Ängste und Befürchtungen

Roma-Szene am Colsman-Platz in Werdohl unter öffentlicher Beobachtung

Der wild dreinblickende Frauenkopf namens „Efa“ symbolisiert das Projekt „Europa für Alle“, das in Werdohl gemeinsam mit dem Kreis angeboten wird. Die Mitglieder des Sozialausschusses wurden im Festsaal Riesei umfassend informiert.
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Der wild dreinblickende Frauenkopf namens „Efa“ symbolisiert das Projekt „Europa für Alle“, das in Werdohl gemeinsam mit dem Kreis angeboten wird. Die Mitglieder des Sozialausschusses wurden im Festsaal Riesei umfassend informiert.

Vor allem die bulgarischen Roma-Männer, die oft mit ganzen Familien an schönen Tagen den Colsman-Platz belagern, sorgen für Ängste und Befürchtungen bei Besucherinnen der Innenstadt.

Eine etwa 60-jährige Werdohlerin sprach dies offen an, als sie am Rande der Sitzung des Sozialausschusses im Festsaal Riesei dazu Gelegenheit hatte. Sie und auch ihr Ehemann berichteten bei der Vorstellung des Förderprojekts „Europa für Alle“ von unschönen Begegnungen. Auch Fragen von Politikern gingen in diese Richtung. Frauen werde hintergestarrt, es gebe auch unverständliche Zurufe. Manche Frauen gingen nur noch ungern über den Colsman-Platz, hieß es. Auch die am Platz ansässigen Einzelhändler hätten so ihre Befürchtungen und Beschwerden.

Silke Ewald vom kommunalen Integrationszentrum des Kreises und der städtische Integrationsbeauftragte Michael Tauscher wissen von diesen Ängsten und Erfahrungen. Schon alleine, weil Tauscher selbst seit Jahren in der Stadt Sozialarbeit macht und die Szene kennt. Diese Befürchtungen und Sorgen würden ernst genommen, versicherte Tauscher. Da sei nichts wegzudiskutieren, die Verhältnisse seien so.

Corona bremst viele geplante Maßnahmen aus

Gerade deshalb sei schließlich auch das Projekt „EfA“ ins Leben gerufen worden. An der Verbesserung der Lebensumstände der Roma aus Bulgarien und Rumänien arbeite man – es gebe gewiss Erfolge, wenn Corona bislang nicht viele geplante Maßnahmen ausgebremst hätte. Das voll ausgerüstete Fitnessstudio an der Neustadtstraße sei so ein Vehikel, dass später einmal dazu beitragen soll, die jungen Männer von der Straße weg zu bekommen.

Bürgermeister Andreas Späinghaus (SPD) machte deutlich, dass es für die Roma auf dem Colsman-Platz keinerlei Sonderbehandlung durch das Ordnungsamt gebe. Die Personen würden genau wie alle anderen auch überwacht, was die Coronaschutzverordnung angehe. „Selbstverständlich“ würden auch Bußgelder auferlegt, unabhängig davon, ob sie auch bezahlt werden würden. Allerdings sei – wie bei allen Bevölkerungsgruppen auch – zu beobachten, dass es kaum Fehlverhalten gebe, sobald die Uniform des Ordnungsamtes in Sichtweite gerate.

Kulturmittlerin ein „absoluter Glücksgriff“

Margarita Enchewa ist seit ein paar Monaten als bulgarische Kulturmittlerin beim Projekt „EfA“ in Vollzeit angestellt. Die gebürtige Bulgarin lebt in Balve und hat schon für den Kreis gearbeitet. In ihrem Heimatland war sie beim dortigen Jobcenter angestellt. Neben Bulgarisch und Deutsch spricht Enchewa auch Romanes, die identitätsstiftende Sprache der Roma. Silke Ewald bezeichnet Enchewa in diesem Zusammenhang als „absoluten Glücksgriff“. Enchewa sei eine Türöffnerin in die kulturell abgegrenzte Lebensweise der Roma. Allein durch ihre Arbeit sei es gelungen, das Vertrauen von etwa 40 Roma-Familien zu erarbeiten. Darauf könne die noch zu leistende Förderarbeit aufbauen.

Enchewa nahm die Menschen auf dem Colsman-Platz in Schutz: „Da stehen hauptsächlich Bulgaren herum. Ich kenne sie fast alle. Die sind nicht gefährlich, die wollen nicht klauen oder so was. Die treffen sich da nur, weil es ihre Lebensart ist. Niemand braucht vor ihnen Angst zu haben.“ Dennoch gab es besorgte Nachfragen seitens der Politik, ob denn ausgerechnet eine Frau als Kontaktperson für diese männliche Zielgruppe erfolgreich arbeiten könne und akzeptiert würde.

