Geschichte sichten, enteisen und archivieren

Reinhild Wüllner-Leisen liebt ihre Arbeit im Archiv. Das A-Archiv hat sie bereits fertig. Nun widmet sie sich den Akten unter dem Buchstaben B. - Foto: Witt

Werdohl - Die Vorstellung, die Hälfte der Arbeitszeit mit dem Durchstöbern alter Akten zu verbringen, würde sicher nicht jedem behagen. Reinhild Wüllner-Leisen dagegen strahlt, wenn sie an die kommenden Berufsjahre denkt. Sie steht lächelnd vor einem stattlichen Stapel blauer Pappkartons und erklärt: „All diese Bauakten muss ich noch sichten.“

Wüllner-Leisen wird künftig das Werdohler Archiv betreuen, das seinen Platz im Keller des Bahnhofsgebäudes gefunden hat. „Ich war schon in der Familie immer dafür zuständig, alte Fotos zu verwahren“, gesteht sie schmunzelnd. Die Werdohlerin hat Kunstgeschichte und in den Nebenfächern klassische Archäologie und Städtebau studiert. „Geschichte ist einfach spannend“, stellt sie fest.

Inzwischen ist der weitaus größte Teil des Werdohler Archivgutes, das bisher im Altenaer Kreisarchiv aufbewahrt wurde, im Bahnhof eingetroffen. „Lediglich einige Reste fehlen noch, die im Rahmen der Ausstellung zum Ersten Weltkrieg präsentiert werden“, berichtet die Rathausmitarbeiterin.

120 laufende Meter Kartons, gefüllt mit Akten, hat sie in Empfang genommen. Und das gesamte A-Archiv – Unterlagen, die in jedem Fall archivwürdig sind – hat Wüllner-Leisen bereits verstaut: in säurefreien Kartons, die sie in die so genannte Kompaktusanlage eingeräumt hat.

Das besondere an diesem Rollregal: Die einzelnen Regale befinden sich auf fahrbaren Unterbauten und können verschoben werden, sodass sich die entsprechende Regalreihe öffnet, die nächste gleichzeitig aber wieder schließt – das spart enorm viel Platz.

Um das Archivgut fachgerecht lagern zu können, mussten im Bahnhofskeller aber noch weitere Vorkehrungen getroffen werden: Eine Klimaanlage sorgt für eine möglichst konstante Luftfeuchtigkeit und gleichbleibende Temperatur. „Eine Luftfeuchtigkeit zwischen 50 und 55 Prozent ist ideal, die Temperatur liegt bei 17 Grad“, beschreibt Wüllner-Leisen, wie die Schriftstücke vor Schimmel geschützt werden.

Viel mehr Arbeit als mit dem A-Archiv hat die Werdohlerin mit dem B-Archiv. „Ich muss alle Akten anschauen, um festzustellen, ob sie archiviert werden müssen oder nicht“, erzählt sie. Das gilt natürlich auch für alle Bauakten. Fällt die Entscheidung positiv aus, muss Wüllner-Leisen das Schriftstück gegebenenfalls auch noch „enteisen“: „Alle Metallteile, wie Büro- und Heftklammern oder Heftschienen müssen entfernt und gegebenenfalls durch Plastik ersetzt werden“, erklärt sie. Ansonsten könnte Rost entstehen und dem Archivgut im Laufe der Jahre zusetzen.

Schon jetzt weiß die Archivbetreuerin, dass sie mit dieser Aufgabe nie fertig werden wird: Im Zwischenarchiv des Rathauses warten noch viele weitere Akten auf fachkundige Begutachtung. „Es ist ein laufender Prozess“, sagt Regina Wildenburg, stellvertretende Fachbereichsleiterin für Kultur, Schule und Sport.

Sie ist froh darüber, dass die Akten gerade jetzt nach Werdohl zurückgekommen sind: „Es war ein idealer Zeitpunkt. So konnten wir den Keller unter dem Bahnhofsgebäude ideal nutzen. Es ist noch ein Stück Kultur mehr in den Kulturbahnhof gezogen.“

Natürlich soll auch die interessierte Öffentlichkeit das Archiv demnächst nutzen können. Auch deshalb möchte Wüllner-Leisen, die inzwischen an Fortbildungen teilgenommen hat, das Findbuch feiner gliedern, in dem alle historischen Schriftstücke zur Stadtgeschichte thematisch aufgeführt sind: „Das erleichtert Archivnutzern die Suche.“

Zu bestimmten Sprechzeiten sollen Geschichtsinteressierte dann die Möglichkeit haben, Akten in einem eigens dafür bestimmten Raum im Bahnhofsgebäude einzusehen – unter Aufsicht der Archivbetreuerin, die darauf achtet, dass das empfindliches Archivgut nicht beschädigt wird.

Von Carla Witt

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