Forstschädling Borkenkäfer

Region verändert ihr Gesicht: Trübe Aussichten für die Waldbauern

Mit einem Seilkran werden am Rodt die vom Borkenkäfer befallenen Fichten aus den Steilhängen zum Harvester transportiert, der die Stämme dann entastet und in Abschnitte sägt. Etwa 200 Bäume können so täglich transportfertig gemacht werden.
+
Mit einem Seilkran werden am Rodt die vom Borkenkäfer befallenen Fichten aus den Steilhängen zum Harvester transportiert, der die Stämme dann entastet und in Abschnitte sägt. Etwa 200 Bäume können so täglich transportfertig gemacht werden.

Wer derzeit in den heimischen Wäldern unterwegs ist, kann die kahlen Flächen und Hänge nicht übersehen. Und an den Wegrändern stapeln sich oft große Mengen an Baumstämmen. Das sind die untrüglichen Hinweise darauf, dass sich das Aussehen der Region gerade gravierend verändert ‒ mit Folgen für die Forst- und Holzwirtschaft.

Werdohl ‒ Der Baum kommt durch die Luft herangeschwebt. In etwa 200 Metern Entfernung haben ihn Waldarbeiter mit einem Drahtseil an die Laufkatze eines Seilkrans gehängt, die ihn nun zu einem Harvester transportiert. Der befreit den Stamm von Ästen und sägt ihn anschließend in mehrere Abschnitte, die schließlich auf unterschiedlichen Stapeln landen.

Die Holzernte mit einem Seilkran ist für hiesige Gefilde eher selten. Deshalb setzen die Forstbetriebsgemeinschaft (FBG) Werdohl-Ohle und Revierförster Kevin Hauser vom Landesbetrieb Wald und Holz auf das Know-how von österreichischen Experten. Die Einsatzleiter Simon Jesenko und Stefan Hennecke sind mit einem vielköpfigen Team in dem Waldstück zwischen Rodt und Osmecke im Einsatz. Mit ihrem Seilkran ziehen sie die gefällten Fichten die steilen Hänge herauf und dann weiter zum Harvester, der sie für den späteren Abtransport aufbereitet. Etwa 200 Bäume finden so täglich ihren Weg auf Lastwagen oder zumindest schon einmal auf die mehr als mannshohen Polter am Wegesrand.

Der Seilkran-Einsatz ist für das Sauerland nicht nur eine seltene und in steilen Lagen oft die einzig mögliche, sondern auch eine relativ teure Variante des Holzeinschlags. Doch Kevin Hauser und die FBG haben keine andere Wahl. Die Bäume müssen gefällt und abtransportiert werden, denn sie sind wie viele tausend andere in der Region vom Borkenkäfer befallen.

Dass durch das daraus resultierende Überangebot an Fichtenholz und die höheren Erntekosten am Ende für die Waldbesitzer durch den Holzverkauf kaum noch Geld zu verdienen ist, ärgert vor allem Menschen wie Achim Noelle. Der Land- und Forstwirt ist Vorsitzender der FBG und selbst auch betroffen vom durch den Käfer verursachten Waldsterben und den damit verbundenen wirtschaftlichen Folgen. „Der Wald ist für uns Bauern eigentlich so etwas wie eine Sparkasse“, erklärt Noelle. Der Wald sei über Generationen so etwas wie das stille Kapital gewesen.

Situation schlimmer als nach „Kyrill“

Damit sei es nun weitgehend vorbei, befürchtet Noelle. „Kyrill“ sei schon schlimm gewesen, denkt er an den Orkan zurück, der vor 14 Jahren eine Schneise der Verwüstung durch NRW gezogen und so viele Bäume niedergemäht hat, wie die Waldbauern eigentlich in mindestens 20 Jahren einschlagen. „Jetzt ist es noch schlimmer“, glaubt Noelle und denkt dabei auch daran, dass die gezwungenermaßen gefällten Bäume auch vermarktet werden müssen. Das „Kyrill“-Holz habe noch recht gut verkauft werden können, beim Käferholz sehe es ganz schlecht aus.

Waldbesitzer verdienen kaum etwas

Kevin Hauser bestätigt diese trüben wirtschaftlichen Aussichten. Zu besten Zeiten hätten Waldbauern für Fichtenholz Preise von 90 bis 100 Euro pro Festmeter erzielen können, jetzt seien gerade einmal 25 bis 50 Euro zu bekommen, je nach Sortiment und Qualität. Und davon müssten dann natürlich die Aufarbeitungskosten bezahlt werden. Die beziffert Hauser mit 20 bis 35 Euro pro Festmeter. So kommt es dann, dass mancher Waldbesitzer an seinen vom Borkenkäfer befallenen Fichten nur noch einstellige Euro-Beträge verdient. Wenn es gut läuft.

Was wird aus ramponierten Wegen?

Denn nach der Holzernte und dem Holzverkauf ist das Geschäft noch nicht abgeschlossen. Dann gilt es, die kahlen Waldflächen wieder aufzuforsten und die durch die Holzabfuhr ramponierten Wege wieder instandzusetzen. „Die Verkaufserlöse reichen für eine Wiederherstellung der Wege nicht aus“, steht für Hauser fest. Und auch Achim Noelle schwant nichts Gutes. „Ohne Zuschüsse für die Wiederherstellung der Wege wird es für einige Waldbesitzer ganz eng.“ Derzeit werden an den in Mitleidenschaft gezogenen Wegen nur die notwendigsten Reparaturen gemacht. Denn die Arbeit in den Wäldern ist noch keineswegs erledigt.

