Kathrin Heinrichs begeistert mit Jubiläumsprogramm in Werdohl

Kathrin Heinrichs fand in Werdohl ein begeistertes Publikum.

WERDOHL ▪ Die Rolling Stones können sich an ihr Zehnjähriges auf der Bühne wahrscheinlich gar nicht mehr erinnern. Für Kathrin Heinrichs ist es ein Grund zum Feiern und so zieht sie mit einem Best-of-Programm durch die Lande. In Werdohl traf sie damit offenbar den Nerv eines überwiegend weiblichen Publikums. Das Kleine Kulturforum war am Sonntagabend restlos ausverkauft. Und Heinrichs kündigte einen Abend an, bei dem es „Drunter und Drüber“ gehen sollte.

In der ersten Hälfte ihres Auftritts las die Autorin aus ihren Krimis und Kurzgeschichten vor. Nach der Unterbrechung kam sie verkleidet als ihre Kunstfigur Helga Hammer-Gescheidt auf die Bühne zurück. Damit bot die Mendenerin zwei Teile eines Auftritts, die unterschiedlicher kaum hätten sein können. Das Publikum – angereist aus dem Sauer-, Sieger- sowie dem Rheinland – hatte an beiden Hälften seine Freude. Immer wieder nickten die Zuschauer und raunten sich gegenseitig zu: „Das kenne ich.“

Heinrichs pflegt eine gehörige Portion Sauerländer Selbstironie. So beschreibt sie ihre Heimatregion als den Landstrich, wo Großmutter mit drei „m“ (Ommma) geschrieben und Rotwein aus Blumenvasen getrunken wird. „Meine Familie, ich komme gebürtig ja aus Langenholthausen, war genauso“, beichtete Heinrichs. „Ich hatte sechs ältere Geschwister.“

Und so liest sie ihre Texte zwar aus ihren Büchern vor, doch kommen sie so locker und pointiert, dass es wirkt, als berichte sie an der Theke sitzend von ihrem Tag, beginnend mit den Worten „Du, mir is' da wat passiert...“

Bei den Wortkombinationen Schützenfest und Bier oder Kinder und Blockflöte beginnen die Zuschauer schon zu lachen und stöhnen auf – lange bevor die Künstlerin auf den Schlussgag ihrer Geschichte zusteuert. Für die Besucher im Kleinen Kulturforum scheint es befreiend zu sein, „so unter vier Augen“ einmal über sich selbst lachen zu dürfen. Das verschafft Erleichterung.

Doch das Programm bekommt Längen. Heinrichs wiederholt sich mehr und mehr. Nach der Pause – als Helga Hammer-Gescheidt – verflacht ihr Witz. Die Sprüche werden zusehends klischeehafter. Das Publikum jedoch lacht immer lauter und spitzer auf. Und die Kunstfigur Helga solidarisiert sich mit ihrem Publikum: „Ich bin sicher, ich bin nicht die Einzige hier im Saal, für die Kyrill die stürmischste Begegnung der letzten Jahre war. Dat glaub' ich abba für 'se mit.“

Es geht ums Älterwerden und damit einhergehenden Schwierigkeiten mit Mode und neuer Technik noch umgehen zu können. Witze, die andere Kabarettisten schon Jahre zuvor benutzt haben, werden hier wieder aufgewärmt. Da wird das Sauerland zur „Wildnis, voll gestopft mit sturztrunkenen Kegelclubs“. Und da wird philosophiert: „Die Entscheidung, ob man bereit ist, die Ehe einzugehen, die ist fast so schwer, als ob man vor dem Einschlafen nochmal aufs Klo geht oder nicht?“ Und uralte Klischees im Zusammenspiel der Geschlechter erleben eine Renaissance: „Die Frühpensionierung des Mannes ist ein echter Schicksalsschlag für die Frau.“

Witziger, weil auch authentischer, ist Heinrichs, als sie von den dümmsten Interviewfragen berichtet, die ihr selbst gestellt wurden – beginnend mit „Was machen Sie eigentlich beruflich?“ bis hin zu „Wollten Sie schon immer Autistin werden?“ Heinrichs berichtet, ihren alten Lateinlehrer geheiratet zu haben: „Wenn man mich fragt, was ich so vom Lateinunterricht behalten habe...“

Die Kabarettist sagt häufig „is wirklich wahr“, um dem Publikum ihre Bodenhaftung zu demonstrieren. Vor der Pause, ohne klamaukige Verkleidung, gelingt das noch. Das Publikum geht mit. Und das Lachen klingt wie eine Mischung aus Empörung („Sowas sagt man doch nicht“) und Sich-Ertappt-Fühlen („Ja, so sind wir Sauerländer“). Nach der Pause wirkt Heinrichs zur Schau gestellte Publikumsnähe anbiedernd. Ihre (nun nicht mehr abgelesenen) Texte sind nur auf den billigen Lacher aus.

Dabei fallen ihr die Widersprüche in ihrem Programm wohl selbst nicht mehr auf. Einerseits betont sie stolz, doch „noch richtige“ Unterhemden zu tragen, die wärmen. Andererseits macht sie sich „angeekeltlustig“, über ältere Damen, die dicke Unterröcke tragen. Die – wie beispielsweise ihre Freundin „Renatte“ – sollten doch ein Seminar mit dem Titel „Vergreisende soll man nicht aufhalten, spielerisch älter werden“ besuchen.

Michael Koll

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