Rundgänge durch Werdohl und Neuenrade

Gespenstische Atmosphäre: Kaum Menschen unterwegs

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Für gewöhnlich wimmelt es in den Nachmittagsstunden auf dem Schulhof Niederheide in Neuenrade von Jugendlichen – nicht am Samstag.

Werdohl/Neuenrade - Wenn nicht hier und dort einmal ein Auto oder ein Spaziergänger zu sehen wäre, könnte man glauben, über Nacht hätten Außerirdische alles menschliche Leben abgeholt und nur man selbst wäre übrig geblieben. Der Rundgang durch Werdohl und die Nachbarstadt Neuenrade erzeugt ein beklemmendes Gefühl.

9 Uhr: Ich sitze im Wohnzimmer und studiere die Leserbriefe im Süderländer Volksfreund. Ich lese vom Urlaubsgefühl derjenigen, die aufgrund des Coronavirus daheim bleiben. Ich bin weit davon entfernt, Angst zu haben, aber manche nehmen die Lage wohl auch zu sehr auf die leichte Schulter, denke ich.

12 Uhr: Der Blick in die Untiefen der sozialen Medien zeigt mir, dass es auch ganz anders geht: Da werden Vergleiche mit der Pest angestellt. Es werden Parallelen gezogen zum Asteroidenhagel, der die Dinosaurier aussterben ließ. Manche Menschen sind zum Haareraufen. Ich schalte den Rechner aus.

12.45 Uhr: Beim Einkaufen treffe ich im Geschäft auf eine gute Bekannte. Normalerweise begrüßen wir uns mit einer Umarmung. Dieses Mal winken wir uns aus fünf Metern Entfernung zu, lächeln verlegen. Die Unsicherheit wird wohl unser täglicher Begleiter in diesen Tagen sein. An der Kasse stehen die Menschen gesittet in großen Abständen hintereinander. Keiner drängt mit seinem Einkaufswagen in die Lücken. Die Kassiererin trägt Gummihandschuhe. Ich habe fast alles bekommen. Selbst Mehl, Klopapier und Nudeln sind wieder zu finden. Nur Kaffeefilter muss ich noch woanders besorgen. Diese Stelle im Regal ist geplündert.

13.05 Uhr: Die Kleingartenanlage Hesewinkel in Pungelscheid liegt wie ausgestorben da. Trotz hellblauen Himmels wirft hier niemand den Grill an. Keiner mäht den Rasen. Keine Blumen werden eingepflanzt. Nichts wird gegossen.

Kein einziger Kleingärtner ließ sich in der Pungelscheider Anlage Hesewinkel blicken.

13.15 Uhr: Der Goethespielplatz ist menschenleer. Fünf Minuten später im Westpark dasselbe Bild. Es ist unglaublich: Die Werdohler bleiben wirklich zuhause.

13.30 Uhr: Auf dem Brüninghaus-Platz steht ein Rentner-Paar mit Fahrrädern. Es macht eine Pause von seienm Ausflug. Jeder isst eine Banane. Außer uns dreien ist keine Menschenseele zu sehen. Abstecher ins WK: Dort gibt es noch Kaffeefilter. Geschäftsführer Peter Ebener erzählt im Vorbeigehen, dass morgens einmal für eine Stunde lang etwas los gewesen sei im Lebensmittelmarkt in der ersten Etage. „Danach war’s wie abgeschnitten, plötzlich war es leer hier“, schildert er seinen Eindruck.

14.40 Uhr: Nun fahre ich nach Neuenrade. Mal schauen, ob ich dort mehr Menschen begegne. In der Kleingartenanlage Berentrop treffe ich auf einen Mann. „Zuhause bleiben?“ Er lacht laut auf. „Das interessiert mich nicht“, unterstreicht er, was jetzt sowieso schon klar war. „Ich bin in meiner Parzelle, da habe ich noch genug zu tun“, zeigt er sich tatendurstig und sorglos zugleich. „Da bin ich sowieso alleine“, behauptet er, nur um gleich auf drei weitere Gärten zu zeigen. „Die sind auch alle da. Die haben sich jetzt bloß in ihren Häusern versteckt“, erklärt er.

