Rotkäppchen, der Wolf und der Zalando-Bote

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Mit langem Applaus verabschiedete das Publikum die beiden Künstler.

Werdohl -  Große Freude herrschte am Freitag bei den Mitarbeiterinnen der Stadtbücherei. Denn das intensive „Trommeln“ für die Märchenlesung mit Michael und Markus Grimm hatte sich ausgezahlt: Kein Sitzplatz blieb leer, als die neuen „Gebrüder Grimm“ in der Gestalt von Wilhelm und Jacob Kostbarkeiten aus der Sammlung ihrer fernen Vorfahren vortrugen.

Vertraut war allzeit der Beginn. „’Es war einmal’ ist klar“, stellten die beiden Erzähler fest und luden zum fröhlichen Märchenraten ein, an dem sich vor allem die anwesenden Kinder beteiligten. „Hänsel!“ rief ein Junge, dem bitteres Unrecht geschah, als er von den Grimms als „Kevin Justin Jason“ angesprochen wurde. Es dauerte eine Weile, bis die Beschwerde die beiden Herren erreichte: „Ich heiße Anders!“ – oder „anders“?

Mit Hänsel und Gretel ging es jedenfalls ganz authentisch in den Wald und zu jener dort lebenden Seniorin, die sich ihr Haus nicht aufessen lassen wollte. „Knusper, knusper Knäuschen…“ Die Grimms sind auch nicht mehr die jüngsten, und so hatten sie vergessen, welches Tier im Zentrum ihres zweiten Märchens stand. Entscheidende Hinweise brachten erneut die Kinder auf die Spur: „Es geht um ein Mädchen, das allein in den Wald geht“ – mit einer Kappe natürlich. „Rot!“ ergänzte das Publikum, und erneut wusste ein Kind: „ein Wolf!“ Und mit einem „leicht variierten“ Rotkäppchen begannen die Grimms, die wortwörtlichen Pfade ihrer Vorfahren zu verlassen und kleine, nette Scherze einzubauen. Denn bekanntlich gab es weder Zalando-Boten noch Rosamunde Pilcher in jener Zeit um 1812. Letztere Dame musste herhalten, um die äußerst glückliche Verwandlung eines Wasserpatschers an der Wand einer zunächst widerspenstigen Königstochter zu würdigen: „Kitsch“ nannten die Beiden das Happy End des Froschkönigs doch tatsächlich. Und wieder gab es etwas zu raten: eine Spindel, ein sprechendes Brot, Gold und Pech, ein sprechender Apfel, der auch Hip-Hop konnte. Jedenfalls ging es um eine Arbeitgeberin, die noch unterscheiden konnte zwischen fleißigen und faulen Mitarbeiterinnen.

Ein Abschied kam danach noch nicht in Frage: „Wir haben nur vier Geschichten gehört“, beschwerte sich ein Kind, und auch die Erwachsenen wollten eine Zugabe. Die Zahl Sieben hätte auch zu „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ gepasst, doch tatsächlich lieferten die Grimms noch die ergreifende Geschichte einer alleinerziehenden Mutter mit Großfamilie, die sieben Geißlein glücklicherweise nur vorübergehend an einen üblen Burschen namens Wolf verlor.

Markus alias Jacob wurde beim Erzählen irgendwie sauer auf Michael alias Wilhelm und drohte mit dem Schlimmsten: „Ich setz’ dich gleich in Werdohl aus!“ Doch die Beiden gaben zum Finale dann nochmal alles, verwandelten sich in Wolf und Geiß und verlangten dem Publikum alles ab: „Wo versteckten sich die sieben Geißlein?“ Die mit der Materie offenbar vertrauten Besucher gaben alles und verabschiedeten die beiden gar nicht so „grimmigen“ Spaßvögel schließlich mit langem Applaus.

Von Thomas Krumm

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