Prozess um Raubüberfall an Freiheitstraße: Angeklagter hatte massive Probleme

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Werdohl - Einen „versuchten Heimtücke- und Habgiermord“ wirft die Staatsanwaltschaft einem 34-jähriger Neuenrader vor. Am Montag ging der Prozess weiter.

Nachdem der Angeklagte zum Auftakt des Strafverfahrens im Landgericht Hagen zugegeben hatte, dass er am Morgen des 9. Dezember in der Tiefgarage an der Freiheitstraße in Werdohl einen 56 Jahre alten Kunden der Sparkasse Werdohl mit zwei Messerstichen verletzte, um ihn zu berauben, ging es am Montag um die Frage, ob der Angeklagte auch ohne sein weitgehendes Geständnis hätte überführt werden können?

Um diese Frage abschließend zu beantworten, hörte die 2. Schwurgerichtskammer des Landgerichts gestern zahlreiche Polizisten, die mit den Ermittlungen nach dem Raubüberfall beschäftigt waren.

Mordkommission "Freiheit"

Die Mordkommission, die nach dem Tatort „Freiheit“ genannt wurde, stellte kurzfristig Bilder von Überwachungskameras sicher, die sich an der Ditib-Moschee befinden. Aufgrund der eher schlechten Qualität der Bilder konnte der Angeklagte nicht direkt identifiziert werden. Wohl aber zeigten die Bilder charakteristische Aufdrucke, die jenen auf einem Bekleidungsstück glichen, das die Beamten in der Wohnung des 34-Jährigen fanden. Auf dem Weg von der Sparkasse zur Bushaltestelle an der Moschee hatte er sein Handy verloren, in dessen Innenleben die Ermittler Spuren seiner DNA fanden – ebenso wie an einer Zigarettenkippe, die kurz nach dem Überfall am Tatort sichergestellt wurde. Einiges spricht also dafür, dass der Angeklagte auch ohne Geständnis hätte überführt werden können.

Nach der Klärung der Fakten muss nun die Frage nach dem Geisteszustand des 34-Jährigen beantwortet werden. Auskunft gab sein Neuenrader Hausarzt: „Er ist seit 25 Jahren mein Patient“, leitete er seinen Bericht ein. Im November 2017 hatten die Mutter und die Schwester des Angeklagten sich an ihn gewandt, weil sich sein Gesundheitszustand erheblich verschlechtert hatte. So berichtete der Arzt von „psychotischen Phänomenen“. Der 34-Jährige habe nicht mehr trennscharf zwischen Wirklichkeit und Wahngebilden unterscheiden können und Personen gesehen, die gar nicht da waren. Er habe ihnen unterstellt, Veränderungen in seiner Wohnung vorgenommen zu haben. „Es war ein sehr buntes Bild“, fasste der Zeuge seinen damaligen Eindruck zusammen. Wegen des Verdachts auf eine „paranoide Schizophrenie“ habe er eine kurzfristige Einweisung in die Hans-Prinzhorn-Klinik veranlasst.

Unterschiedliche Aussagen

Später bemühte sich der Angeklagte um eine Korrektur an diesem Bild einer psychotischen Erkrankung: Der psychiatrische Gutachter Dr. Nikolaus Grünherz berichtete, dass der 34-Jährige ihm eine andere Erklärung für diese Aussagen geliefert habe: Er habe das alles nur gesagt, um in die Klinik zu kommen.

Den Eindruck einer schwierigen Lebenslage bestätigte auch ein Polizist, der die Wohnung des Angeklagten nach dessen Festnahme durchsucht hatte: Er fand auf Notizzetteln Hinweise auf finanzielle und persönliche Probleme: „Job weg, Geld weg. Ich muss wieder in die Klinik, muss Scheiße bauen“.

Der Prozess wird am 6. Juni ab 9.30 Uhr im Landgericht fortgesetzt.

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