freiem Eintritt in die Kirche kam, verließ sie ohne Spende für die Erhaltung und Förderung der Kirchenmusik. - von Rainer Kanbach

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