„Ohne Kinder halte ich es nicht aus“

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Der zweijährige Rafael hat bei Regina Abebe Familienanschluss. ▪

WERDOHL ▪ „Schau mal wie groß der ist.“ Regina Abebe deutet auf eine Seite des aufgeschlagenen Bilderbuchs. Der kleine Rafael sitzt auf ihrem Schoß. Der fast Zweijährige ist in seinem Element. „Kran“, ruft er begeistert. Eine Szene, die sich so oder ähnlich in vielen Wohnzimmern zwischen Oma und Enkel abspielen könnte. Aber: Regina Abebe ist nicht die Großmutter des Jungen, sondern seine Tagesmutter. „Eine sehr erfahrene“, betonte Michaela Kusmierczyk vom Jugendamt der Stadt Werdohl.

Seit 1995 betreut die heute 56-Jährige den Nachwuchs von Müttern, die zum Beispiel wieder in den Beruf einsteigen. „Ich hatte immer Kinder um mich herum, ich kann nicht ohne“, gesteht die Werdohlerin lächelnd. Schon als Elfjährige sei sie mittags jeweils für eine Stunde als Babysitter für ein Nachbarskind eingesprungen. „Die kleine Marion war damals ungefähr ein Jahr alt“, erinnert sich Regina Abebe. Neben ihrer Leidenschaft für „Zwerge“, wie sie ihre Schützlinge liebevoll nennt, bringt die Werdohlerin noch weitere ideale Voraussetzung für die Arbeit als Tagesmutter mit: Abebe ist selbst Mutter von zwei, inzwischen erwachsenen, Kindern und ausgebildete Kinderkrankenschwester.

„Zunächst war ich auf privater Basis als Tagesmutter tätig“, erzählt sie. Viele Kinder aus der Nachbarschaft hat sie im Laufe der Zeit betreut. Als Tages-, Vollzeitpflege-, und Bereitschaftspflegemutter arbeitet sie nun seit vielen Jahren mit dem Jugendamt zusammen. Nach einer Pause folgte die Erkenntniss, dass sie es ohne Kinder tatsächlich nicht aushält. „Wir waren wirklich sehr froh, als sich Frau Abebe zurückgemeldet hat“, erinnert sich Kusmierczyk. Im vergangenen Jahr holte die Werdohlerin die offizielle Ausbildung zur Tagesmutter nach – und zog für sich trotz ihrer Erfahrungen noch Nutzen daraus: „Zum Beispiel habe ich gelernt, wie man eine Präsentationsmappe erstellt und was bezüglich der Verträge mit den Eltern besonders wichtig ist.“

Regina Abebe betreut neben dem kleinen Rafael noch zwei weitere Kinder, jeweils zu unterschiedlichen Zeiten, die an die Bedürfnisse der Eltern angepasst sind. Der Nachwuchs hat bei den Abebes Familienanschluss und wird in den Alltag eingebunden: Gemeinsames Frühstück und Mittagessen stehen ebenso auf dem Programm wie Spaziergänge bei fast jedem Wetter, eventuell Mittagsschlaf, Spielen oder Bilderbuchbetrachtungen. Der kleine Rafael macht sich sogar schon im Haushalt nützlich. „Zum Beispiel beim Blumengießen“, erzählt die Tagesmutter lächelnd.

Natürlich sind die Tageskinder nicht immer kleine Haushaltswichtel – sie können auch mächtig anstrengend sein. „Deshalb sollte eine Tagesmutter viel Geduld mitbringen“, stellt die Werdohlerin fest. Zudem müsse ausreichend Platz vorhanden sein, damit die Kleinen spielen können und ein Kinderbett für die Ruhephasen aufgestellt werden kann. „Und natürlich ist Herzblut ganz wichtig“, unterstreicht Michaela Kusmierczyk. Wer als Tagesmutter arbeiten will, müsse nicht unbedingt selbst Mutter sein. „Aber man sollte schon genau wissen, worauf man sich einlässt“, sagt Regina Abebe. Windelwechseln gehöre zum Arbeitsalltag. „Und natürlich kann es auch passieren, dass die Kinder quer über den Tisch spucken“, weiß die 56-Jährige aus Erfahrung. Nicht zuletzt sollte die Tagesmutter auch ein „Händchen“ für die echten Mütter haben. So komme es zum Beispiel oft vor, dass Kinder ihre Betreuerin nach einer gewissen Zeit ebenfalls „Mama“ nennen. „Darauf weise ich jede Frau gleich zu Beginn hin. Trotzdem haben manche Mütter damit ein Problem“, erzählt Regina Abebe. Dann sei ihr Einfühlungsvermögen gefragt. Noch schwieriger könne es werden, wenn die Tagesmutter zum Beispiel eine Entwicklungsverzögerung bei ihrem Schützling feststellt und die Mutter darauf hinweisen möchte. „Aber genau diese Beobachtungsgabe zeichnet auch eine gute Tagesmutter aus“, stellt Kusmierczyk fest.

Die Mitarbeiterin des Jugendamtes trifft übrigens eine Vorauswahl bezüglich der Tagesmutter. „Wenn ich eine Anfrage erhalte, lerne ich Mutter und Kind erst einmal kennen, damit ich einschätzen kann, welche Tagesmutter dazu passen könnte“, erzählt sie und betont: „Wichtig ist, dass die Chemie zwischen den Beteiligten stimmt.“

Michaela Kusmierczyk freut sich übrigens über jeden, der Interesse an der Tätigkeit der Tagesmutter hat. Fragen dazu beantwortet sie gerne unter Tel. 0 23 92/91 72 59. „Ein Vorteil ist, dass man seinen Arbeitsplatz quasi zu Hause hat“, sagt Regina Abebe. Allerdings: Reich könne man durch die Tätigkeit als Tagesmutter nicht werden. „Ich bekomme pro Stunde vier Euro“, berichtet die Werdohlerin. Allerdings werde dieser Betrag versteuert und zusätzlich müsse eine Tagesmutter spezielle Versicherungen abschließen. Hinzu kommt die Ausstattung: unter anderem Spielsachen, Babybett, Hochstuhl, Kinderwagen und Kindersitz. Regina Abebe: „Nach der Pause als Tagesmutter musste ich vieles wieder neu anschaffen. Für die Ausstattung musste ich quasi zwei Monate arbeiten.“ - Carla Witt

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