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Schwere Unfälle, große Brände: Bilanz eines kräftezehrenden Feuerwehr-Jahres

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Von: Maximilian Birke

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Rund fünf Stunden lang beschäftigte der Großbrand in der Härterei Kirchhoff die Einsatzkräfte.
Rund fünf Stunden lang beschäftigte der Großbrand in der Härterei Kirchhoff die Einsatzkräfte. © Birke

Das Jahr 2022 hatte für die Werdohler Feuerwehr viel zu bieten. Mehr als 350 Mal rückten die freiwilligen Helfer aus, längst nicht alle Einsätze lagen auf dem eigenen Stadtgebiet.

Werdohl – Auch im Jahr nach der Flutkatastrophe zeichnet sich ab, dass eine gute Zusammenarbeit innerhalb der Feuerwehr, besonders aber auch unter den Kommunen im Märkischen Kreis einen größeren Stellenwert bekommt. Es geht dabei nicht nur um die Bewältigung von Einsätzen, sondern auch um die Ausbildung neuer Wehrleute. Im Gespräch mit dem SV schildert Feuerwehr-Chef Kai Tebrün, wie er das Jahr erlebt hat und was ihm davon besonders im Gedächtnis bleibt.

Auffällig sei 2022 vor allem eines gewesen: „Wir sind in vielen Fällen ausgerückt, um bei Großeinsatzlagen in anderen Städten zu unterstützen“, sagt Tebrün. Konkret nennt er in diesem Zusammenhang das Feuer in der Schwarzenstein-Brache in Altena, aber auch Waldbrände in Lüdenscheid, Plettenberg und Altena.

Sie erforderten den Einsatz zahlloser Kräfte. So waren allein beim Waldbrand am Hegenscheid zwischen Iserlohn Altena mehr als 400 Brandbekämpfer aus dem gesamten Märkischen Kreis gefordert. „Bei den Einsätzen zeigt sich immer, dass die Zusammenarbeit unter den Feuerwehren bei uns im Kreis außerordentlich gut funktioniert“, lobt Tebrün.

In Nachbarstädten und vor der eigenen Haustür hielten Waldbrände die Werdohler Wehr in Atem.
In Nachbarstädten und vor der eigenen Haustür hielten Waldbrände die Werdohler Wehr in Atem. © Griese

Gleichwohl seien Waldbrände für die Feuerwehrleute besonders kräftezehrend. „Wenn Du zur überörtlichen Hilfe bei so einem Brand alarmiert wirst, ist oft schon klar: Da wirst Du jetzt zehn Stunden lang gefordert sein.“ Mit der reinen Einsatzzeit sei es dabei längst nicht getan. „Gerade Waldbrände sind regelrechte Materialschlachten“, berichtet Tebrün.

Schläuche gehen kaputt, manchmal – so zum Beispiel in Plettenberg – muss auch Material zurückgelassen werden, wenn das Feuer unerwartet seine Richtung ändert. Nach dem Einsatz müsse genau nachvollzogen werden, welches Material fehlt. Manches muss repariert oder ersetzt, vieles gereinigt werden. „Man kann sagen, dass diese Nacharbeit, die kaum jemand sieht, etwa die vierfache Einsatzdauer in Anspruch nimmt“, erklärt der Feuerwehr-Chef.

Er berichtet weiter, dass die Feuerwehr von den Bränden in Nachbarstädten 2022 oft aus den Medien erfuhr. „Dieses Jahr war es so, dass mich ein Kollege anrief: Er fragte, ob ich schon den Bericht auf come-on.de zu einem Waldbrand in Plettenberg gelesen habe und ob ich wisse, wann wir dorthin fahren. Während unseres Telefonates ging der Einsatzmelder und wir wurden tatsächlich alarmiert. Das war schon faszinierend, welche Wege die Informationen teilweise gingen.“

Auch auf dem Werdohler Stadtgebiet gab es aber größere Brände, die die Aufmerksamkeit der Wehr erforderten. So zum Beispiel das Feuer in der Härterei Kirchhoff, dem am 24. Juli der Großteil einer Produktionshalle zum Opfer fiel.

