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Projektwoche in Werdohl: Freiwillige schuften für den Erhalt des Waldes

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Von: Michael Koll

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Freiwillige aus ganz Deutschland sind derzeit im Werdohler Stadtwald unterwegs, um neue Bäume zu pflanzen und den Bestand zu pflegen und so fit für die Zukunft zu machen.
Freiwillige aus ganz Deutschland sind derzeit im Werdohler Stadtwald unterwegs, um neue Bäume zu pflanzen und den Bestand zu pflegen und so fit für die Zukunft zu machen. © Koll, Michael

Sie kommen aus fast dem gesamten Bundesgebiet, um sich für den Wald in Werdohl einzusetzen. Denn auch in diesem Jahr findet im Stadtwald wieder das Bergwaldprojekt statt.

„Oje, das zwiebelt morgen aber in den Waden“, sagt eine Teilnehmerin keuchend. Dann kämpft sie sich weiter den Hang hinauf im Werdohler Stadtwald. „Das Sauerland ist halt nie flach“, ruft Hendrik von Riewel von weiter oben hinunter. Fast ist seiner Stimme das Schulterzucken anzuhören, hatte er doch fünf Minuten zuvor noch gesagt, „dass wir gleich ein bisschen kraxeln müssen“.

Zwei kurze Pausen zum Luftholen und einige weitere Höhenmeter später ist die Gruppe aber an ihrem Ziel angekommen. Dort gilt es, den Verbissschutz an noch ganz jungen Bäumen bei Bedarf zu erneuern. Schließlich soll die Arbeit der Vorjahre nicht umsonst gewesen sein.

Teilnehmer eint ein gemeinsames Ziel

Zusammengekommen sind für diese Projektwoche 14 Menschen, die aus fast dem ganzen Bundesgebiet stammen und auch sonst wild zusammengewürfelt wirken. Was sie eint, ist das Ziel, die Natur und insbesondere den Wald zu schützen. Sie sind Teilnehmer am bundesweit durchgeführten Bergwaldprojekt des gleichnamigen Vereins, der seit 1987 besteht.

„Im Sauerland sind wir bestimmt schon seit 20 Jahren aktiv“, sagt von Riewel. Der 43-Jährige erläutert den Teilnehmern der Werdohler Woche nun zunächst einmal das Verhalten von Reh- und Rotwild. Außerdem erklärt er, dass in den vergangenen ein, zwei Jahren angefangen werde, auf die Plastikummantelungen der Jungbäume, die an dieser Stelle des Steilhangs überall zu sehen sind, zu verzichten.

Mikroplastik will niemand haben

„Die zersetzen sich zwar, aber sie verrotten nicht“, erläutert der beim Würzburger Verein ganzjährig fest angestellte Förster. Der Projektleiter fährt fort: „Es entsteht also Mikroplastik, welches ins Grundwasser versickern kann, oder das letztlich über die Lenne und weitere Flüsse bis ins Meer getragen wird.“

Förster Hendrik von Riewel (Dritter von links) erläutert den Teilnehmern der Projektwoche, was an Arbeit zu erledigen ist.
Förster Hendrik von Riewel (Dritter von links) erläutert den Teilnehmern der Projektwoche, was an Arbeit zu erledigen ist. © Koll, Michael

Keine Frage, das will hier niemand. Dort, wo das Plastik derart beschädigt ist, dass es ohnehin keinen Schutz mehr darstellt, wird es also entfernt. Und bei den Bäumen, die schon groß genug sind, um keinen Wildverbiss mehr fürchten zu müssen, wird die Ummantelung ebenfalls entfernt.

Bundesweit jährlich 170 Projektwochen

Rund ein Viertel der Kunststoffhüllen tragen die Bergwaldprojekt-Mitarbeiter also zwei Stunden später den steilen Hang hinab, den ihre Vorgänger sie einst mal hinauf getragen haben. Von Riewel verrät: „Gut die Hälfte der Teilnehmer war schon einmal bei solch einer Projektwoche dabei, die andere Hälfte nimmt erstmals teil.“

Rund 170 dieser Projektwochen finden bundesweit jedes Jahr statt – viele davon in Nordrhein-Westfalen, denn dort haben Kyrill und der Borkenkäfer besonders schlimm zugeschlagen. Diese Klimaeffekte und ein gesteigertes öffentliches Interesse für ökologische Themen machten es nach von Riewels Schätzung mittlerweile möglich „auch 500 Projektwochen im Jahr durchzuführen, aber dafür fehlen uns die Kapazitäten“.

