Am letzten Tag fließen Tränen

Schuh-Sport Bathe in Werdohl ist nach 66 Jahren Geschichte

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Regale und Kleiderständer so gut wie leer: Am Mittwoch war der letzte Verkaufstag im Schuh- und Sportgeschäft Bathe an der Bahnhofstraße. Inhaberin Kerstin Bathe musste das Familienunternehmen nach 66 Jahren schließen.

Werdohl – Nach knapp 66 Jahren ist am Mittwoch in Werdohl eine Einzelhandelstradition zu Ende gegangen. Im Schuh- und Sportgeschäft Bathe gingen an diesem Tag die letzten Schuhe, Trainingsanzüge, Trikots und T-Shirts über den Tresen.

Mittendrin: Kerstin Bathe (56), die das 1954 von ihrem Großvater Otto gegründete Geschäft vor 17 Jahren von ihrem Vater Wolfgang übernommen hatte. 

Kerstin Bathe ist an diesem Tag die meiste Zeit die einzige Verkäuferin im Laden. Ihre einzig verbliebene Angestellte, ihre Schwester Susanne, ist schon nicht mehr da. Die Chefin ist scheinbar überall gleichzeitig auf den drei Verkaufsebenen des Geschäfts, denn die Kunden geben sich die Klinke in die Hand. Altbekannte Stammkunden sind darunter, aber auch solche, die das Geschäft ganz offensichtlich zum ersten Mal betreten haben. 

Besondere Schnäppchen

Die verbliebenen Sportartikel gibt es kurz vor der Geschäftsschließung besonders günstig, und manchmal rundet Kerstin Bathe auch noch zusätzlich ab. Mancher macht auf diese Weise ein besonderes Schnäppchen. Kerstin Bathe berät sie alle – wenn es sein muss sogar auf Englisch – und zeigt noch einmal ihr ganzes Verkaufstalent. Der eine oder andere kauft am Ende mehr, als er eigentlich wollte. Aber es soll auch alles raus. 

Auch Einrichtungsgegenstände stehen zum Verkauf: Regale, Warenständer, Schaufensterpuppen, sogar Kleiderbügel und Werbeposter mit den Konterfeis von internationalen Sportgrößen sind zu kleinen Preisen zu haben. „Was soll ich noch damit?“, stellt Kerstin Bathe eine rhetorische Frage. „Ich habe dafür ja keine Verwendung mehr.“ Nur ein paar Erinnerungsstücke will sie aufbewahren. 

Geschäft vor 17 Jahren übernommen

Kerstin Bathe möchte dankbar und zufrieden auf diesen Abschnitt ihres Lebens zurückblicken, der an diesem Tag zu Ende geht. 17 Jahre zuvor hat sie das Geschäft übernommen, aber eigentlich hat sie ihr ganzes Leben damit verbracht, den Kunden aus Werdohl und Umgebung die Dinge zu verkaufen, die sie benötigten, um ihren sportlichen Hobbys nachzugehen. 

Bis zum letzten Tag bediente Kerstin Bathe ihre Kundschaft mit einem freundlichen Wort auf dem Lippen – am Schluss aber auch mit Tränen in den Augen.

Gegründet hat das Geschäft ihr Großvater am 2. November 1954. Deutschland war wenige Monate zuvor in der Schweiz ganz überraschend Fußball-Weltmeister geworden, die Euphorie war groß in der Bevölkerung. Otto Bathe startete an der Sandstraße mit dem Schuh- und Sporthaus Bathe mit einer angeschlossenen kleinen Reparaturwerkstatt. Zunächst gab es Haus- und Arbeitsschuhe sowie Gummistiefel zu kaufen, aber schon bald gehörten auch Damen-, Herren- und Kinderschuhe sowie Fußballschuhe zum Sortiment. 1956 gab es bei Bathe auch Turnhosen und -hemden, Fußbälle und Ski. Bathe aus Werdohl war einer der ersten Kunden der späteren Weltmarke Adidas, aber auch Puma, Allround und Rucanor zählten schon zu den Lieferanten. 

Das Geschäft florierte: Mehrere Umzüge

Das Geschäft florierte, was in den folgenden Jahren mehrere Umzüge zur Folge hatte: Von der Sandstraße an die Bahnhofstraße, dann an die Neustadtstraße, wo auf drei Etagen rund 400 Quadratmeter Verkaufsfläche zur Verfügung standen, dann wieder zurück an die Bahnhofstraße. In besten Zeiten sorgten zehn Angestellte dafür, dass die Kunden fachkundig beraten wurden. 

Nachdem Geschäftsgründer Otto Bathe 1971 gestorben war, stieg sein Sohn Wolfgang ein, um das Geschäft zusammen mit seiner Mutter Maria weiterzuführen. Ab 1986 war Wolfgang Bathe nach dem Tod der Mutter alleiniger Inhaber. Er führte das Geschäft bis Ende 2002, dann übernahm seine älteste Tochter Kerstin. Aber auch die jüngeren Zwillingsschwestern Susanne und Stefanie arbeiteten im Familienbetrieb mit. 

