Tritt für die SPD an

„Rodtskind“ und überzeugter Versetaler: Porträt des Bürgermeister-Kandidaten Andreas Späinghaus (SPD)

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Andreas Späinghaus hat eine Menge erlebt und viel zu erzählen: von beruflichen Höhen und Tiefen, von gesundheitlichen Rückschlägen und einigem mehr. Jetzt fühlt er sich bereit für das Amt des Bürgermeisters.

Werdohl - Man kennt ihn als Kommunalpolitiker und „Geschichtsbummler“, als Wahlkreismitarbeiter der Bundestagsabgeordneten Dagmar Freitag und vielleicht auch als Sammler von allerlei seltenen und weniger seltenen Dingen. Seine Freunde wissen von seinem Faible für den Motorsport und kennen natürlich seine Carrera-Bahn. Seine Schallplattensammlung füllt eine ganze Regalwand. In seinem bisher 61-jährigen Leben hat er schon so einiges erlebt – beruflich wie privat. Jetzt möchte er Werdohler Bürgermeister werden. Wer ist der Mann, der Amtsinhaberin Silvia Voßloh herausfordert? Ein Besuch bei Andreas Späinghaus.

An der Haustür des Einfamilienhauses in Kleinhammer warnt ein Schild: „Vorsicht! Beherzte Katze“ – „Wir sind Katzen-Menschen“, erklärt Andreas Späinghaus und spricht damit für sich und seine Ehefrau Susanne, eine Krankenschwester, mit der er „seit vielen Jahren ausgesprochen glücklich verheiratet“ ist.

Für das Gespräch auf der Terrasse serviert Andreas Späinghaus den Kaffee, seine Frau stellt Plätzchen dazu. Die Hauskatzen Herr Elmo und Lisbeth streichen herum. Späinghaus sagt von sich selbst, er sei „ein überzeugter Versetaler“.

Das kann man auf zwei Weisen interpretieren. Entweder ist er überzeugt davon, dass man sich im Versetal wohlfühlen kann, oder man hat ihn erst davon überzeugen müssen. Wahrscheinlich stimmt beides, denn aufgewachsen ist er in einem anderen Teil seiner Heimatstadt Werdohl.

„Ich bin ein Rodtskind“, sagt Späinghaus und hat sichtlich Spaß an diesem Wortspiel. An der Fichtenstraße im Stadtteil Rodt stand sein Elternhaus. Gegen die Kinder aus dem Versetal führten die „Rodtskinder“ in den 60er- und 70er-Jahren auch schon einmal „Krieg“. Seine erste eigene Wohnung bezog er aber als junger Mann in Kleinhammer.

„Seitdem bin ich Versetaler“, sagt er über diesen Schritt. Nach einem kurzen Intermezzo in Lüdenscheid („Da habe ich mich nie wohlgefühlt.“) kehrte er 1988 nach Kleinhammer zurück. Immerhin hatte er in der Kreisstadt seine spätere Ehefrau kennengelernt. An der Hammerstraße baute Andreas Späinghaus ein Eigenheim für die später durch die Söhne Jonas und Niklas komplettierte Familie.

Nach dem damals populären Modell „Bauen ohne Eigenkapital“ habe er das Haus ohne große finanzielle Rücklagen, aber mit „Muskelhypothek“ errichtet, erzählt er. „Ich bin ja kein Maurer, aber mit Gasbetonsteinen habe ich das irgendwie hingekriegt.“ Die Folgen begegnen ihm manchmal noch heute: Nicht jede Ecke ist rechtwinklig, Fugen laufen nicht immer parallel zur Wand.

Auf anderen Gebieten sollte Andreas Späinghaus erfolgreicher und geschickter sein. Nach dem Besuch der Evangelischen Grundschule an der Schulstraße ging es auf die Hauptschule in Ütterlingsen, dann auf die Handelsschule in Altena. Dort sollte sich rächen, dass der Linkshänder Andreas Späinghaus auf der Grundschule zum Schreiben mit der rechten Hand „umerzogen“ worden war. Mit Stenografie kam er überhaupt nicht zurecht.

Er habe sich da durchmogeln müssen, erinnert er sich. Auf der Handelsschule hatte er Unterricht bei einem gewissen August Solmecke. Der war Sozialdemokrat und damals ehrenamtlicher Bürgermeister von Werdohl. Seine Schüler klärte er über die NS-Zeit und die Ursachen des Zweiten Weltkriegs auf. „Seitdem denke ich politisch“, erinnert sich Späinghaus an diese prägende Zeit.

Über seine Schulzeit sagt er: „Ich war immer auch aufmüpfig. Wenn jemand ungerecht behandelt wurde, habe ich mich dagegen aufgelehnt. Das habe ich wohl von meinem Vater mitbekommen.“ Wie wohl auch andere Grundtugenden wie zum Beispiel Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Ehrlichkeit. Die seien ihm wichtig, betonte Späinghaus.