Keine Probleme gibt es beim Nachwuchs: Kinder- und Jugendfeuerwehr sind proppenvoll.
Keine Probleme gibt es beim Nachwuchs: Kinder- und Jugendfeuerwehr sind proppenvoll. © Feuerwehr Werdohl

Als weiteren außergewöhnlichen Einsatz nennt Tebrün den Absturz eines Gleitschirmfliegers an Karfreitag, der den Einsatz sowohl von Höhenrettern der Feuerwehr Dortmund als auch eines Bundeswehr-Hubschraubers im Search-And-Rescue-Dienst (SAR) erforderte.

„Gut in Erinnerung ist mir auch noch eine Personensuche auf der Königsburg“, sagt Tebrün. Die Feuerwehr hatte der Polizei auf dem kurzen Dienstweg ihre Hilfe angeboten. Vermisst wurde am 5. August eine Seniorin, an deren Suche sich auch viele Privatpersonen beteiligten. Ein Suchtrupp der Feuerwehr war es schließlich, der die 77-Jährige auffand.

„Das war schon toll, das Aufatmen bei den Beteiligten zu spüren. Dass eine Suche so erfolgreich ausgeht, ist nicht selbstverständlich. Wir sind zwar erst mitten in der Nacht ins Bett gekommen, dafür aber mit einem guten Gefühl nach Hause gefahren“, ist Tebrün stolz auf seine Mannschaft und den gemeinsamen Einsatz der verschiedenen Hilfskräfte.

Ebenfalls gestiegen sei in 2022 die Zahl der Fälle, in denen die Kameraden zur Türöffnung ausrückten. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn jemand in seiner Wohnung gestürzt ist und sich durch Hilferufe bemerkbar macht. Für die Feuerwehr sei das Öffnen der Tür in den meisten Fällen keine große Herausforderung, schließlich haben die Fahrzeuge dafür Spezialwerkzeug an Bord. Und doch stellen gerade solche Einsätze eine Belastung dar: „Du weißt nie, was Dich hinter der verschlossenen Tür erwartet“, schildert Kai Tebrün.

Jungfernfahrt auf der Lenne: Das neue Feuerwehr-Boot kam in diesem Jahr erstmals zum Einsatz.
Jungfernfahrt auf der Lenne: Das neue Feuerwehr-Boot kam in diesem Jahr erstmals zum Einsatz. © Wiechowski

Manchmal sei jemand gestürzt oder habe einen medizinischen Notfall, manchmal sei gar keine Person in der Wohnung. „Leider kommt es aber auch vor, dass die Person hinter der Tür verstorben ist. Je nachdem, wie lange sie schon da liegt, ist das natürlich kein schöner Anblick“, erinnert sich Tebrün an einen Einsatz an der Feldstraße.

Worauf es zurückzuführen ist, dass die Zahl der Türöffnungen zugenommen hat? Darüber lasse sich nur spekulieren: „Ich habe den Eindruck, viele Menschen leben anonymer als früher und es gibt mehr Single-Haushalte. Wenn die Nachbarn von Alleinstehenden länger nichts sehen oder hören und sich Sorgen machen, rufen sie uns“, sagt Tebrün.

„Wir betreten die Wohnungen immer mit so wenig Kräften wie möglich. Wenn bei Türöffnungen schon klar ist, dass es einen Exitus gibt, übergeben wir die Einsatzstelle sofort an den Rettungsdienst nachdem wir einen Zugang verschafft haben.“ Auf diese Weise lässt sich manches traumatische Bild für die Einsatzkräfte der Feuerwehr umgehen.

Zurückgegangen sei erfreulicherweise die Zahl der Fälle, in denen die Feuerwehr Ölspuren abstreuen musste. Auch das lasse sich auf veränderte Informationswege zurückführen: „Oftmals haben Leute in diesem Jahr bei mir im Rathaus oder beim Ordnungsamt angerufen, um Ölspuren zu melden“, erklärt Tebrün.

