Roma-Förderung in Werdohl

Ungewollt und ausgegrenzt: So leben viele der 500 Roma in Werdohl

Die bulgarische Roma-Familie Lazarove lebt in Eveking: Die Frauen und Kinder sind zuhause, weil sie weder Arbeit noch Kindergartenplätze haben. Die meisten Männer sind an der Arbeit. Wie der Schwiegersohn arbeiten sie in Teilzeit, damit sie Deutschkurse belegen können. Betreuerin Margarita Encheva (links) hat das Vertrauen der Familie.
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Die bulgarische Roma-Familie Lazarove lebt in Eveking: Die Frauen und Kinder sind zuhause, weil sie weder Arbeit noch Kindergartenplätze haben. Die meisten Männer sind an der Arbeit. Wie der Schwiegersohn arbeiten sie in Teilzeit, damit sie Deutschkurse belegen können. Betreuerin Margarita Encheva (links) hat das Vertrauen der Familie.

Mit fünf Millionen Euro fördert das Land NRW die Integration von Menschen aus Bulgarien und Rumänien, davon gehen 360 000 Euro für das „Europa-für-alle“-Projekt nach Werdohl. Aus Anlass des 50. Jahrestags der ersten Internationalen Roma-Konferenz am 8. April berichten wir über das Werdohler Integrationsprojekt. Man weiß nur wenig über die Menschen, die auch wegen der Zigeuner-Vorurteile über sie zurückgezogen leben.

Werdohl - „Margi“ wird überaus herzlich begrüßt, wie eine Familienangehörige wird die 32-jährige Bulgarin Margarita Encheva angesehen. Die in einem reichlich heruntergekommenen Haus in Eveking wohnende Roma-Familie Lazarove gewährt nur wegen „Margi“ einen kleinen Einblick in ihre abgeschlossene Lebenswelt. Encheva ist selbst Migrantin mit einer erstaunlich erscheinenden Lebensgeschichte. Im Schlepptau der resoluten Kulturmittlerin, die für das Roma-Projekt „Europa für alle“ in Werdohl arbeitet, tut sich hinter den Türen erst mal eine ganz normale Familiensituation auf.

Ivanka Lazarova ist so etwas wie das Oberhaupt der Großfamilie, die an der Hauptstraße in mehreren Wohnungen im Mietshaus lebt. Für den Besuch des deutschen Reporters haben sich alle so gut es geht herausgeputzt. Die 51-jährige Mutter und Großmutter Ivanka hat sogar etwas Lippenstift aufgelegt und lässt bei jeder Gelegenheit die weißen Zähne blitzen. Auch die Tochter und die beiden Schwiegertöchter strahlen überwältigend freundlich den Besuch an. Ein wenig unwohl scheint sich nur der Schwiegersohn zu fühlen unter all den Frauen. Zwar hat auch er Arbeit wie die anderen Männer der Familie, aber im Moment hat er frei und ist zuhause. Vater Ilya und seine beiden Söhne sind an diesem Tag in ihren Minijobs und Teilzeitarbeitsstellen unterwegs. Die Männer arbeiten so wenig, weil sie sonst keine Zeit für die Deutschkurse hätten.

Denn eins ist allen klar: Ohne Deutsch kommt man in Deutschland nicht an gute Arbeit, und hierbleiben wollen sie unter allen Umständen. Zurück nach Bulgarien will niemand. Ilya und Ivanka Lazarova wollen wie alle Eltern auf der Welt nur das Beste für ihre Kinder und Enkelkinder: Ein besseres Leben.

Die Tochter von Familienoberhaupt Ivanka Lazarova macht schnell noch ein Foto von Betreuerin Margarita Encheva und den Kindern.

Die Zimmer sind spärlich möbliert, es gibt im Wohnzimmer vor allem Stühle und andere Sitzgelegenheiten. Mutter Ivanka spricht gerne für alle, aber auch die jungen Frauen haben etwas zu sagen. Die Tochter kann schon etwas Deutsch und fragt nach der Religion. Evangelische Christen seien sie alle. Katholisch? Auf keinen Fall, nein! Wegen Corona können die selbst organisierten Gottesdienste im Haus der Diakonie am Kirchenpfad nicht stattfinden. Der Glaube ist auch den jungen Leuten wichtig, sagt die Tochter. Sie will ganz genau wissen, wie in Deutschland in der Kirche gebetet wird, ob gesungen wird und ob auch die Gemeinde spricht. Ihr christlich-orthodoxer Glaube ist streng, in Deutschland lockert sich das.

Der Familienzusammenhalt ist alles in dieser Roma-Enklave. Ilya und Ivanka haben vier Söhne und eine Tochter, alle fünf sind verheiratet und haben selbst wieder Kinder. Zwei der Söhne leben nicht im Haus in Eveking, aber auch in Werdohl ganz in der Nähe.

Alle in der Familie sprechen perfektes Bulgarisch, untereinander unterhalten sie sich aber nur auf Romanes, der Sprache der Roma. In der Roma-Sprache gibt es mehrere hundert Dialekte, Margarita Encheva versteht viele davon und übersetzt.