„Gerade bei Unpünktlichkeit bin ich intolerant. Das hat nämlich auch etwas mit Achtung vor dem Gegenüber zu tun“, hat er in dieser Beziehung eine feste Meinung. Nach der Handelsschule begann für Andreas Späinghaus Ende der 1970er-Jahre das Berufsleben mit einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann bei einem damals in Altena ansässigen Unternehmen.

„Das Beste, was mir passieren konnte“, sagt Späinghaus heute über diese Zeit in dem kleinen Unternehmen, das Maschinen für das Entgraten von Werkstücken herstellte. Er lernte, was man über Wareneinkauf, die Überwachung von Lieferterminen und Lagerverwaltung wissen muss. Trotzdem sei er damals unzufrieden mit seiner Arbeit gewesen. Sein Chef habe ihn dann auf eigenen Wunsch im Verkauf eingesetzt – mit großem Erfolg.

„Ich habe damals praktisch ein Konzept für den Telefonverkauf entwickelt“, sagt Späinghaus. Die Bundeswehrzeit bremste die Karriere des aufstrebenden jungen Mannes. Als er nach 15 Monaten in das Unternehmen zurückkehrte, hatte sich dort vieles gewandelt, Späinghaus brach auf zu neuen Ufern. Für ein Schweizer Unternehmen verkaufte er fortan Bürostühle und Designermöbel.

„Seitdem bin ich ein absoluter Designfreak“, sagt Späinghaus über diese Zeit. Nach anderthalb Jahren zog er dennoch weiter, brachte nun Papier und Druckzubehör an den Mann. In dieser Zeit hatte er viel mit Hausdruckereien bei Stadt- und Kreisverwaltungen zu tun.

Die Geschäfte seien gut gelaufen, nur seine Provision sei immer kleiner geworden, erinnert sich Späinghaus, warum er letztlich ein weiteres Mal den Arbeitgeber wechselte. Elf Jahre war er anschließend beim Wuppertaler Büromaterialhersteller Elba angestellt, verkaufte in dieser Zeit vor allem werblich gestaltete, also individuell bedruckte Ordner. In dieser Sparte machte sich Andreas Späinghaus schließlich 1997 auch selbstständig.

Das ging wohl recht lange gut, bis sich 2014 herausstellte, dass Späinghaus sich auf falsche Leute verlassen hatte, wie er heute weiß. Sein Unternehmen a.s.w. Präsentation musste schließlich Insolvenz anmelden. „Das war eine Scheiß-Zeit – sehr, sehr schwierig“, denkt er daran nicht gerne zurück. In den finanziellen Turbulenzen verlor er unter anderem einen italienischen Sportwagen.

Den Alfa Romeo Spider hatte er zuvor bei einer Lotterie gewonnen. Man kann nicht immer Glück haben im Leben... Hinzu kam, dass die Werdohler Bürgermeisterin Silvia Voßloh damals – zu einem Zeitpunkt, als das Insolvenzverfahren noch gar nicht eröffnet war – die Fraktionsspitzen über die Schwierigkeiten im Unternehmen ihres ehrenamtlichen Stellvertreters Andreas Späinghaus informierte.

Späinghaus war verärgert, erzürnt, sprach von „Rufmord“. Ob er Voßloh das inzwischen verziehen hat? „Ich bin nicht nachtragend, vergesse aber auch nicht“, versucht er eine diplomatische Antwort. Mittlerweile ist die Insolvenz so gut wie überwunden. Noch bis Oktober läuft die Frist für die Restschuldbefreiung. Das Unternehmen gibt es immer noch, nur in einer anderen Rechtsform. Späinghaus ging und geht offen mit diesen Geschehnissen um.

„Das ist Bestandteil meines Lebens“, weiß der selbstständige Kaufmann. Immerhin könne er sagen, dass niemand seinen Arbeitsplatz verloren habe. Späinghaus war und ist mit der Firma a.s.w. Einzelkämpfer. Wie lange das noch so weitergehen kann, ist offen.

„Ich gebe diesem Markt noch fünf Jahre“, macht sich Späinghaus keine Illusionen, dass Produkte wie bedruckte Aktenordner, in denen zum Beispiel Bedienungsanleitungen für Maschinen abgeheftet werden können, noch lange nachgefragt werden. So etwas wird heute digital abgespeichert. Dafür braucht man kein Papier und keine bunten Ordner mehr.

Nicht nur geschäftlich, auch gesundheitlich hat Andreas Späinghaus schwere Zeiten hinter sich. Dabei könnte man meinen, dass jemand, der sich seit 1992 vegetarisch ernährt – Auslöser war damals eine Fernsehsendung über katastrophale Tiertransporte –, eigentlich kaum gesundheitliche Probleme haben dürfte. „Es gibt auch andere Sachen, die fett machen. Sahnesoßen zum Beispiel“, korrigiert Andreas Späinghaus, der weiß, wovon er spricht.

Fast 120 Kilogramm habe er gewogen, als er Anfang 2016 seinen Lebensstil radikal geändert habe, erzählt er. Die Ernährung habe er umgestellt und zum ersten Mal seit seiner Jugendzeit wieder Sport gemacht. Späinghaus entdeckte das Walken für sich: „Am Anfang habe ich nur einen Kilometer geschafft, bis ich total platt war.“ Mit jedem verlorenen Pfund nahm die Kondition zu, wuchs die Motivation.