Die Szenerie war dramatisch: In Eveking kam bei einem Verkehrsunfall Anfang April eine Fußgängerin ums Leben. Einige Feuerwehrleute kannten das Opfer.
Die Szenerie war dramatisch: In Eveking kam bei einem Verkehrsunfall Anfang April eine Fußgängerin ums Leben. Einige Feuerwehrleute kannten das Opfer. © Birke

„Dadurch konnte ich mit unserem Bauhof oder mit Straßen.NRW in Kontakt treten, die sich dann um die Beseitigung gekümmert haben.“ So ließen sich Einsätze für die Feuerwehr verhindern. Das ist natürlich auch für die Arbeitgeber der freiwilligen Helfer von Vorteil, denen so Arbeitsausfälle erspart bleiben: „Denn bei Ölspuren kann man nicht nur einzelne Leute alarmieren, wie es sich manche vorstellen oder wünschen würden, sondern nur eine ganze Einheit.“

Ganz ohne Ölbindemittel kam die Wehr aber nicht aus. Das lag auch an heftigen Verkehrsunfällen, die den Einsatz der Helfer erforderten: So zum Beispiel in Altenmühle, wo am 23. Mai ein LKW gegen eine Felswand fuhr und der verletzte Fahrer aus seiner zerstörten Kabine geschnitten werden musste. „Das war technisch schon ein ziemlich aufwendiger Einsatz“, sagt Tebrün.

Unvergessen ist ein weiterer tragischer Unfall, der vor allem die psychische Belastbarkeit der Kameraden auf die Probe stellte: In Eveking lief am 5. April eine Frau über die Bundesstraße und wurde vom Auto einer Plettenbergerin erfasst. Das Unfallopfer, das einige der Feuerwehrleute persönlich kannten, war vermutlich sofort tot. Der Löschzug Eveking leuchtete über Stunden die Einsatzstelle für die Polizei aus und kümmerte sich gemeinsam mit einem Notfallseelsorger nach Kräften um die Angehörigen.

Erfreulich sei 2022 dagegen die Weiterentwicklung innerhalb der Feuerwehr gewesen. So konnten unter anderem zwei neue Fahrzeuge in Dienst gestellt werden: ein Logistikfahrzeug für den Löschzug Stadtmitte, das sich die Stadt 300 000 Euro kosten ließ, und ein Fahrzeug für die Jugendfeuerwehr, das mit weiteren 205 000 Euro zu Buche schlug.

Frisch in Dienst gestellt wurde 2022 das neue Logistikfahrzeug des Löschzugs Stadtmitte.
Frisch in Dienst gestellt wurde 2022 das neue Logistikfahrzeug des Löschzugs Stadtmitte. © Heyn

Darüber hinaus wurde die Anschaffung eines neuen Drehleiter-Fahrzeugs für mehr als 900 000 Euro beschlossen. Wichtig für die Feuerwehr ist neben gutem Einsatzgerät vor allem gutes Personal in ausreichender Anzahl. Hier hat die Feuerwehr Werdohl ein echtes Luxus-Problem: Die Nachfrage bei Kinder- und Jugendfeuerwehr hat sich 2022 derart positiv entwickelt, dass es teils lange Wartelisten gibt. Von Nachwuchsproblemen kann also keine Rede sein.

Problematisch gestaltete sich während Corona allerdings die Ausbildung der neuen Einsatzkräfte. Schulungen waren lange nicht oder nur eingeschränkt möglich, was zu einem Ausbildungsstau geführt hat. Diesen aufzuarbeiten war eine große Herausforderung im Jahr 2022 und wird die Feuerwehr auch im neuen Jahr beschäftigen.

„Wir arbeiten auch in diesem Bereich inzwischen eng mit anderen Feuerwehren zusammen, sowie auch mit dem Märkischen Kreis und dem Institut der Feuerwehr in Münster“, erklärt Kai Tebrün. So habe man sich für die Grundausbildung, den sogenannten Truppmann, beispielsweise eng mit den Feuerwehren Schalksmühle und Neuenrade vernetzt.

Dadurch könnten die Inhalte der Ausbildungsmodule effizient weitergegeben werden, weil es in den Feuerwehren einerseits Experten für bestimmte Themen gibt und andererseits eine größere Gruppe von Anwärtern geschult werden kann. Auch hier zeigt sich: Die gute Zusammenarbeit unter den Feuerwehren wird immer wichtiger.

Rund fünf Stunden lang beschäftigte der Großbrand in der Härterei Kirchhoff die Einsatzkräfte.
Rund fünf Stunden lang beschäftigte der Großbrand in der Härterei Kirchhoff die Einsatzkräfte. © Birke

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