Der Umgang mit Pferden stimuliert die Sinne

+
So viele Streicheleinheiten genießt auch Dodo – sein kleiner Reiter ist begeistert. Reittherapeutin Antje Roth, die den Hof Hölzerne Klinke betreibt, betont wie wichtig der Kontakt zwischen Mensch und Tier ist. ▪

WERDOHL ▪ Kaum sind die Kinder aus dem kleinen Schulbulli ausgestiegen, stürmen sie erst zu Antje Roth und dann in den Stall. Sofort entdecken sie die grüne Rosette, die an der Boxentür hängt: „Dodo hat einen Preis gewonnen“, jubeln sie und loben: „Das hast du toll gemacht!“

Der dunkelbraune Warmblüter, dem hier die übermütige Begrüßung gilt, nimmt den Trubel gelassen. Die Ruhe, die das 19 Jahre alte Voltigierpferd des Reit- und Therapiehofs Hölzerne Klinke ausstrahlt, scheint sich in der nächsten Stunde auch auf seine kleinen Reiter zu übertragen. Damit übernimmt auch Dodo die Aufgabe des Therapeuten und unterstützt seine Besitzerin Antje Roth.

Erst seit Kurzem hat die 28-Jährige den Reiterhof in der Senke neben dem Höhenweg übernommen, neben dem Reitunterricht, den sie hier erteilt, verbindet Antje Roth vor allem mit dem Therapeutischen Reiten Hobby und Beruf. In Dortmund studierte sie Sonderpädagogik, zeitgleich erwarb sie die Trainer C-Lizenz der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. Vom Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten ließ sich die Altenaerin außerdem zur Fachkraft für Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd ausbilden. Eine pädagogische Erstausbildung war hier die Voraussetzung.

Reittherapien können zur Frühförderung von Kleinkindern ebenso eingesetzt werden wie zur Förderung von Schulkindern und Erwachsenen, die beispielsweise eine Entwicklungsverzögerung, eine geistige Beeinträchtigung oder aber eine Behinderung haben.

„Die Reittherapie kann dazu genutzt werden, um Spastiken zu lockern oder andere Sinne zu stimulieren“, erklärt Antje Roth. Bei der schwerstmehrfachbehinderten 16-Jährigen, die zu ihr zur Therapie kommt, ist das beispielsweise der Fall. Die Beinmuskulatur des Mädchens, das sonst im Rollstuhl sitzt, entspannt sich auf dem Pferd. „Vom Sattel aus hat sie außerdem die Möglichkeit, auf ihre Eltern hinunter zu gucken – das ist für sie eine ganz andere Perspektive“, berichtet Antje Roth, die weiß, dass der Unterricht anstrengend ist, aber auch festgestellt hat, dass die 16-Jährige danach entspannter ist. Der Umgang mit dem Pferd stimuliert die Sinne: Das Tier anfassen, seine Körperwärme spüren, „das tut auch der Seele gut“, ist die Pferdetrainerin überzeugt.

Voraussetzung für ihre Arbeit ist ein verlässlicher und gut ausgebildeter Co-Trainer. „Das Pferd wird für die Arbeit nicht einfach benutzt. Es muss bereit sein, mitzumachen und mitaufzupassen“, erklärt Antje Roth und betont, dass Pferde eine wichtige Rolle bei der Therapie übernehmen.

Bei den Schulgruppen, die zu ihr auf den Hof kommen, liegt der Förderschwerpunkt im sozial-emotionalen Bereich. Der Umgang mit den Pferden soll das Selbstbewusstsein stärken, die Kinder spüren außerdem schnell: „Das Pferd ist da, egal, ob jemand gut oder schlecht gelaunt ist. Es reagiert zwar auf Verhalten, steht grundsätzlich allen aber neutral gegenüber. Ein Pferd ist außerdem deutlich geduldiger“, beschreibt Antje Roth die positiven Eigenschaften.

Der 19-jährige Dodo ist für die 28-Jährige, die selbst mit Pferden groß geworden ist, ein verlässlicher Partner. Als ausgebildetes Voltigierpferd ist er es gewohnt, dass von der Seite jemand aufspringt, dass Bälle, Ringe oder Reifen in seiner Nähe bewegt werden, dass er mal longiert wird, mal am langen oder auch am geteilten Zügel geführt wird. Ein ruhiger Charakter ist wichtig, weiß Antje Roth: „Zu abgestumpft sollte das Tier aber nicht sein.“

Nicht nur die Trainerin, auch die Pferde müssen beim Therapeutischen Reiten „hundertprozentig bei der Sache“ sein. So bleibt auch Dodo in der Reithalle stehen, als die Kinder, die an diesem Vormittag zu dritt auf seinem Rücken sitzen dürfen, lachen und dabei unbeabsichtigt hin und her schaukeln. „Es könnte ja auch jemand von euch herunter rutschen“, erklärt Antje Roth dem Trio, dem die Runden auf Dodos Rücken sichtlich Freude bereitet. Angst vor dem großen Pferd hat keines der Kinder, die alle die Altenaer Förderschule am Drescheider Berg besuchen. Immerhin kennen sie ihren vierbeinigen Freund schon länger, das Reitprojekt wurde bereits im vergangenen Schuljahr auf dem Hof Hölzerne Klinke durchgeführt. Der Kontakt kam zustande, als Antje Roth während des Studiums in der Schule arbeitete.

Neben dem Reiten selbst gehört auch das Striegeln von Dodo und dem kleinen Shetland-Pony Johnny zur Unterrichtsstunde. Eilig holen die Mädchen und Jungen das Putzzeug herbei, beseitigen Dreck und Staub aus dem Fell der Tiere. Die Kinder kratzen die Hufen aus, und haben vor den langen Beinen und stattlichen Hufen keinerlei Scheu. Nach vielen sanften Streicheleinheiten senkt Dodo den Kopf und es scheint, als wolle er sich bedanken – die Kinder sind entzückt. Nachdem sie festgelegt haben, wer zuerst in der Reithalle auf Dodo reiten darf und wer auf dem Pony einen kleinen Spaziergang unternimmt, sind die Kinder in ihrem Element, als sie auf dem Pferderücken Platz nehmen und reiten dürfen. Zu Dodo haben sie Vertrauen und das Pferd zeigt sich so, wie die Kinder es von ihm gewohnt sind; die Reitstunde nimmt er wie immer gelassen. Einen Ausgleich gibt es später für ihn. Denn für die Tiere, die in der Therapie arbeiten, ist die sportliche Forderung wichtig. Regelmäßig wird Dodo daher auch „Korrektur geritten“. Genauso wichtig ist der Kontakt zu seinen Artgenossen auf der Weide. „Das artgerechte Verhalten geht sonst verloren. Und gerade das ist ja wichtig für die Arbeit“, so Antje Roth.

Von Simone Benninghaus

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare