Halbseitige Sperrung

Fünf Jahre einspurig: So geht es weiter mit der Lennebrücke in Werdohl

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Seit fünf Jahren fließt der Verkehr jetzt schon nur einspurig über die Lennebrücke.

Werdohl - Seit fünf Jahren fließt der Verkehr nur noch einspurig über die Lennebrücke, die Ütterlingsen mit der Werdohler Innenstadt verbindet. Ebenso lange arbeitet der Landesbetrieb Straßen.NRW auch an einer Lösung – ärgerlich für die Verkehrsteilnehmer. Ein Rückblick.

Die Hiobsbotschaft erreicht Werdohl an einem Montag im April 2014: Die Lennebrücke am Ortseingang von Werdohl habe nicht mehr genügend Tragfähigkeit für den Lkw-Verkehr und müsse abgerissen werden, teilte der Landesbetrieb Straßen.NRW mit.

Weil so etwas nicht von heute auf morgen geschehen kann, spielte die Straßenbauverwaltung zunächst einmal auf Zeit. Am 30. April 2014 wurde die Fahrbahn auf der Brücke so verengt, dass der Verkehr seitdem nur noch einspurig fließen kann. Aus welcher Richtung man über die Brücke fahren darf, regelt eine Ampelanlage. Außerdem müssen Lastwagen einen Mindestabstand von 25 Metern zueinander halten.

Ende April 2014 wurden Marklierungen aufgebracht und die Fahrbahn auf der Brücke auf eine Fahrspur verengt.

Doch was steckte hinter dieser Maßnahme? Der Auslöser war zu dem Zeitpunkt, als Straßen.NRW die Mängel an der Brücke festgestellt hatte, schon beinahe drei Jahre alt. Gemeint ist die „Richtlinie zur Nachrechnung von Straßenbrücken im Bestand“, herausgegeben vom Bundesverkehrministerium im Mai 2011. Darin ist festgelegt, dass Brücken in Hinblick auf ihre Tragfähigkeit unter Berücksichtigung des gestiegenen Verkehrsaufkommens zu untersuchen sind.

Ursache liegt lange zurück

Die Richtlinie zielte vor allem auf Brücken ab, bei deren Bau schlecht vergüteter Stahl verwendet worden ist, wie er in den 1950er- und teilweise in den 1960er-Jahren zur Verfügung gestanden hatte. Straßen.NRW hat 2014 die Nachberechnungen für die 1956 erbaute Lennebrücke an der Schlacht und für die 1969 eingeweihte Rathausbrücke vorgenommen. Ergebnis: Die Rathausbrücke kann noch saniert werden (das ist dann 2016/17 passiert), die Lennebrücke muss wegen konstruktiver Mängel abgerissen und neugebaut werden.

Während die Rathausbrücke ganz aus Stahl besteht und schon zu Beginn der 2000er-Jahre einmal in mehreren Stufen saniert worden ist, handelt es sich bei der Lennebrücke um eine Stahlbetonbrücke. Bei der Überprüfung hatte sich herausgestellt, dass jede Menge Beton abgeplatzt war, was darauf hindeutet, dass Spannungen in dem Bauwerk nicht richtig abgeleitet werden.

1956 wurde die Lennebrücke gebaut. Dabei wurde wohl schlecht vergüteter Stahl verwendet.

So sind Brücken aufgebaut

Um zu verstehen, was das bedeutet, muss man wissen, wie Stahlbetonbrücken aufgebaut sind. Die Unterbauten von Brücken bestehen zumeist aus Beton – das macht ihr Fundament stabil und fest. Die Teile darüber setzen sich meistens aus einer Kombination aus Beton und Stahl zusammen. Diese beiden Baustoffe haben unterschiedliche Vorteile. Beton hält starken Druck aus und schützt die mächtigen Stahlprofile zudem vor Rost. Stahl wiederum kann die hohen Zugkräfte, die durch den Verkehr auf die Pfeiler wirken, besser aushalten als Beton. Die Stahlverstrebungen im Inneren der Brücke halten das Bauwerk dauerhaft auf Zug, weshalb die Brücken auch leicht nach oben gebogen sind – entgegen der Zugkräfte, die von oben nach unten wirken.

Behelfsbrücke statt Umleitung

Relativ schnell war klar, wie Abriss und Neubau der Brücke vonstatten gehen sollten. Weil insbesondere der Schwerlastverkehr nicht über eine akzeptable Umleitungsstrecke geführt werden könnte, sollte zunächst eine Behelfsbrücke neben der Lennebrücke platziert werden, ehe das marode Bauwerk dann abgerissen werden soll. Nur ein Termin für den Baubeginn war lange unklar – und ist es im Grunde bis heute.

Der Bau der Behelfsbrücke könne frühestens im Herbst 2014 beginnen, hieß es zunächst von Straßen.NRW. Schließlich müsse zuerst ein Standort für die Ersatzbrücke gefunden werden. „Ist die Ausweichbrücke errichtet, kann der Bau der neuen Lennebrücke beginnen. Dieser wird wohl erst 2016 abgeschlossen“, steckte Karl-Josef Fischer, Sprecher von Straßen.NRW, im Juli 2014 einen groben Zeitplan ab.

Zu optimistische Zeitplanung

Eine zu optimistische Einschätzung, wie sich bald zeigen sollte. Vier Monate später war beim Landesbetrieb schon von „Anfang 2017“ als Baubeginn für die Behelfsbrücke die Rede. Die Straßenbauverwaltung benötige eine wasserrechtliche Genehmigung, zudem seien Bodenuntersuchungen notwendig, um die neuen Fundamente und Pfeiler richtig dimensionieren zu können, hieß es.