Die Aufarbeitung des Käferholzes beobachteten Revierförster Kevin Hauser (links) und FBG-Vorsitzender Achim Noelle vor Ort.

Dreimal so viel Holz wie in normalen Jahren

Auf den Flächen der FBG, die mit 1650 Hektar etwa 75 Prozent der gesamten Waldfläche Werdohls ausmachen, sind im vergangenen Jahr etwa 25 000 Festmeter Fichtenholz eingeschlagen worden. Das ist etwa die dreifache Menge dessen, was die FBG in einem normalen Jahr über alle Baumarten hinweg einschlägt. „Der größte Teil davon, etwa 90 Prozent, ist auch schon aus den Wäldern abgefahren worden“, zieht Kevin Hauser eine Zwischenbilanz.

Einen Teil des Holzes konnten die Waldbauern an Sägewerke in der Region verkaufen, die kamen aber bald an ihre Kapazitätsgrenzen. „Ein Großteil des Holzes ist deshalb in den Export gegangen, nach Asien, Schwerpunkt China“, berichtet Hauser. An der L 655 zwischen Werdohl und Lüdenscheid kann man täglich beobachten, wie die Stämme in Container verladen werden. An einer Einbuchtung schräg gegenüber des Seniorenheims Forsthaus befindet sich eine Art Umschlagplatz.

Ruhe vor dem nächsten Ansturm

Derzeit ist der Borkenkäfer in einer Winterruhe; außerdem bekommt dem Buchdrucker und dem Kupferstecher, den beiden hauptsächlich vorkommen Borkenkäferarten, die feuchte Witterung nicht. Für Kevin Hauser ist das aber eine trügerische Ruhe. „Ich befürchte, dass es spätestens im April oder Mai wieder losgeht“, lautet seine Prognose. Denn bei warmem und trockenem Wetter schwärmen die Tierchen wieder zu Millionen aus, um über die noch verbliebenen Fichten herzufallen.

Wieviel Holz denn noch nachkommt aus den Wäldern rund um Werdohl? Kevin Hauser weiß es nicht. „Vielleicht noch 15 000 Festmeter“, lautet seine vorsichtige Schätzung. „Wir hoffen, dass die Zahl der befallenen Bäume sinkt, befürchten aber, dass sie steigen wird.“

Darum ist eine Prognose so schwierig

Hausers Revierassistent Felix Kühne versucht zu erklären, warum eine Vorhersage für die nächsten Monate so schwierig ist. „Der Baum reagiert erst im Laufe des Käferbefalls“, sagt er und meint damit, dass der Forstschädling seine zerstörerische Arbeit durchaus schon begonnen haben kann, wenn ein Baum äußerlich noch gesund aussieht. Kühn, der seit November im Revier tätig ist, muss sich deshalb fast jeden einzelnen Baum genau anschauen. Dabei sucht er nach verräterischen Spuren des Borkenkäfers, nach Bohrlöchern oder ungewöhnlich vielen Nadeln auf dem Waldboden.

Am Höhenweg zwischen Werdohl und Lüdenscheid werden die Stämme verladen.

Irgendwann werden solche Spuren seltener, spätestens, wenn Forstarbeiter auch die letzten Fichten in den Wäldern gefällt haben. Für Achim Noelle und die anderen Waldbauern wäre das natürlich das schlimmste Szenario, aber er weiß auch: Der Wald der Zukunft wird anders aussehen als der der Vergangenheit. Große Fichtenbestände, wie sie seit 200 Jahren das Bild in den heimischen Wäldern geprägt haben, wird es wohl nicht mehr geben. Die Fichtenmonokultur dürfte zumindest in Teilen abgelöst werden von Mischwäldern.

Paradigmenwechsel in der Forstwirtschaft

Der Paradigmenwechsel in der Forstwirtschaft ist dabei zum Teil gewollt, zum Teil aus der Not geboren. Auch wenn das Forstamt im Moment alle Ressourcen für den Einschlag des Käferholzes benötigt, denkt Kevin Hauser schon an die Zeit danach. „Es macht sicherlich Sinn, auf den Freiflächen viele verschiedene Baumarten zu pflanzen“, sinniert er. Auf jeden Fall ist er gegen übereilte Entscheidungen, das müsse alles in Ruhe überlegt werden. Und es werde wohl zumindest in Teilen auf Naturverjüngung gesetzt, also auf die natürliche Erneuerung des Waldes durch Samen umstehender Bäume. Deshalb, erklärt Hauser, blieben manchmal auf den ansonsten kahlgeschlagenen Flächen noch einzelne (Laub-)Bäume stehen. Die sollen nämlich das Saatgut für den Waldnachwuchs liefern.

Vor- und Nachteil der Naturverjüngung

Die Naturverjüngung bietet den Waldbauern darüber hinaus den Vorteil, dass sie weniger Jungpflanzen kaufen müssen, die nach Erwartung von Achim Noelle wegen der hohen Nachfrage ohnehin schwer erhältlich sein werden. Doch wie fast immer im Leben hat auch diese Medaille wieder eine Kehrseite: „Dafür ist dann später die Bestandspflege aufwändiger“, weiß der Forstwirt, dass in einem natürlich entstandenen Wald irgendwann die ordnende menschliche Hand eingreifen muss.

Im Waldstück auf dem Rodt hat der Mensch seine Arbeit schon bald fürs Erste getan. Noch in dieser Woche hoffen die Forstarbeiter die letzten Fichten gefällt, mit dem Seilkran aus den Hängen gezogen und mit dem Harvester bearbeitet zu haben.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare