Kurzfristige Anweisung

Präsenzunterricht fällt weg: Verärgerung bei Lehrern und Eltern über das Schulministerium

Lehrer wie der Werdohler Marc Stomann, der an der Hönnequell-Schule in Neuenrade unterrichtet, werden ab Montag wieder verstärkt von zuhause aus unterrichten.
+
Lehrer wie der Werdohler Marc Stomann, der an der Hönnequell-Schule in Neuenrade unterrichtet, werden ab Montag wieder verstärkt von zuhause aus unterrichten.

Die Nachricht erreichte die Schulleiter in Werdohl, Neuenrade und Balve am frühen Freitagnachmittag: Bereits ab Montag ist die Präsenzpflicht aufgehoben

Schüler der 8. bis 13. Klassen sollen zuhause bleiben und auf Distanz unterrichtet werden, bei jüngeren Schüler der Klassen eins bis sieben ist den Eltern freigestellt, ob sie ihre Kinder zur Schule schicken. NRW will damit die Kontakte in der Corona-Pandemie kurzfristig deutlich reduzieren.

Kurzfristig müssen auch die Schulen auf die neuen Vorhaben aus der Landeshauptstadt reagieren, was nicht bei allen Schulleitern auf Verständnis stieß. „Die springen mit uns um, als seien wir Marionetten“, ärgerte sich Nina Manns, Rektorin der Gemeinschaftsgrundschule Werdohl, über die neuerlichen sehr kurzfristigen Anweisungen aus dem Schulministerium. Das sorge dafür, dass die Bereitschaft in den Kollegien, an Wochenenden die Weichen für den Unterricht der Folgewoche zu stellen, sinke.

Eltern wurden noch am Freitag informiert

Dennoch haben sich Nina Manns und ihr Kollegium bereits darum gekümmert, dass Grundschüler die am Montag doch zum Unterricht erscheinen, ebenso unterrichtet werden wie diejenigen, die zuhause bleiben. Über das Nachrichtensystem Schulfox seien die Eltern bereits am Freitag über die neuen Regelungen informiert worden. „Und die Klassenlehrer versuchen, über das Wochenende herauszufinden, wieviele Kinder am Montag wohl zur Schule kommen“, erklärte Manns. Dann werde jeweils eine Lehrkraft Präsenz- und eine weitere Distanzunterricht erteilen. So hätten alle Schüler gleiche Chancen.

Auf verschiedene Szenarien bereitet sich auch die Albert-Einstein-Gesamtschule in Werdohl vor. „Wir rechnen mit vielen bis gar keinen Schülern“, sagte Schulleiter Sven Stocks mit Blick auf die Fünft- bis Siebtklässler, die ja theoretisch zum Präsenzunterricht erscheinen können. Immerhin wolle die Schule versuchen, über Schulfox abzufragen, welche Schüler wohl kommen werden. Zunächst seien am Montagmorgen aber einmal alle für den Unterricht in diesen Jahrgängen erforderlichen Lehrer vor Ort und auf normalen Unterricht vorbereitet.

Klausuren werden teilweise im Festsaal geschrieben

Für die älteren Jahrgänge schaltet die AEG wieder komplett auf Distanzunterricht um. Nur für Klassenarbeiten und die zum Teil abiturrelevanten Klausuren müssen die Schüler zum Riesei kommen. „Dafür werden wir dann teilweise in den Festsaal ausweichen, wo wir auch die Abstände einhalten können“, skizzierte Stocks die Pläne.