Immerhin war inzwischen der Platz für die Behelfsbrücke gefunden worden: Die Firma Brinkmann Pumps habe eingewilligt, einen Teil ihres Gelände zur Verfügung zu stellen, teilte Michael Overmeyer, der damalige Pressesprecher von Straßen.NRW, mit.

Im Sommer 2016 wurde durch tiefe Bohrungen der Baugrund erkundet.

Gut ein halbes Jahr später, im Juni 2016, kam dann erstmals sichtbare Bewegung in die Angelegenheit: Eine Firma aus dem Westerwald bohrte vom Flussufer und von einer Ponton-Insel aus rund drei Wochen lang bis zu 20 Meter tiefe Löcher in den Lennegrund. Die Bohrungen sollten Aufschluss geben über die Beschaffenheit der Bodenschichten. Aus den so gewonnenen Daten sollte ein geologisches Gutachten erstellt werden, das wiederum die Basis bilden sollte für einen Vorentwurf der neuen Brücke. 

Versorgungsleitungen im Weg

Straßen.NRW datierte den Zeitpunkt des Baubeginns übrigens jetzt schon auf „Ende 2017“ – eine erneute Verschiebung um rund ein Jahr. Immerhin nutzten aber Versorgungsunternehmen die Zeit, um neue Leitungen für Strom, Wasser und Gas zu verlegen. Denn bisher verliefen diese Rohre unterhalb des Brückenkörpers, stünden also einem Abriss im Wege. Und in dem neuen Bauwerk dürften solche Leitungen ohnehin nicht mehr geführt werden.

Unter der Lennebrücke verlaufen Versorgungsleitungen, die ab Mai 2017 verlegt werden müssen.

Mittlerweile hat Straßen.NRW den Baubeginn schon wieder neu datiert: „Wir hoffen, dass wir Ende Dezember 2017 die Genehmigung unseres Entwurfs bekommen. Dann könnte mit dem Bau der neuen Brücke im nächsten Jahr begonnen werden“, sagte Pressesprecher Overmeyer im Juli 2017.

Die Werdohler hätten sich indes schon gefreut, wenn endlich einmal die Ersatzbrücke stehen würde, die zweispurig befahren werden könnte. Die werde wahrscheinlich im Herbst stehen, kündigte Straßen.NRW-Sprecher Overmeyer im Februar 2018 an. Zu sehen ist von dieser Ersatzbrücke aber bis heute nichts.

So soll die neue Brücke einmal aussehen

Dafür war Anfang 2018 aber schon einmal klar, wie die neue Brücke aussehen würde. Das NRW-Verkehrsministerium hatte den Entwurf abgesegnet. Auch einen Termin für den Abbruch der alten Lennebrücke nannte die Straßenbauverwaltung schon: „Vielleicht noch im Winter 2018/19, sonst spätestens im Frühjahr 2019“. Weil jedoch vor der Errichtung der Behelfsbrücke erst das Unternehmen Enervie noch ein Düker für Versorgungsleitungen und die Stadt eine Sohlgleite als Ersatz für die vorhandene Fischtreppe gebaut werden müssen, geht Straßen.NRW mittlerweile von einem Baubeginn im Jahr 2020 aus.  Düker und Sohlgleite sollen ab August 2019 innerhalb von drei Monaten gebaut werden.

So soll die neue Lennebrücke aussehen. Straßen.NRW geht davon aus, dass 2020 mit dem Bau begonnen werden kann.

Doch es gibt auch noch ein anderes Problem: „Die bauzeitliche Absenkung der Lenne sollte über eine Wasserkraftanlage (WKA) erfolgen. Bei einer abschließenden Ortsbesichtigung im November 2018 wurden jedoch bauliche Schäden an der WKA festgestellt, sodass die geplante Wasserführung nicht ohne Weiteres möglich ist“, erklärte Projektleiterin Nadja Hülsmann. Aktuell stimme sich Straßen.NRW mit dem WKA-Betreiber, der Oberen Wasserbehörde, der Stadt Werdohl und der Enervie ab, um eine Lösung zu finden, den Wasserstand der Lenne abzusenken. Erst dann könnten die Planung abgeschlossen, die Baumaßnahmen ausgeschrieben und 2020 endlich mit dem Bau begonnen werden.

Deshalb dauert alles so lange

Die Bauzeit beträgt nach Hülsmanns Einschätzung zweieinhalb bis drei Jahre, wobei der Bau der Behelfsbrücke schon etwa ein halbes Jahr in Anspruch nehme. Die Baukosten sollen laut Straßen.NRW übrigens trotz der Verzögerungen nicht wesentlich steigen. Allerdings: Vor einem Jahr kalkulierte der Landesbetrieb noch mit 5,7 Millionen Euro, jetzt ist er laut Nadja Hülsmann schon bei etwa 8 Millionen Euro angelangt. „Der Bauablauf ist in hohem Maße abhängig von der Wasserhaltung. Je nach Lösung könnte sich dadurch eine Kostensteigerung ergeben“, sagt sie.

„Im Laufe der Planung haben sich immer wieder neue Probleme ergeben, die es zu lösen galt. Wenig Platz und die Erfordernis, sämtliche an der alten Brücke befindlichen Leitungen im Vorfeld anderweitig zu verlegen, erfordern ein hohes Maß an Abstimmung und Koordination, was uns bis heute beschäftigt“, versucht Projektleiterin Hülsmann zu erklären, warum es mit dem Ersatzneubau der Lennebrücke so lange dauert.

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