Alleinstellungsmerkmal verschafft

Die neue Inhaberin erweiterte das Sortiment um Babykleidung des Sportartikelherstellers Adidas und verschaffte dem Geschäft damit so etwas wie ein Alleinstellungsmarkmal. „Das hatten damals selbst die großen Sportgeschäfte nicht“, erinnert sich Kerstin Bathe. Schuh-Sport Bathe sei damals einer der besten 40 Adidas-Kunden auf diesem Sektor gewesen. Auch eine dänische Kinderkollektion sei super gelaufen, blickt Bathe zurück, weshalb die Verkaufsfläche im Haus Bahnhofstraße 27 zu klein geworden sei. Der nächste Umzug stand an, in das Gebäude Bahnhofstraße 27, wo jetzt auch der letzte Verkaufstag über die Bühne ging. 

Wolfgang Bathe (links) traf am Adidas-Stand auf der Internationalen Fachmesse für Sportartikel und Sportmode (Ispo) in München nicht selten die nationale Sportprominenz, hier zum Beispiel den früheren Fußball-Nationalstürmer Uwe Seeler.

Doch wann ging es bergab mit dem lange Zeit erfolgreichen Geschäft? Einen genauen Zeitpunkt kann Kerstin Bathe gar nicht einmal nennen, wohl aber eine ganze Reihe von Gründen. An der Firma Adidas lässt die Geschäftsfrau kein gutes Haar. Der Sportartikelhersteller aus Herzogenaurach habe an vielen Stellschrauben gedreht, die kleinen Geschäfte wie Schuh-Sport Bathe das Leben schwer gemacht hätten. Kerstin Bathe nennt Beispiele: „Artikel aus bestimmten Serien haben wir einfach nicht mehr bekommen, weil wir zu klein waren und zu wenig abgenommen haben.“ Das sei Adidas einfach zu aufwendig gewesen. Auch habe der Hersteller selbst seine Artikel im Internet angeboten und sei damit als Konkurrent zum Einzelhandel aufgetreten. 

Konkurrenz durch den Internethandel zu stark

Überhaupt das Internet: 70 bis 80 Prozent ihres Umsatzrückgangs führt Kerstin Bathe auf den Online-Handel zurück. Vor allem die junge, sportaffine Kundschaft kaufe lieber bei Versandhändlern als im örtlichen Fachgeschäft. Im Frühjahr sei noch die Corona-Pandemie mit ihren negativen Begleiterscheinungen hinzugekommen. „Es gab keinen verkaufsoffenen Sonntag mehr, Fußballspiele wurden abgesagt“, zählt die 56-Jährige die für ihr Geschäft gravierendsten Einschnitte auf. Dann kam noch der Lockdown dazu, in dessen Verlauf viele Geschäfte schließen mussten. Was Kerstin Bathe nach dieser Erfahrung nicht erwartet hatte: „Die zwei Wochen danach sind bombig gelaufen!“ Aber danach sei der Kundenstrom wie abgeschnitten gewesen. „Das hat uns das Genick gebrochen“, sagt sie. Es folgte am 20. Juli der Gang in das vorläufige Insolvenzverfahren. 

Jetzt ist Schuh-Sport Bathe Geschichte. Für Kerstin Bathe ist damit eine Welt zusammengebrochen. „Ich könnte nur noch heulen“, sagt sie am letzten Verkaufstag. In diesen Tagen denkt sie zurück an „die tolle Gemeinschaft im Marketingsverein, wo wir viel bewegt haben“, an die Zeit, als sie als 15-Jährige, zusammen mit einer Angestellten, den Laden schmiss, damit die Eltern einmal in den Urlaub fahren konnten. Es gibt keinen Zweifel: Kerstin Bathes Herz hat an diesem Geschäft gehangen, obwohl sie selbst zunächst einen anderen Berufsweg eingeschlafen hat. Bei der Stadt Werdohl hat sie eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten gemacht und beim Ordnungsamt gearbeitet. Für ein Studium, das sie allerdings nicht zu Ende gebracht hat, ging sie nach Augsburg, arbeitete anschließend als Reiseleiterin und kehrte nach 25 Jahren nach Werdohl zurück, um das elterliche Geschäft zu übernehmen. Wie es für sie beruflich weitergeht – Kerstin Bathe weiß es noch nicht. Mit 56 Jahren muss und will sie noch arbeiten. Vielleicht helfen ihr ihre vielfältigen Talente bei der Jobsuche. 

Massive Kritik an Bevölkerung und Politik

Nach dem letzten Verkaufstag bleibt bei ihr Traurigkeit, aber auch so etwas wie Verbitterung. Sie übt massive Kritik an der Bevölkerung, die nicht in den örtlichen Geschäften einkauft und schimpft darüber, dass niemand etwas dagegen unternimmt, dass Menschen fremder Herkunft in der Innenstadt herumlungern. „Von denen kauft keiner in unseren Geschäften, und die schrecken auch noch unsere Kunden ab“, nimmt sie kein Blatt vor den Mund. „Vielleicht unternimmt ja der neue Bürgermeister einmal etwas“, sagt sie noch.

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