„Durch das Walken habe ich in sieben Monaten 35 Kilo abgenommen“, sagt Späinghaus mit durchaus stolzem Unterton in der Stimme. Und er ist fest entschlossen, das Gewicht zu halten. Dafür trainiert er regelmäßig auf dem Ergometer, im Durchschnitt strampelt er 30 Kilometer täglich ab. Dennoch gab es einen gesundheitlichen Rückschlag.

2017 erlitt Andreas Späinghaus eine akute Lungenembolie, als er allein zuhause war. Sein Freund Udo Böhme habe ihn damals ins Werdohler Krankenhaus gebracht, erzählt Späinghaus. Es war wohl höchste Zeit, sein Leben hing offenbar am seidenen Faden. Aber es ging noch einmal gut, weil das medizinische Personal die Situation richtig eingeschätzt und die richtigen Entscheidungen getroffen hatte, wie er glaubt.

„Seitdem lasse ich auf das Werdohler Krankenhaus nichts kommen“, steht für Späinghaus fest. Mittlerweile ist Andreas Späinghaus wieder vollständig genesen und fühlt sich fit. Fit genug, um Bürgermeister zu werden, trotz seiner dann fast 62 Jahre. An die Rente verschwende er keinen Gedanken, versichert er. „Ich fühle mich noch nicht reif dafür. Und ich finde es auch nicht erstrebenswert, irgendwann nicht mehr zu arbeiten.“

Nebenberuflich arbeitet Späinghaus schon seit 2013 als Wahlkreismitarbeiter der SPD-Bundestagsabgeordneten Dagmar Freitag. Dass die Politikerin derselben Partei angehört wie er, macht den Job sicherlich für beide Seiten angenehmer. „Meine eigene politische Tätigkeit hat damit aber nichts zu tun“, betont Späinghaus.

Bezahlt werde er dafür auch nicht von Dagmar Freitag, sondern vom Bundestag, genauer: von der Bundestagsverwaltung. Für die Organisation von Berlin-Fahrten des Bundespresseamtes, für die Beantwortung von Bürgeranfragen und andere Unterstützung der parlamentarischen Arbeit erhält er nach eigenen Angaben monatlich einen mittleren dreistelligen Betrag.

Wenn er im Bundestagswahlkampf für Dagmar Freitag um Wählerstimmen wirbt, habe das mit seinem Nebenjob nichts zu tun, betont er. Dann sei er als SPD-Mitglied unterwegs. „Man kann das trennen – und das muss man auch“, versichert Späinghaus, der nicht nur für die SPD im Rat sitzt, sondern auch schon fast zehn Jahre SPD-Ortsvereinsvorsitzender war.

Warum er sich eigentlich nie um den Fraktionsvorsitz bemüht hat? „Darauf habe ich nie Ambitionen gehabt“, winkt er ab. Dann schon lieber Bürgermeister. Überhaupt nichts mit Politik hat eine andere Beschäftigung zu tun, obwohl sie Andreas Späinghaus mit seinem Parteifreund Udo Böhme ausübt.

Seit Juni 2015 sind die beiden regelmäßig in der Verkleidung von Landsknechten unterwegs, um Einheimische und Besucher unterhaltsam in die Werdohler Stadtgeschichte einzuführen. „Das war eine richtige Schnapsidee“, sagt Späinghaus über den Moment, als er mit Böhme „beim Grappa“ darüber nachgedacht habe, eine in Berlin aufgegriffene Aktion auf Werdohl zu übertragen.

Die beiden trugen ihren Vorschlag von einem Werdohler Geschichtsbummel dem Vorstand des Heimat- und Geschichtsvereins vor, der davon spätestens nach einem „Probe-Bummel“ recht angetan war. Späinghaus’ Ehefrau Susanne, die eine Änderungsschneiderei betreibt, nähte die Kostüme, im Juni 2015 fand der erste offizielle Geschichtsbummel statt.

„Wir erzählen Geschichte anhand von Geschichten“, skizziert Späinghaus das Konzept in kurzen Worten. Nach knapp zwei Jahren hatte er mit Böhme bereits 25 Gruppen unterschiedlicher Größe durch die Stadt und ihre Geschichte geführt. In diesem Jahr hätten sie gerne den 1000. Teilnehmer begrüßt. „Wegen der Corona-Pandemie ist das leider nicht möglich“, bedauert Späinghaus.

Manche Begebenheiten sind im Gedächtnis haften geblieben, wie die eines jungen Paares, das den Geschichtsbummel für sich allein gebucht hat. Späinghaus: „Er kam aus Werdohl, sie wollte nicht nach Werdohl. Dann sind wir mit den beiden zum Geschichtsbummel aufgebrochen. Heute sind die beiden miteinander verheiratet – und wohnen in Werdohl!“ Manchmal kann alles auch ganz einfach sein.

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