Fußball in Zeiten von Corona

Saisonstart in der Bundesliga vor Publikum: Das sagen die heimischen Fanclub-Vertreter

Die Ränge füllen sich wieder langsam: Beim DFB-Pokal-Spiel von Dynamo Dresden gegen den Hamburger SV war erstmals wieder eine größere Zahl an Zuschauern im Stadion erlaubt. In der neuen Bundesliga-Saison, die morgen beginnt, dürfen 20 Prozent der maximal möglichen Zuschauer ins Stadion. Die heimischen Fans reagieren mit gemischten Gefühlen auf diese bundesweite Regelung.

Lennetal – Gemischte Gefühle haben die heimischen Fußball-Fanclubs beim Gedanken an die Rückkehr in die einstigen Stimmungshochburgen: die Fußball-Stadien.

Wo sonst gemeinsam mitgefiebert, gejubelt und auch mal getrauert wurde, wo man sich beim Singen der Vereinshymne in den Armen lag oder sich gegenseitig zuprostete, herrscht seit der Corona-Pandemie tote Hose. Geisterspiele, also Fußballduelle ohne Publikum, sind zur neuen Normalität geworden. Das soll sich nun, zum Start der Bundesliga wieder ändern. 

Denn die Landesregierungen haben sich darauf verständigt, unter Auflagen den Fans die Rückkehr auf die Ränge zu ermöglichen. Es handelt sich aber vorerst um eine sechswöchige Testphase. Nicht alle sind von diesem Vorstoß der Politik begeistert. Tom David, Vorsitzender des Schalke-Fanclubs Königsblau Werdohl sagt ganz offen: „Mit Blick auf die hohen Fallzahlen und die neuen Risikogebiete, die in dieser Woche erst eingestuft wurden, lässt sich die Entscheidung kaum nachvollziehen. Es gibt viele Gründe, die dagegen sprechen, allen voran der Gesundheitsschutz.“ 

Coronavirus: Öffnung ist "ein gewagter Schritt"

So schön das Hobby Fußball auch sei, „dieser Schritt ist wirklich sehr gewagt“, betont David. Mit seiner Ansicht stehe er nicht alleine da: Bei der letzten Monatsveranstaltung, einer Art Stammtisch mit Gesprächen und Diskussion, die der Fanclub veranstaltet, seien alle der rund 18 Teilnehmer gegen die vorzeitige Öffnung der Stadien gewesen, berichtet der Vorsitzende. David und seine Sportkollegen würden die Situation beobachten und seien gespannt auf einen Erfahrungsaustausch, den es wohl geben werde. 

Für den Stadionbereich selbst macht sich der Fanclub-Vorsitzende nur wenig Sorgen, dass sich Besucher nicht an die Regeln halten. Viel problematischer sieht er die An- und Abreise. Und die Stimmung: Denn David bezweifelt, dass unter den jetzt vorgegebenen Bedingungen die Stadionatmosphäre und das Gemeinschaftsgefühl so aufkommen wie sonst bei den Mannschaftsduellen. 

Verständnis für die Sicht der Vereine

Trotz aller Bedenken hat der Schalker aus seiner Sicht aber Verständnis für Freude über die Öffnung, nämlich aus Sicht der Vereine, für die es auch viele finanzielle Herausforderungen durch Corona gegeben habe. 

„Das richtige Stadiongefühl wird fehlen“, ist sich auch Tristan Biek, Vorsitzender des Dortmund-Fanclubs BVB Supporters Lennetal mit Sitz in Nachrodt, sicher. Er spricht von den Bedingungen, die für Besucher gelten. Auf dem Weg zu den Plätzen gilt Maskenpflicht, Abstände sind einzuhalten, und einen Ausschank alkoholischer Getränke darf es vorerst nicht geben. „Das ist genau das, was wir eigentlich lieben: Gemeinsam mitfiebern, sich gegenseitig in den Armen liegen und auch mal anstoßen“, bedauert Biek. Für den Fanclub sei in Anbetracht eventueller Infektionsrisiken klar: „Jeder kann das so machen, wie er möchte, Spiele besuchen oder zu Hause bleiben. Wir als Club werden vorerst keine gemeinsamen Aktionen oder Fahrten organisieren.“ 

Fanclub-Vorsitzender sieht die Fans in der Pflicht

Ob die Entscheidung zur vorsichtigen Stadien-Öffnung richtig ist, mag Biek nicht zu beurteilen. Mit Blick auf die finanziellen Herausforderungen für die Vereine sei das Vorgehen sicherlich gerechtfertigt. Was aber passiert, wenn es zu einem Corona-Ausbruch kommen sollte, möchte sich der Vorsitzende lieber nicht ausmalen. „Dann würde die Normalität wohl in noch weitere Ferne rücken.“ 

Damit dieser Fall nicht zur Realität wird, seien jetzt die Fans gefragt, sich verantwortungsbewusst zu verhalten, betont Marc Hessler, Zweiter Vorsitzender der Lenne-Fohlen Plettenberg, die der Borussia Mönchengladbach die Treue geschworen haben. „Die Fans sollten zusehen, dass sie sich an die neuen Vorgaben in den Stadien halten, damit nicht in sechs Wochen wieder alles zu ist.“ 

Vorerst keine gemeinsame Fahrten ins Stadion

Im Großen und Ganzen rechnet er aber mit der Vernunft der Besucher. Ausnahmen werde es wohl leider auch geben, aber „in Anbetracht der stark verringerten Besucherzahlen dürfte das für die Ordner kein Problem sein“. Nach den jüngsten Vorgaben erhalten maximal 20 Prozent der möglichen Besucherzahl Einlass in die Stadien. Je nach Größe können das zum Beispiel zwischen 5000 und 8000 Personen sein. Gemeinsame Fahrten ins Stadion werden auch die Lenne-Fohlen vorerst nicht veranstalten. Wer eine Karte ergattern kann, muss sich selbst um die Anreise kümmern. 

Insgesamt begrüßt Marc Hessler den vorsichtigen Schritt weg von den Geisterspielen. „Für einige Vereine ist es elementar wichtig, dass es jetzt weitergeht, damit sie finanziell überleben können.“ Insbesondere bei Hallensportarten wie Eishockey sei das der Fall. 

Endlich keine Geisterkulisse mehr

„Grundsätzlich ist es gut, dass Besucher wieder möglich sind, damit wir die Geisterkulisse endlich hinter uns lassen können“, freut sich auch Michael Neuhaus, Vorsitzender des FC-Bayern-Fanclubs Garbeck über die jüngsten Entwicklungen. Die Einschränkungen findet er nicht allzu negativ, sondern ist vielmehr froh, dass überhaupt Fans wieder zuschauen dürfen. „Es kann stimmungstechnisch ja nur besser werden. Wir können jetzt eine Vorreiter-Position einnehmen und zeigen, dass man zusammen viel erreichen kann. Vor dem Hintergrund finde ich es auch gut, dass eine bundesweite Lösung erzielt werden konnte.“ 

An die Fans appelliert er, sich verantwortungsbewusst zu verhalten – wie es bisher auch der Fall gewesen sei. Das bezieht Neuhaus aber nicht nur auf den Besuch im Stadion, sondern auch auf die Zeit davor und danach. „Es sollte keine Ansammlungen vor dem Stadion geben, und es sollte sich auch niemand vor dem Spiel betrinken, weil im Stadion jetzt Alkoholverbot herrscht“, betont er. Der Zusammenhalt in der Sport- und Fangemeinschaft sei nun gefragt, damit die Besucherzahl schon bald weiter hochgefahren werden kann.

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