Bürgermeister gegen Schulöffnung

Sechs falsch positive Schnelltests an einem Tag: Grundschulleiterin im MK zieht die Notbremse

Mit Hilfe eines Backrostes filmt Nina Manns, Leiterin der Gemeinschaftsgrundschule Werdohl, aus einem Schulbuch ab. Nicht nur die fehlende Digitalisierung macht Probleme. Die Schulleiterin hat sich wegen Überforderung zum Teil krankgemeldet und nimmt nur noch dringende Leitungsaufgaben wahr.
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Mit Hilfe eines Backrostes filmt Nina Manns, Leiterin der Gemeinschaftsgrundschule Werdohl, aus einem Schulbuch ab. Nicht nur die fehlende Digitalisierung macht Probleme. Die Schulleiterin hat sich wegen Überforderung zum Teil krankgemeldet und nimmt nur noch dringende Leitungsaufgaben wahr.

Bei der Werdohler Grundschulleiterin Nina Manns liegen die Nerven blank. Sie hat von den Corona-Vorgaben ihres Arbeitgebers – der Landesregierung – die Nase gestrichen voll.

Moralisch unterstützt wird sie von Bürgermeister Andreas Späinghaus, der nicht nur als SPD-Politiker kein gutes Haar vor allem an NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann lässt. Neun Tage vor Beginn der Osterferien ist die Stimmung an der größten Werdohler Grundschule überaus gereizt.

Manns ist eine tatkräftige und pragmatische Lehrerin und Schulleiterin, die selbst nach Lösungen sucht und eigentlich gerne und viel arbeitet. Sich nur meckernd zurückzulehnen und Schwierigkeiten aufzuzählen, ist nicht ihre Sache. Mit Improvisationsgabe und Überstunden hat sie gemeinsam mit dem Kollegium immer neu auftretende Anforderungen bewältig. Digitale Unterrichtskonzepte bei Grundschulkindern aus aller Herren Länder umzusetzen ist nicht einfach, da wird schon mal das Backblech benutzt, um mit dem Handy aus Schulbüchern abzufilmen.

Schulleiterin ist teilweise krankgeschrieben

Doch jetzt ist die Belastbarkeit der Nina Manns an eine Grenze gekommen. Sie hat die Notbremse gezogen, sich teilweise krankschreiben lassen und nimmt nur noch wichtige Aufgaben der Schulleitung wahr. „Ich bin völlig ausgelaugt, immer und immer wieder dieselben Gespräche“, sagt sie ganz unverblümt. Den letzten Rest Motivation hatte ihr der Dienstag genommen. Gleich sechs ihrer Kolleginnen waren vom Labor Wahl per Schnelltest positiv auf Corona getestet worden. Durch Zufall hatte das eine Schulklasse mitbekommen, die sofort in Aufregung geriet. Diese Verunsicherung konnte Manns noch auffangen. „Ich bin in die Klasse gegangen und habe den Kindern erklärt, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchen und dass die Schnelltests ja auch falsch sein können.“ Die Kinder erzählten es am Mittag natürlich in den Familien, und ab da hatte Nina Manns keine ruhige Minute mehr.

„Natürlich ist es richtig, dass die Eltern mich anrufen. Es ist ihr Recht. Aber ich habe auch keine besseren Informationen für sie. Das ist vollkommen unbefriedigend und geht uns allen an die Nerven.“ So beschreibt Nina Manns die „katastrophale Stimmung“ an der städtischen Gemeinschaftsgrundschule mit den beiden Standorten Königsburg und Kleinhammer.

Eine Gefühls-Achterbahn

Und dann der Hammer: Die anschließenden PCR-Tests der sechs Kolleginnen fallen am nächsten Tag allesamt negativ aus. Manns: „Sechs falsch positive Schnelltests an einem Tag? Wer soll denn darauf vertrauen?“ Die Kolleginnen und ihre Familien hätten eine Gefühls-Achterbahn hinter sich.

Manns zählt auf, was ihrer Meinung nach alles nicht funktioniert: Die Schule habe keine Lüftungsgeräte, in der Digitalisierung sei die Stadt noch nicht weit vorangekommen. Die Turnhalle kann nach wie vor nicht genutzt werden. Das Kollegium ist größtenteils geimpft, alle Geimpften haben Astrazeneca bekommen. Der Impfstoff ist ausgesetzt, die Verunsicherung riesig. Die Hausärzte haben nicht immer dann Testkapazität, wenn die Lehrkräfte sie brauchen. Manns kann aus terminlichen Gründen ihres Hausarztes nur einen wöchentlichen Coronatest pro Woche nehmen lassen.

Schulleiterin sieht Schuld für die schlimme Lage bei der Landesregierung

Die Schulleiterin sieht die Verantwortung für die schlimme Lage bei der Regierung. Das Land habe ein ganzes Jahr lang versäumt, sich um die Probleme zu kümmern. Die Schulgemeinde funktioniere gut in dieser Krisenzeit, sagt sie. Eltern, Kinder, Kollegium – alle verhielten sich vorbildlich. Die Kinder würden die Masken anstandslos überall tragen und seien sehr folgsam.

Natürlich sei es prinzipiell gut für die Kinder und ihre Familien, dass die Schule seit sechs Wochen wieder laufe. Es gebe aber auch genügend Eltern, die verunsichert sind und die eine Infektionsübertragung durch die Schule in die Familien fürchteten. „Die Rahmenbedingungen für unsere Arbeit sind eine Katastrophe“, sagt sie in Richtung des Schulministeriums: „Die geben die Verantwortung ab.“ Deshalb sollen die Grundschullehrkräfte die Schnelltests für die Kinder organisieren. „Wir dürfen den Kindern beim Testen nicht helfen, sondern sollen ihnen erklären, wie sie es machen sollen.“ Manns erzählt einen „Witz“ und kann darüber nicht lachen: „Wir bekommen vom Land ein Erklärvideo für die Testungen, aber das kann ich in der Schule nicht abspielen, weil die Internetverbindung nicht ausreichend ist.“

Auch Bürgermeister mit Schulpolitik nicht zufrieden

Ganz auf der Seite von Nina Manns ist Bürgermeister Andreas Späinghaus. Auch er ist mit der Schulpolitik der Landesregierung nicht zufrieden: „Ich halte die Öffnung der weiterführenden Schulen für unverantwortlich. Wir brauchen keinen Gesundheitsminister, der sich hinstellt und uns Vorschriften macht. Die Kreise sollen es selbst entscheiden können.“ Im Kreise der märkischen Bürgermeister habe man überlegt, ob man nicht ungehorsam sei und eigenverantwortlich die Schulen schließe. Die Machtdemonstration von Karl-Josef Laumann (CDU) hält Späinghaus (SPD) für „unmöglich.“ Das habe nichts mit Parteipolitik zu tun, meint Späinghaus. Er spricht von „Machtspielchen auf Kosten der Gesundheit der Bürger“. Er vermisse jegliche Linie bei der Landesregierung, vor allem bei den Ministerien von Laumann und Gebauer. Die MK-Bürgermeister empfänden dies als Bevormundung.

Der Märkische Kreis solle die Befugnis erhalten, selbst über Schulöffnungen oder Schließungen entscheiden zu dürfen. „Wir wissen schließlich, wovon wir sprechen in unseren Städten und Gemeinden.“ Die Landesregierung fabriziere nur Stückwerk.

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