Verwunderung über umfassendes Schweigen nach Gewaltausbruch

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Werdohl - Mit der Vernehmung von Zeugen aus der Familie der Angeklagten wurde am Montag der Prozess gegen eine 31-jährige Lüdenscheiderin fortgesetzt, die ihrem heute 35-jährigen Lebensgefährten am 27. Juni 2013 Messerstiche in Rücken und Oberschenkel zufügte. Ihr Vater berichtete von der Verfassung seiner Tochter kurz nach ihren Messerstichen: „Die Verletzungen sahen schlimm aus. Es war wirklich brutal.“

In ergänzenden Begutachtungen fanden die Eltern eine blutende Stirnwunde, Prellungen und Blutergüsse, die über den ganzen Leib verteilt waren. „Multiple Prellungen“ vom Kopf bis zum Knie und Abschürfungen hielt ein Arzt fest, den die Angeklagte nach dem Kampf aufsuchte.

Strittig ist der Zeitpunkt dieser Übergriffe: Die Angeklagte trug vor, dass die Prügel einem Angriff des 35-Jährigen vorausgingen, in dessen Verlauf sie in den Besitz des Messers gelangte und zustach. Er begründete die Attacke mit dem vorausgegangenen Messerangriff. Sollte die zweite Variante zutreffen, müsste sich das aus zwei Wunden stark blutende Opfer allerdings noch die Zeit für einen recht massiven Angriff genommen haben.

"Papa, der bringt mich um!"

Der Vater der Angeklagten räumte ein, dass seine Tochter ihm gegenüber das Geschehen zunächst verharmlost habe. Er erinnerte sich an ihre Behauptung: „Papa, es sind nur kleine Kratzer.“ Wie andere Zeugen auch, schilderte der Vater eine sich krisenhaft zuspitzende Beziehung, in der es schon vor dem Gewaltausbruch in einer Werdohler Wohnung immer mehr Übergriffe seitens des Mannes gegeben habe. Bis hin zu jenem Tag, an dem seine Tochter ihn angerufen habe: „Papa, der bringt mich um!“

"Keine Angst mehr vor dem Tod"

Ihre Mutter trug vor, dass der 35-Jährige bei einer anderen Gelegenheit damit gedroht habe, „ihr schönes Gesicht mit einer Rasierklinge zu zerstören“. Andere Drohungen hätten sie nicht mehr erreicht: „Meine Tochter hatte keine Angst mehr vor dem Tod.“

Die „beste Freundin“ der Angeklagten bestätigte die Angaben und bemühte sich um eine Antwort auf die Frage, warum die beiden immer noch zusammen waren: „Weil sie bescheuert sind?“

"Wir sollten die Schnauze halten"

Verwunderung löste bei Richter Marcus Teich erneut das Vertuschen der brutalen Auseinandersetzung aus, die von allen Beteiligten ausging. „Wir sollten die Schnauze halten“, zitierte der Vater die Anweisung eines Bekannten des Geschädigten, der er Folge geleistet habe. Heute bedauere er diesen merkwürdigen Gehorsam.

Hausarzt rät der Frau zur Trennung

Der Hausarzt beider Kontrahenten bestätigte dieses umfassende Schweigen – trotz der erheblichen Stichverletzungen: „Sie haben sich ausdrücklich nicht geäußert zu dem, was da passiert ist.“ Als relativ unbeteiligter Beobachter hatte er sich ein Urteil über die Beziehung gebildet und diese der Angeklagten gegenüber nicht verschwiegen: „Ich habe ihr geraten, ihn zu verlassen, weil er ihr nicht gut getan hat.“ Der Prozess wird am 11. April ab 9 Uhr im Landgericht fortgesetzt.

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Der Fall

Die versuchte Tötung ihres ehemaligen Lebensgefährten wirft die Staatsanwaltschaft einer 31-jährigen Lüdenscheiderin vor. Die Frau gab zum Auftakt des Prozesses im Landgericht Hagen einen Messerstich gegen den 35-Jährigen in dessen Werdohler Wohnung zu. Den Tatvorwurf bestreitet sie allerdings: Sie sei an diesem 27. Juni 2013 in einer Notwehrsituation gewesen, nachdem er das Messer aus der Küche geholt habe.


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