Richtig teures Blitzer-Foto

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Symbolfoto. 

Werdohl - Schlimmer konnte es im Amtsgericht Altena kaum kommen für einen 24-jährigen Angeklagten, der zwar gut verdient, sein Geld aber hart als Gesenkschmied verdienen muss: Richter Dirk Reckschmidt verurteilte den jungen Mann zu einer Geldstrafe von 5600 Euro.

Begonnen hatte das Strafverfahren am 27. Januar mit dem Foto einer Verkehrsüberwachungsanlage an der Plettenberger Straße in Werdohl. Als Fahrer eines VW Golf wurde der Angeklagte ermittelt. Dabei stellte sich heraus, dass er keine Fahrerlaubnis hatte. Außerdem war das verwendete Kennzeichen nicht für dieses Auto zugelassen. Daraus wurde ein doppelter Vorwurf: Fahren ohne Fahrerlaubnis und Verwendung einer falschen Urkunde.

Der Angeklagte bestritt bei einem ersten Anlauf im Amtsgericht, dass er der Mann am Steuer gewesen sei – trotz eines schriftlich vorliegenden Sachverständigengutachtens, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit feststellte, dass der „geblitzte“ Fahrer und der Angeklagte ein und dieselbe Person seien. Der 24-Jährige beharrte dennoch trotzig darauf, dass er nicht gefahren sei. Dann solle der Gutachter eben kommen, verabschiedete er sich – obwohl Richter Reckschmidt ihn auf die erheblichen Kosten von etwa 2500 Euro aufmerksam gemacht hatte.

Keine Zweifel an Identität

Und so kam zum zweiten Termin der Anthropologe Cornelius Schott, dem immerhin ein eigener Wikipedia-Eintrag gewidmet ist, nach Altena und erläuterte mündlich, was er bereits geschrieben hatte: Dass er keinerlei ernsthafte Zweifel daran habe, dass das Foto der Blitzanlage den Angeklagten zeige. Die Qualität des Bildes liege im obersten Güteklassenbereich dessen, was eine solche Anlage überhaupt hervorbringen könne – eine Portraitfotografie. Und auf dieser Grundlage hatte der Gutachter 24 prägnante Einzelmerkmale der beiden Gesichter verglichen und „keinerlei Abweichungen“ bei Augenbrauen, Lidern, Kinn, Wangen, rechtem Ohr, Gesichtsform und den Nasenflügelzonen gefunden.

Starrsinn kostet eine Stange Geld

Der Rest der Argumentation bestand zum größten Teil aus Statistik, an deren Ende Cornelius Schott ein schwindelerregendes Ergebnis vortrug: Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Menschen hinsichtlich der von ihm untersuchten Merkmale zufällig gleich aussehen, liege bei eins zu 270 Milliarden – „ein Fall völliger Klarheit aus anthropologischer Sicht“.

 Der Angeklagte hätte das Ganze allerdings preiswerter haben können: „Dieses Foto lässt auf den ersten Blick den Angeklagten erkennen“, stellte die Staatsanwältin fest und beantragte eine Geldstrafe von 100 Tagessätzen zu je 70 Euro. Richter Dirk Reckschmidt, dem sich dieser Eindruck ebenfalls ohne anthropologisches Gutachten aufgedrängt hatte, reduzierte das beantragte Strafmaß auf 80 Tagessätze zu je 70 Euro und verhängte eine Sperrfrist für die Erteilung einer Fahrerlaubnis von neun Monaten. „Da können Sie bestreiten, wie Sie wollen – das waren Sie!“, verabschiedete er den Angeklagten.

Der wiederum akzeptierte das Urteil noch im Gerichtssaal, was man wohl durchaus als ein sehr spätes Geständnis interpretieren darf. Hätte er sich das früher überlegt, hätte er eine imposante Summe Geldes sparen können.

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