Ein Veteran aus dem MK berichtet

Sechs Monate als Sanitäter im Feldlazarett in Afghanistan: „Unser Einsatz war auf keinen Fall umsonst“

Oberfeldwebel Uwe Hoh war stellvertretender Leiter der Notaufnahme des Feldlazaretts in Kabul. Hier versorgt er ein Kind, das mit einer Unterkühlung eingeliefert wurde. „Es wurde bis minus 40 Grad kalt“, erzählt er.
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Oberfeldwebel Uwe Hoh war stellvertretender Leiter der Notaufnahme des Feldlazaretts in Kabul. Hier versorgt er ein Kind, das mit einer Unterkühlung eingeliefert wurde. „Es wurde bis minus 40 Grad kalt“, erzählt er.

Viele Details sind Uwe Hoh im Gedächtnis geblieben. Der Werdohler erzählt von seiner Zeit in Afghanistan, als ob er erst vor ein paar Tagen aus dem Krisengebiet abgereist wäre.

Die Emotionen des 50-jährigen Veterans sorgen dafür, dass die Szenen vor den Augen des Zuhörers lebendig werden.

Von November 2004 bis Mai 2005 war Oberfeldwebel Hoh in Kabul – als stellvertretender Leiter der Notaufnahme des Feldlazaretts. Die Bilder, die jetzt in den Medien zu sehen sind, rufen viele Erinnerungen in ihm wach. Die Diskussion darum, ob 20 Jahre Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr umsonst gewesen sind, machen ihn wütend und traurig: „Unser Einsatz war auf keinen Fall umsonst. Und das nicht nur, weil wir vielen Menschen geholfen und Leben gerettet haben.

Uwe Hoh war für die Bundeswehr als Sanitäter ein halbes Jahr in Afghanistan.

Hoh: „Haben das Ganze völlig unterschätzt“

Uwe Hoh war Rettungsassistent beim DRK in Hamburg, und erfuhr nach einem Einsatz von der Besatzung eines Bundeswehr-Hubschraubers, dass Reservisten gesucht würden, die nach Afghanistan gehen. Gemeinsam mit seinem Kollegen entschied sich Uwe Hoh für diesen Auslandseinsatz: „Wir wollten helfen und dachten, das würde uns für unser Leben noch einmal weiterbringen. Aber wir haben das Ganze völlig unterschätzt.“

Wir wussten, dass jede siebte Maschine beim Anflug beschossen wird – und wir saßen zufällig in der siebten Maschine.

Uwe Hoh

Als die Ausbildungszeit in Deutschland begann, hatten die beiden jungen Männer noch das Gefühl, in ein großes Abenteuer zu starten – hörten kurz vor dem Abflug auf dem Kölner Flughafen die Queen-Hymne „We will rock you“. Doch schon beim Anflug auf Kabul wurde Uwe Hoh klar, dass der Auslandseinsatz kein Abenteuer werden würde. „Wir wussten, dass jede siebte Maschine beim Anflug beschossen wird – und wir saßen zufällig in der siebten Maschine.“ Der Pilot habe die Täuschkörper des Flugzeugs abgefeuert, um im Fall eines Angriffs vom eigentlichen Ziel abzulenken. „Das wussten wir aber nicht. Da kamen zum ersten Mal richtig Angstgefühle auf.“

Viele Waffen und meterhohe Sandsackwälle

Nach der Ankunft wurde es nicht unbedingt besser. „Wir kamen uns vor, wie in einem typischen, amerikanischen Kriegsfilm“, erinnert sich der Werdohler nicht nur an viele Waffen, sondern auch an Wege, die mit meterhohen Sandsackwällen gegen Angriffe gesichert waren.

Hamid Karzai, von 2004 bis 2014 Präsident von Afghanistan, gehörte zu den Besuchern des Lazaretts.

Doch viel Zeit zum Nachdenken über die eigene Sicherheit blieb dem Rettungssanitäter nicht; die ersten Patienten erforderten volle Aufmerksamkeit. „Es hieß, dass ein gelbes Taxi zwei verletzte Kinder bringt“, erzählt Hoh, der in seiner Zeit als Rettungssanitäter in der Großstadt Hamburg schon so einiges gesehen hatte und verdauen musste. Doch der Anblick, der sich den Helfern im Kofferraum des Kombis bot, ist eines der Bilder, die sich in sein Gedächtnis gebrannt haben: „Die Kinder waren vielleicht drei oder vier Jahre alt. Ihre Beine waren mit blutigen Mullbinden notdürftig abgedeckt, die Arme überhaupt nicht. Ihre Haut war schwerst verbrannt.“ Rückblickend sagt der Werdohler: „Wir waren geschockt und haben in dieser Situation einfach nur funktioniert.“ Dank der hervorragenden Zusammenarbeit mit den Ärzten gelang es, die kleinen Patienten so weit zu stabilisieren, dass sie der Intensivstation übergeben werden konnten – und schließlich überlebten.

Bei den Patrouillenfahrten „sitzt die Angst im Nacken“

Die Kameradschaft untereinander habe ihm sehr geholfen, dieses und viele weitere Erlebnisse während seines sechsmonatigen Einsatzes zu verarbeiten. Dazu gehören auch gefährliche Patrouillenfahrten in die Umgebung, bei denen „uns die Angst im Nacken saß“. „Wir sollten uns vor Attentätern in gelben Taxis in Acht nehmen. Aber ganz Kabul war voll mit gelben Taxis.“

Auch Patrouillenfahrten gehörten zu den Aufgaben des Werdohlers. Ungefährlich war das nicht.

Uwe Hoh erzählt von Siebenjährigen mit Maschinengewehren, die die deutschen Soldaten vom Straßenrand aus freundlich und stolz mit dem Hitlergruß empfangen hätten. Und von einer Familie, die unbedingt ihren kleinen Sohn von den deutschen Helfern behandeln lassen wollte. „Um die verletze Tochter sollten wir uns eigentlich aber nicht kümmern, die war dem Vater egal.“ Das sei kein Einzelfall gewesen. „Man konnte spüren, in welcher Kultur wir dort gelandet waren.“

Entwicklung in Afghanistan sorgt für Bestürzung

Als Uwe Hoh im Mai 2005 nach Hause flog, hatte er das Gefühl, etwas Gutes und vor allem das Richtige getan zu haben. „Wir waren dort um zu helfen. Und, um unsere Demokratie, unsere Freiheit und unsere Grundrechte zu schützen.“ Dass die Menschen in Afghanistan jetzt unter der Herrschaft der Taliban leben müssen, bestürzt den 50-Jährigen. Die Politik sieht er in der Verantwortung: „Die Evakuierung der Menschen in Afghanistan, die uns unterstützt haben, hätte einfach viel früher passieren müssen. Man lässt sie jetzt am langen Arm verhungern.“

Doch nicht nur das beschäftigt Uwe Hoh, der ein Veteranen-Abzeichen trägt. Die Diskussion um den Sinn des Afghanistan-Einsatzes macht ihm zusätzlich zu schaffen: „Ich würde mir wünschen, dass es hier in Deutschland eine Kultur der Dankbarkeit geben würde. Das betrifft aber nicht nur die Bundeswehr, sonden alle Rettungskräfte, die Feuerwehr, die Polizei und alle anderen, die sich für andere einsetzen und den Kopf hinhalten.“ Stattdessen gerate sogar schnell in Vergessenheit, wenn Rettungskräfte ihr Leben im Einsatz verlieren würden. „Helfer werden sogar beschimpft und angepöbelt. Ich kann nicht verstehen, dass unsere Gesellschaft das alles so hinnimmt.“

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