Viele Klischees

Tauscher sprach von vielen Klischees, die er im vergangenen Jahr von Werdohlern über die Roma wahrgenommen habe. Ausschließlich Negatives habe er so über die Familien und ihre Lebensart gehört. In einem per Video eingespielten Interview mit einer jungen Bulgarin spricht diese ihrerseits von Vorurteilen: Sie würde als Zigeunerin bezeichnet, überall stoße sie auf Vorverurteilungen und Skepsis. Tauscher und Ewald berichteten, dass die in Werdohl lebenden Roma ihrerseits unter sozialer Isolation, Armut, Chancenlosigkeit und Ausgrenzung litten.

In diesem Raum beim „EfA“-Projekt an der Neustadtstraße können Gespräche mit Familien geführt werden, eine Spielecke für Kinder ist eingerichtet.

„Armutszuwanderung ist der hauptsächliche Grund für die nach Werdohl kommenden Roma“, fasste Tauscher in seinem Vortrag zusammen. Eine Familie sagte in einem weiteren Video-Einspieler, dass es sehr schwer für sie sei, Arbeit zu finden. Auf jeden Fall aber wolle man in Werdohl bleiben. Hier sei es dennoch viel besser als im Heimatland.

Unbestimmte Zahl illegaler Zuwanderer

Neben den etwa 500 gemeldeten Bulgaren und Rumänen gebe es eine unbestimmte Zahl illegaler Zuwanderer. Illegal deshalb, weil sie entweder noch nicht beim Einwohnermeldeamt registriert sind oder weil sie aufgrund ihres Aufenthaltsstatus eigentlich nicht mehr hier sein dürfen. Nur mit einer Bescheinigung einer Arbeitsaufnahme dürfen Bürgerinnen und Bürger aus EU2-Staaten befristet in Deutschland bleiben.

Zentraler Punkt des Vortrags von Ewald und Tauscher war die Art und Weise, wie das Auftreten der Roma in Werdohl wahrgenommen werde. Dieses Bild sei stark von Klischees geprägt. Tauscher: „Wir haben viele Telefonate und Mails bekommen, in denen die Leute ihren Frust abgelassen haben.“ Noch einmal: Man nehme diese Sorgen auf und die Gefühle der Werdohlerinnen und Werdohler ernst.

Ewald: „Eine Sache der Wahrnehmung“

Silke Ewald sprach für die Migranten: „Es ist eine Sache der Wahrnehmung. Die Männer nehmen sich selbst gar nicht als Bedrohung für andere wahr. Laut sprechen ist für sie ganz normal.“ Im Rahmen der Sozialarbeit von „EfA“ würden die Männer selbstverständlich darauf angesprochen, ihr Verhalten zu ändern.

Bürgermeister Späinghaus sagte, dass das freie W-Lan vor der Stadtbücherei eine Zeit lang abgeschaltet worden war. Das habe keinerlei Effekt gebracht: „Die Leute sind immer noch da, das hat mit dem freien Netz nichts zu tun.“ Er bat die Bürgerinnen und Bürger darum, noch etwas geduldig zu sein. Man müsse solange warten, bis das „EfA“-Konzept richtig funktionieren könne: „Dann können die jungen Menschen dort abgegriffen und abgeholt werden.“

Tagelöhnermarkt und Vermietungssituation

Fragen seitens der Politik, wie denn gegen den Tagelöhnermarkt und die teils menschenverachtende Vermietungssituation vorgegangen werde, konnten nicht zufriedenstellend beantwortet werden. Alle Hilfsmaßnahmen seien vorbereitet, die Angebote seien startbereit, aber Corona habe bislang eine effektive Arbeit verhindert. Nur persönliche Beratungen und Betreuungen einzelner Familien seien bislang möglich gewesen. Sämtliche Arbeit mit Gruppen konnte nicht stattfinden. Ein Action-Day und eine Integrations-Essmeile beim Stadtfest seien geplant, aber wegen der Pandemie nicht möglich. An eine Selbstorganisation der Migranten sei noch lange nicht zu denken.

Allerdings erstrecke sich der Förderzeitraum immerhin bis Ende 2022, knapp zwei Jahre Zeit für die eigentliche Arbeit blieben also noch. Ob das Projekt „EfA“ über 2022 hinaus gefördert werde, ließe sich momentan nicht sagen. Tauscher schürte allerdings Hoffnungen auf weitere Fördermöglichkeiten.

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