Publikum reagiert ergriffen und entsetzt

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Rudolf Sparing las die Briefe des Deutschen Martin. Je mehr er den Nazis verfällt, umso schroffer wird sein Ton.

WERDOHL - Stockfinster war es am Ende. Klaus Finke und Rudolf Sparing schalteten zum Schluss der Lesung wortlos die Lichter aus. Das Publikum im Kleinen Kulturforum (KKF) war in einer Mischung aus Ergriffenheit und Entsetzen mucksmäuschenstill – und das, obwohl jedem zuvor der Ausgang der Geschichte nur schon allzu bewusst gewesen war.

Heiner Burkhardt, der mit dem Heimatverein die Veranstaltung organisiert hatte, war sichtlich bewegt: „Ich habe selten 50 Menschen in einem Raum so ruhig erlebt.“ Dabei hätten es noch mehr sein können: 75 Minuten zuvor hatte Burkhardt zwar noch reichlich Stühle herbei geschafft. Und doch klingelte es zu Beginn des Abends weiter an der Tür des KKF – vergeblich, nichts ging mehr. Deshalb stellte Burkhardt auch eine Wiederholung der Veranstaltung in Aussicht.

Finke und Sparing lasen das Buch „Adressat unbekannt“ von der Autorin Kressmann Taylor. Ursprünglich war dieser fiktive Briefwechsel 1938 in einem amerikanischen Magazin erschienen. Die Autorin war damals erst 35 Jahre alt. Und der Zweite Weltkrieg hatte noch nicht begonnen.

„Wir wollen nicht nur lesen“, erklärte Sparing zu Beginn. „Wir wollen die Geschichte leben, wir spielen den Briefwechsel.“ Dieser findet von 1932 bis 1934 statt zwischen zwei Freunden. Der eine ist Max, jüdischer Abstammung, wohnhaft in San Francisco. Der andere heißt Martin, wohnt in München und ist arischer Herkunft. Sie schreiben sich – zunächst – von ihren Familien, ihren Geschäften und ihren jeweiligen Lebensumständen.

Tiefe Verbundenheit zweier Freunde

Die beiden Akteure des Abends im Kleinen Kulturforum leben diesen Briefwechsel in der Tat: Sie tragen die fiktiven Worte vor, als wären es ihre eigenen Gedanken, die ihnen just in diesem Moment einfielen. Am Anfang plaudern sie noch ausgelassen und fröhlich. Aus ihren Worten spricht eine tiefe innige Verbundenheit.

Sie philosophieren über Grundsätzliches. Max stellt da einmal die rhetorische Frage: „Sind wir nur auf der Welt, um Geld zusammen zu scharren?“ Und Martin kommentiert die erneute Schwangerschaft seiner Gattin: „Wenn eine Frau ein Kind nach dem anderen bekommt, bleibt ihr keine Zeit für Sperenzchen.“

Doch dann taucht Hitler auf – in der deutschen Politik und auch im Briefwechsel der Freunde. Der Ton der Briefe verändert sich. Sparing und Finke intonieren gekonnt. Die zusehende Diskrepanz zwischen geschriebenem Wort und den dahinter stehenden Emotionen scheint greifbar im Raum zu stehen.

Max wird zusehends besorgter, irritierter und auch gekränkter. Finkes Stimme lässt beinahe Tränen erahnen. Martin hat zunächst Sorge. „Wenn Verzweiflung ins Gegenteil umschlägt, führt sie uns oft in die Irre“, fürchtet er. Dann aber verliert er schnell seine Skepsis gegenüber den Nazis, verfällt ihrer Ideologie und nennt schließlich sogar seinen jüngsten Sohn Adolf.

Der Deutsche bezeichnet sehr bald „die jüdische Rasse als eiternde Wunde“. Max, der ihm ja nur „trotz seiner Rasse“ ein Freund sein könne, beschimpft er: „Was kannst Du davon wissen, der Du nur Träumen nachhängst?“

Martin malt abstruse Bilder vom überlegenen Deutschen, der die ihm zustehende Macht endlich ergreife. Stolz sei er „Teil dieser Bewegung“. Nichts würde ihn mehr mit Max verbinden, die Freundschaft sei beendet. „Das sinnlose Leben habe ich hinter mir gelassen.“

Der jüdische Max dagegen glaubt „verstört“ an ein Lippenbekenntnis seines Freundes, welches dieser bloß aus Angst vor einer Briefzensur ablege. Er will den Wandel seines Vertrauten nicht wahrhaben: „Das hat mir nicht mein Freund geschrieben. Das war nur die Stimme der Vorsicht und des Kalküls.“ Doch der Deutsche weist ihn schroff zurück. Sparing wendet sich sogar körperlich von Finke ab, dreht sich weg, hebt die Nase in die Luft.

„Ein Mann wie ein elektrischer Schlag“

Über Hitler schreibt Martin: „Der Mann ist wie ein elektrischer Schlag.“ Zwar bemerkt er deren Judenhetze sehr wohl, „aber das sind wohl nur Randerscheinungen“. Zugegeben sei ihr Vorgehen blutig, „doch das ist jede Geburt – so auch die Wiedergeburt des deutschen Volkes“.

Immer häufiger beantwortet Martin die Briefe von Max nicht mehr – und wenn, so schreibt er, dass er „weitere Vertraulichkeiten auf keinen Fall dulden werde“. Schließlich fleht er seinen (ehemaligen) Freund an, nicht mehr zu schreiben, denn „ich fürchte um mein Leben“. Max schreibt weiter, formuliert zwar immer verklausulierter, aber doch spürbar voller Liebe. Martins Worte, wenn er denn antwortet, klingen verzweifelt, doch alles andere als gleichgültig.

Am Ende hat der Jude dem Deutschen wohl einmal zu oft geschrieben. Ein letzter Brief von Max an Martin kehrt zurück – mit dem Vermerk „Adressat unbekannt“. Und im KKF geht das Licht aus.

Von Michael Koll

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