Reittherapie auf dem Hof Nölle

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Auf einem Pferderücken zu sitzen und die Bewegungen des Tieres zu spüren, weckt Lebensfreude und entspannt. Wer dabei mit der Magnet-Angel Fische fängt, tut auch noch etwas für seinen Gleichgewichtssinn.

Werdohl - Neugierig mustert Lorna Yara. Unsicher steht das kleine Mädchen in der Stallgasse und blickt in die großen dunklen Augen von Stute Lorna. Eigentlich sind die beiden bereits dicke Freundinnen. Denn einmal in der Woche hilft die Stute der Vierjährigen dabei, ihre Sprache, Koordination, Wahrnehmung und Konzentrationsfähigkeit zu verbessern.

Das große braune Tier ist ein echtes Therapiepferd. Es gehört Reittherapeutin Julia Walter aus Altena. Auf dem Hof Nölle bietet sie seit zwei Monaten Therapiestunden für Kinder an. „Reittherapie ist einfach eine ganz besondere Möglichkeit, Körper, Seele und Geist zu fördern. Eine therapeutische Maßnahme, mit einem Tier als Medium“, erklärt Walter.

Die 29-Jährige Diplom-Heilerziehungspflegerin und Reittherapeutin schätzt an dieser Art der Behandlung vor allem, dass sie keinen typischen Therapiecharakter hat. „Viele Kinder sind genervt, weil sie beispielsweise in ihrer Sprache ständig korrigiert werden. Dadurch werden immer weiter Sprachbarrieren aufgebaut“, erklärt die Therapeutin. Beim Pferd sei das anders, denn mit ihm funktioniere auch nonverbale Kommunikation. Dadurch bekommen die Kinder Selbstvertrauen. „Meist sind sie so begeistert, dass sie einfach drauflos plappern. Und auch die Eltern berichten, dass die Kinder nach dem Reiten zu Hause viel mehr sprechen“, sagt Walter.

Während sie erklärt, putzen Yara und ihr Bruder Luke das Pferd. Die Schüchternheit ist längst vergessen. Der Körperkontakt und die Ruhe, die die Stute ausstrahlt, wirken sich unmittelbar auf die Kinder aus. „Die Scheu weicht schnell dem Verlangen, das weiche Fell der Tiere zu berühren“, berichtet die Expertin. Aber im Umgang mit dem Tier ist auch immer Konzentration gefragt. Denn auch die brave Lorna kann sich mal erschrecken und einen schnellen Schritt zur Seite machen. Die Kinder müssen genau auf das Tier achten. Das fördert die Konzentration auf eine Sache – und genau das fällt einigen Kindern oft sehr schwer.

Walter achtet auch darauf, dass den Kindern bewusst ist, dass sie sich um ein Lebewesen mit Bedürfnissen kümmern. Füttern und das Misten der Box gehören dazu. „So lernen die Kinder, Verantwortung zu übernehmen. Zudem müssen sie sich untereinander absprechen und Aufgaben verteilen. Das fördert die soziale Kompetenz.“

Lornas dunkelbraunes Fell glänzt mittlerweile im Abendlicht. Zeit, in die Halle zu gehen. Das ist der Moment, auf den sich die Kinder immer besonders freuen. Vorsichtig trottet das große Pferd hinter den Kindern her. „Die Tiere verhalten sich ganz anders mit den Kindern, als beispielsweise mit mir. Wenn ich reite, hat Lorna richtig viel Temperament. Bei den Kindern ist sie aber ganz sanft und vorsichtig.“

Der kleine Luke reicht Lorna gerade einmal bis zum Bauch. Dass er so ein großes Pferd unter Kontrolle hat, macht ihn sichtlich stolz. Das können seine Kumpel aus dem Kindergarten garantiert nicht. „Gerade eher zurückhaltende Kinder tauen hier auf, trauen sich mehr. Durch ihre Defizite bekommen sie unweigerlich im Alltag immer wieder ihre Grenzen aufgezeigt. Beim Reiten sammeln sie Erfolgserlebnisse und neue Kraft.“

Luke ist heute etwas mutiger als Yara. Er will sofort auf’s Pferd. Er strahlt, die Hände fest an den Griffen des Gurts. Einen Sattel gibt es nicht. Die Kinder sollen die Bewegung des Pferdes spüren. „Kinder, Jugendliche und Erwachsene erleben das Reiten als etwas Besonderes. Das Gefühl auf einem Pferderücken zu sitzen, getragen zu werden, den Bewegungsrhythmus des Pferdes zu spüren, weckt Lebensfreude, gibt Kraft und führt zur geistigen und körperlichen Entspannung“, erklärt die Therapeutin. Luke wird derweil immer mutiger. Mittlerweile traut er sich bereits, eine Hand loszulassen. Spielerisch wird nun sein Gleichgewichtssinn gefördert. Mit einer Angel soll er mittels Magnet kleine Fische aus einem Becken fangen. Gar nicht so leicht von einem Pferderücken aus.

Yara schaut sich aus sicherer Entfernung alles ganz genau an. Zu ihr hat sich eine weitere tierische Therapeutin gesellt. Die Retriever-Hündin Luna hat sich neben das Mädchen gesetzt und fordert ihre Streicheleinheiten. Das Eis ist schnell gebrochen, die Angst vergessen. Und dann will Yara doch auf’s Pferd. „Manchmal kann ein Tier einfach mehr als ein Mensch“, schmunzelt Walter. Die Entwicklungsschritte erfolgen zwanglos und ohne Leistungsdruck, dass ist es wohl, was die tiergestützte Therapie auszeichnet. - Von Lydia Machelett

Mehr über die tierische Therapie gibt es unter www.reittherapie-charakterstark.de.

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