Tiefer Eingriff in den Alltag

Selbst Familienfeiern sind untersagt

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Der Krisenstab der Stadtverwaltung Werdohl tagt seit Ende Februar mindestens täglich zum Thema Coronavirus mit Bürgermeisterin Silvia Voßloh, der Allgemeinen Vertreterin und Kämmerin Vanessa Kunze-Haarmann, Ordnungsamtsleiterin Andrea Mentzel und Reinhardt Haarmann für die Bereiche Schule, Sport und Service (von links).

Werdohl – Auf Anweisung der Landesregierung greift auch das Werdohler Ordnungsamt tief nicht nur in das öffentliche, sondern auch das private Leben der Menschen ein.

Ordnungsamtsleiterin Andrea Mentzel ist im Dauerstress, zumal ihre Abteilung personell so gut wie verwaist ist. Allein bis Mittag hatte sie rund 300 Anrufe abgearbeitet. 

„Hier geht nichts mehr freiwillig oder nach Ermessensspielraum“, sagt die Ordnungsamtsleiterin: „Niemand darf mit den Bestimmungen aus dem ministeriellen Erlass lapidar umgehen.“ Neben der Schließung von allen öffentlichen Einrichtungen geht es in den nächsten Tagen auch darum, in Restaurants und Kneipen vorgegebene Regelungen umzusetzen. Jede noch so kleine Pinte, jedes Bäckerei-Café und die Bistros und Gaststätten sowieso: Für alle gilt, dass die Besucherzahl reglementiert wird, indem Abstandsregeln in Bezug auf die Raumgröße eingehalten werden. 

Alle Besucher müssen erfasst werden

Alle Besucher und Gäste müssen mit Kontaktdaten erfasst werden und die Tische beziehungsweise die Personen daran einen Mindestabstand von zwei Metern zueinander haben. Aushänge mit Hinweisen zu Hygienemaßnahmen sind da die geringste Hürde. Mentzel lässt überhaupt keinen Zweifel daran, dass keine Ausnahmen geduldet werden. „Wenn ein Wirt nicht die Namen und Adressen seiner Gäste in Erfahrung bringen kann, weil ihm die Gäste diese Auskunft verweigern, muss er seine Wirtschaft eben schließen.“ Clubs, Diskotheken, Theater und Kinos gibt es in Werdohl nicht. 

Tatsächlich sind auch private Feiern oder Treffen im größeren Familien- oder Freundeskreis verboten. „Natürlich gibt es nichts dagegen zu sagen, wenn die Personen, die in einem Haushalt zusammen wohnen, sich auch gemeinsam an den Tisch setzen“, sagt Andrea Mentzel. Aber: „Wer mehrere Gäste zu sich einlädt, nur um in der Freizeit zusammen zu sein, macht sich nach Auslegung des ministeriellen Erlasses strafbar.“ Die Anordnung der Landesregierung bezüglich „allgemeiner Veranstaltungen unter 1000 Personen“ sei so auszulegen. Gedeckt ist das alles über das Infektionsschutzgesetz. 

Keine Kontrollmöglichkeiten

Natürlich könne weder Ordnungsamt noch Polizei das kontrollieren. Wenn der Nachbar also mehrere Autos mit unbekannten Kennzeichen vor dem Haus stehen sieht, könnte er die Polizei rufen. Mentzel: „Und wenn die Polizei kommt, wird sie nicht einfach sagen, dass die Leute nach Hause gehen sollen.“ Der ministerielle Erlass zur Einschränkung der Versammlungsfreiheit gehe so weit, dass private Feiern beispielsweise anlässlich von Geburtstagen und anderer Familienereignisse auch zuhause verboten sind. 

Noch einmal Mentzel: „Da ist gar nichts mehr lustig. Verstöße sind tatsächlich mit Freiheitsstrafen belegt.“ Niemand dürfe deshalb Leute außerhalb des eigenen Haushaltes zu sich für eine auch noch so kleine Gesellschaft einladen. Da sich dieser Erlass bis auf die Zeit nach Ostern bezieht, dürften auch traditionelle Familienzusammenkünfte an den Ostertagen untersagt sein. 

Krisenstab tagt erstmals

Der Corona-Krisenstab im Rathaus tagte zum ersten Mal am 28. Februar. Dieses Gremium hat auch einen Namen, es ist der „Stab für außergewöhnliche Ereignisse“, kurz SAE. Dieser Stab hat noch niemals in der jüngeren Geschichte der Stadt Werdohl getagt. Mittlerweile treffen sich Bürgermeisterin Silvia Voßloh, ihre Allgemeine Vertreterin und Kämmerin Vanessa Kunze-Haarmann, Ordnungsamtsleiterin Andrea Mentzel und Reinhardt Haarmann für die Bereiche Schule, Sport und Service mehrfach täglich, um auf die neuesten Erlasse reagieren zu können. Voßloh: „Was wir gerade eben beschlossen haben, kann schon Stunden später hinfällig sein.“ 

Ein Beispiel ist die Öffnung der Kinderspielplätze. Angesichts der Überfüllung des Goethe-Spielplatzes müsse über die Sinnhaftigkeit der Abstandsregel nachgedacht werden. Am Mittag hieß es aus Düsseldorf noch, die Plätze blieben geöffnet. Gegen Abend sah die Lage schon wieder anders aus.

Mehr zum Coronavirus und den Auswirkungen auf die Region lesen Sie im Ticker für den Märkischen Kreis. Auch über die Situation in ganz Nordrhein-Westfalen informieren wir in einem Ticker.

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