14.55 Uhr: Eine Frau sitzt auf der Bank vor dem Hallenbad, blickt auf den Schulhof. Für gewöhnlich wimmele es an der Niederheide in den Nachmittagsstunden von Jugendlichen. Sie sei beinahe täglich dort, um Luft zu schnappen, sagt die 77-Jährige. Die heutige Sonne tut ihr sichtlich gut. „Gut, wenn die Ausgangssperre kommt, kann ich mich noch auf meine Veranda setzen“, überlegt sie laut. Dann verzieht sie die Miene: „Doch ich muss auch mal raus...“

15.20 Uhr: Der Stadtgarten zwischen Villa am Wall und Kaisergarten präsentiert eine gähnende Leere. Auch auf der Rathaustreppe, wo sich sonst immer Heranwachsende treffen, ist unbelebt. Einzig unter dem Vordach der Grundschule stehen drei Halbwüchsige beieinander und tuscheln.

Menschenleer war auch der Neuenrader Stadtgarten am Wochenende sowie auf dem angrenzenden Spielplatz.

15.42 Uhr: Im Eiscafé in der Neuenrader Altstadt ist es dunkel. Ein Aushang verweist darauf, dass Eis nur noch ausgeliefert wird – täglich zwischen 12 und 15 Uhr. Bestellungen werden nur telefonisch angenommen.

15.45 Uhr: Ein Auto fährt vorbei. Die Insassen tragen allesamt Mundschutz aus Hartplastik. Der Anblick wirkt wie eine Mischung aus Michael Jackson und Science Fiction.

15.52 Uhr: Zurück in Werdohl, fahre ich durch Ütterlingsen: Bolzplatz, Hallen- und Freibad und ein paar Meter weiter der Parkplatz vor dem Büro der Quartiersmanagerin liegen sämtlichst verlassen da. Keine Gruppen treffen sich – weder verabredet, noch zufällig.

15.56 Uhr: Zwei junge Männer spazieren die Dammstraße entlang. Den Westpark lassen aber auch sie sprichwörtlich links liegen.

16.07 Uhr: Vor einem Haus an der Dammstraße sitzt eine Familie mit zwei Kindern und einem Nachbarn in der Sonne auf Klappstühlen. Die Mutter spielt mit dem Nachwuchs Karten. Der Vater plaudert mit dem Nachbarn. Letzter sagt: „Noch haben wir keine Ausgangssperre. Und wir halten ja Abstand.“ Die Stühle stehen einen halben Meter auseinander. Sie prosten sich mit Schnaps und Bier zu. Der Vater der Kinder schildert: „Heute ist der Westpark wirklich leer. Mitte der Woche haben sie da noch Shishas geraucht.“ Er schaut zu seiner Familie und erläutert: „Die Kinder drehen ja durch, wenn wir den ganzen Tag nur auf der Bude hocken. Die müssen doch mal raus.“ Sollte es zu einer Ausgangssperre kommen, würden sie sich jedoch sofort daran halten, versichert er.

16.41 Uhr: Der Brüninghaus-Platz ist nach wie vor beinahe leer. Drei Männer sind die einzigen weit und breit. Sie diskutieren in der Sonne miteinander.

17.27 Uhr: Halb rund ums Gebäude des Burger-Bräters am Kettling stehen Autos Schlange. Die Fahrer und ihre Beifahrer warten darauf, dass sie ihren Appetit auf Fast Food stillen können. Nur noch am Drive-In-Schalter bedient das Unternehmen mit dem goldenen M als Erkennungszeichen seine Kunden – und davon gibt es offenbar auch in diesen Zeiten reichlich.

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