Familie Lazarove sieht sich in einer einst stolzen Handwerkstradition. Die Familien lebten in Bulgarien von Herstellung und Verkauf von Töpfen und Pfannen. „Wir sind Kalajdzii“, lässt sich Ivanka übersetzen. Kesselflicker bedeutet das Wort auch. „In der modernen Zeit braucht keiner mehr unsere Töpfe“, meint sie. Als Roma sahen sie in Bulgarien keine Zukunft, wirtschaftlich wie sozial. Als „Kesselflicker“ werden sie diskriminiert und gelten als dreckig, diebisch und ungebildet. Fabrikarbeit gibt es in Bulgarien zumindest in den ländlichen Bereichen nicht. Sie seien zu Schwarzarbeit gezwungen worden, aber das wollten sie nicht. Mit Löhnen von umgerechnet zehn Euro am Tag könne auch in Bulgarien niemand leben. Ivanka Lazarova: „Wir lieben Bulgarien, aber das Land gibt uns gar keine Chance.“

So kamen die ersten aus der Familie 2014 nach Ulm, um in Deutschland ihr Glück zu versuchen. Ivanka arbeitete als Putzfrau an einer Schule, Ilya reinigte Züge am Bahnhof. Ein Bekannter der Familie lotste sie im Herbst 2020 nach Werdohl. Der älteste Sohn stellte bei der Werdohler Leiharbeitsfirma Kristall Personalservice Gerüste her. Vater Ilya nahm erst einen Minijob an, dann zog die ganze Familie nach Eveking. Ilya arbeitet jetzt in Teilzeit und lernt Deutsch bei der VHS.

Die Enkelkinder sind allesamt in Deutschland geboren. Die Fünfjährige ist seit einem Jahr für einen Kindergartenplatz angemeldet, sie findet aber keinen. Die Schwiegertöchter und die Tochter haben als Reinigungskräfte in Plettenberg gearbeitet, alle verloren vergangenen Herbst ihre Arbeit. Die Tage sind lang und auch langweilig für die Frauen, so ganz ohne Arbeit und nur mit den Kindern zuhause.

Ivanka Lazarova kocht eine Fleischbrühe. Mit ihrem Mann Ilya leitet sie die Großfamilie. In der Küche wurde für den Besuch des Reporters ganz besonders aufgeräumt.

Aber dennoch: Alle wollen in Werdohl bleiben, Corona werde schon vorbeigehen und dann könnten alle wieder arbeiten und Geld verdienen und Deutsch lernen und an der Zukunft ihrer Familien bauen.

Margarita Encheva ist mittendrin, abwechselnd hat sie Kinder auf dem Schoß, sie gehört so gut wie zur Familie. Encheva wurde 1988 in einem Dorf in Bulgarien geboren. Sie arbeitet schon seit 2008 in ihrem Heimatland mit Roma-Familien und weiß viel: Aufgrund von jahrzehntelanger Ausgrenzung und Diskriminierung lebten die Roma dort vollkommen abgeschlossen und für sich. Niemand wolle dort etwas mit ihnen zu tun haben.

Auf dem Dorf sei das noch viel schlimmer als in den Städten. Die Familien lebten dort nicht so fortschrittlich wie jetzt in Deutschland, Frauen dürfen kein Autofahren, 14-Jährige werden schwanger, Kinder werden nicht geimpft, man verheiratet sich sehr jung nur untereinander auf einem Hochzeitsmarkt. „Katastrophe! Um in solche Gruppen hineinzukommen, brauchte ich früher Jahre“, erzählt Encheva, die beim bulgarischen Arbeitsamt als Vermittlerin gearbeitet hatte.

In der Stadt mit etwa 40 000 Einwohnern wurde im Rathaus eine „Gesundheitsmediatorin“ für die etwa 5000 dort lebenden Roma gesucht. Encheva lernte Romanes zu sprechen und zu verstehen und nahm die Stelle an. Sie lernte im Austausch mit anderen Kommunen, begab sich tief in die Roma-Kultur, nahm an Hochzeiten und Geburtstagsfesten teil und erarbeitete sich das Vertrauen der Menschen.

„Es ist genau wie hier in Deutschland: Die Roma haben erst mal keinen Zugang zu den Behörden“, sagt sie. Der Vater ihres Ehemanns gehört zu einer Roma-Gruppe und half bei der Kontaktierung. Den Rest erledigte „Margi“ mit ihrer freundlichen, aber auch sehr bestimmten Art, auf Menschen zuzugehen. „Eine sehr persönliche Motivation“ habe sie in diese Art der Sozialarbeit geführt. Margarita Encheva hat das Gymnasium besucht und in Sofia Business Administration studiert.

Dass ihr Heimatland ihr als Frau nicht die besten Chancen bot, störte sie. „Die haben mich und unser Kind diskriminiert, die wollten ihn nicht in die Schule aufnehmen.“ Als ihr Mann in Bulgarien die Arbeit verlor und die mittlerweile vierköpfige Familie nicht allein von den Einkünften aus Enchevas Arbeit leben konnte, zog das Ehepaar 2015 nach Balve. Ein Verwandter hatte in Neuenrade Arbeit gefunden, Enchevas Ehemann konnte als Schweißer in Garbeck anfangen. Die beiden Jungs blieben zunächst bei der Oma in Bulgarien.

Enchevas konnten kein Wort Deutsch und mussten sich durchschlagen. In Menden arbeitete Margarita in einem griechischen Restaurant. Griechisch konnte sie übrigens, Englisch natürlich auch. Studium, Berufsausbildung und Viersprachigkeit reichten aber dennoch nur für einen Aushilfsjob. Encheva lernte Deutsch bei einem Integrationskurs in Menden und holte die Kinder nach.

Auf ihre Ausnahme-Fähigkeiten wurde der Märkische Kreis für ein Integrationsprojekt aufmerksam – allerdings ehrenamtlich. Ihr Geld verdiente sie da noch als Produktionshelferin bei Muschert & Gierse in Neuenrade.

So kam Ende 2020 die Vollzeit-Anstellung beim „Europa für alle“-Projekt wie ein Geschenk des Himmels. „Efa ist ein Traum für mich“, sagt sie heute voller Überzeugung. Auch Schicksalsschläge wie der Hirntumor ihres Mannes und ihre eigenen Knochenmark-OPs 2019 steckte sie weg: „Jetzt ist alles gut.“

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