Corona sorgt für einige Ausfälle

Tatsächlich sei es coronabedingt vielmehr so, dass der ein oder andere angemeldete Mitstreiter kurz vor Schluss doch noch ausfalle. Auch für Werdohl war ursprünglich eine 18-köpfige Gruppe vorgesehen. Die 14, die letztlich vor Ort gelandet sind, „stammen aus Baden-Württemberg, Hamburg, Berlin, Köln und Brandenburg“, zählt der Projektleiter auf.

„Für die Teilnehmer einer der Projektwochen ist alles kostenfrei – außer der individuellen Anreise“, unterstreicht der Förster. Eben diese Anreise war am Sonntag. Am Montag pflanzten die Ehrenamtler mit den Profis vom durch Spenden finanzierten Verein 1600 Bäume in Werdohls Wäldern – Bergahorne und Eichen. Auch die neuen Bäume bezahlt der Verein.

Pflege des Jungwaldes

Nachdem sie die Schutzummantelungen der nachwachsenden Pflanzen erneuert haben, „werden wir in der restlichen Woche den Jungwald pflegen“, sagt von Riewel. „Das heißt, wir werden dort, wo beispielsweise eine Eiche von Birken überwachsen ist, dem Lichtbaum Eiche Luft verschafften.“ Denn die Eiche benötig eben viel Licht zum Wachsen.

Die Birken rund um die Eiche herum werden also beschnitten oder gefällt. „Wir lassen die Birken aber im Wald liegen“, erklärt von Riewel. „Das ist das, was wir mit einem schonenden Eingriff meinen.“

Die Arbeit geht den Projekt-Teilnehmern nicht aus

Zwei Jahrzehnte Wirken im Werdohler Wald führte nicht dazu, dass den Bergwaldprojekt-Teilnehmern die Arbeit ausgeht. Förster von Riewel formuliert es: „Wir gleichen den klimabedingten Ausfall der Fichte aus. Und solange naturnahe Waldbewirtschaftung hier vor Ort noch gewünscht ist, kommen wir auch immer wieder. Hier ist im Augenblick einfach sehr viel Arbeitsbedarf.“

Das Bergwaldprojekt: Jährlich bis zu 200.000 Bäume

Der Verein Bergwaldprojekt wurde bereits 1987 gegründet und hat als Ziele den Schutz, Erhalt und die Pflege des Waldes. Dazu pflanzt der Verein über das Jahr hinweg mit der Hilfe von Ehrenamtlichen über ganz Deutschland verteilt bis zu 200 000 Bäume. Die Pflanzsaison erstreckt sich dabei mittlerweile von Februar bis etwa Mitte Dezember. Die Stadt Werdohl unterstützt das Bergwaldprojekt bei der Bewältigung der „Kyrill“-Schäden und dem klimagerechten Umbau des Stadtwaldes seit 2008. In Neuenrade fand das Bergwaldprojekt 2021 erstmals statt.

Diese Arbeit werde seit mehr als 30 Jahren stets von ziemlich heterogenen Teilnehmergruppen gemacht – vom Alt-68er bis zum Fridays-for-future-Sympathisanten seien erwartbare Öko-Aktivisten genauso dabei, wie auch Menschen aus ganz anderen Gesellschaftsschichten. Von Riewel blickt auf die Werdohler Gruppe und sagt: „Das sind Studenten über etwa einen Journalisten bis hin zu einem Braunkohlekraftwerkstechniker – Menschen im Alter von 18 bis 60 Jahren.“

Den Menschen „nachhaltige Gedanken mit auf den Weg geben“

Sie alle möchten helfen, den Wald zu schützen. Und ganz nebenbei bekommen sie von von Riewel Wissen vermittelt. Er selbst drückt es so aus: „Wir wollen den Menschen nachhaltige Gedanken mit auf den Weg geben.“ Und so müssen sich diese trotz der Selbstverklärung in dieser Woche ums Essen nicht kümmern. Die 15. Person der Truppe bleibt den ganzen Tag über in der Unterkunft in Finnentrop, um dort zu arbeiten: Es ist eine eigens angestellte Köchin.

Am letzten Tag der Woche im Sauerland haben alle arbeitsfrei. „Dann werden wir mit dem örtlichen Förster Kevin Hauser die Region erkunden bei einer Exkursion“, sagt von Riewel, der aber noch nicht weiß, ob die Balver Höhle, die Burg Altena oder die Phänomenta in Lüdenscheid angesteuert werden.

Um 22 Uhr geht es ins Bett

Zeit zum Kennenlernen bleibt vor dem Samstag wenig. Doch Projektleiter von Riewel berichtet: „Wir haben gestern Abend schon alle miteinander Karten gespielt. Aber um 22 Uhr sind alle im Bett, müssen wir doch morgens um 6 Uhr wieder aufstehen.“ Sagt es und lächelt: „Der Idealismus bei den Teilnehmern dieser Wochen ist über die Jahrzehnte eben doch immer derselbe geblieben.“

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