Die Realschule Werdohl will nach Worten von Schulleiter Oliver Held nächste Woche „im wesentlichen nach Stundenplan unterrichten“. Das gelte sowohl für die Präsenz- wie auch für die Distanzschüler. Einige Lehrer seien an der Schule, um den Unterricht für die Klassen 6 und 7 zu gewährleisten. „Viele unterrichten ihre Schüler aber von zuhause“, kündigte Held an. Er rechne nicht damit, dass viele Kinder zur Schule kommen, sagte Held. „Und ich rate auch allen, möglichst zuhause zu bleiben.“

Hönnequell-Schule hat Pläne schon in der Schublade

Bei der Hönnequell-Schule in Neuenrade war man schon zufrieden, dass die nötige E-Mail des Landesschulministeriums relativ frühzeitig am Freitagmittag vorlag. Auf die neuen Bedingungen konnten sich Schulleiterin Eva Päckert und Co. allerdings flott einstellen. Sie hatten entsprechende Pläne quasi schon in der Schublade liegen. Für die Schüler der Klassen 5 bis 7 gibt es Material analog und online. Schon am Freitag waren alle Schüler angehalten, die Arbeitsmaterialien mit nach Hause zu nehmen. Ansonsten seien die Rahmenbedingungen für den virtuellen Unterricht klar, weil man das eben schon gehabt habe und das nichts Unbekanntes mehr sei.

Am Wochenende würden Details geklärt und die Eltern informiert, ab Montag müsse nachgesteuert werden. Dazu zähle die Frage der Klausuren. In der kommenden Woche hätte man viele Klausuren geschrieben, sagte Päckert. Jetzt müsse man nach Alternativen und anderen Möglichkeiten suchen. Am Montag jedenfalls seien alle Lehrer ganz normal vor Ort und bereit. „Wir werden uns schon zurechtruckeln“, sagte Schulleiterin Päckert.

Waldorfschule ist gut vorbereitet

Ohne nun dezidiert vom Schulministerium informiert zu sein, konnte die Waldorfschule Neuenrade ebenfalls sehr schnell reagieren. Klaus Giljohann, Manager der Schule, teilte recht gelassen mit, dass man auf die Änderungen gut vorbereitet sei. Schüler der Klassen 1 bis 4 werden man analog beschulen und bei Bedarf eben per Post Material zuschicken. An der Waldorfschule hält man von einem Online-Unterricht für Grundschüler nichts.

Ab Klasse 5 allerdings habe man ohnehin das Office-365-Paket mit allen Zugängen, Lizenzen und Passwörtern für die Schüler parat, sodass jederzeit Online-Unterricht möglich sei. Die Schüler ab Klasse 9 hätten das ohnehin schon. Technisch sei man an der Waldorfschule bestens ausgestattet. Da sei vieles möglich. Am Montag allerdings werde der Jahrgang 13 in der Schule erscheinen, es gelte eine wichtige Klausur zu schreiben, da sei alles vorbereitet. Einen Seitenhieb in Richtung Düsseldorf konnte sich Giljohann nicht verkneifen: Von der Informationspolitik halte er nichts. Alle Welt wisse Bescheid, nur die Schulen nicht. „Die späte Rundmail – das ist einfach schlechter Stil.“

Kritik an Kommunikation des Ministeriums

Die Kommunikation des Schulministeriums mit den Schulleitungen, die „urplötzlich“ angewiesen worden seien, Anweisungen in die Tat umzusetzen, kritisierte auch Nina Fröhling, Leiterin der Realschule in Balve. Erfahren hatte sie von den neuen Regelungen am Freitagmorgen zunächst von ihren Schülern, den Lehrern und aus der Presse. „Ich lege Wert auf einen hohen Qualitätsstandard. Doch wie soll ich den leisten, wenn ich kurzfristig vor vollendete Tatsachen gestellt werde?“ Immerhin: Sie lässt keinen Zweifel daran, dass Distanzunterricht jederzeit möglich und durchführbar sei. „Seit dem 1. Lockdown stehen wir über Messenger mit allen Familien in Kontakt und haben den Unterricht auf diese Weise auch perfektioniert“, betont sie, dass sie und ihre Kollegen auf diese Herausforderung eingestellt sind. Aber die Entscheidungen aus Düsseldorf müssten vor Ort mit den Kollegen abgesprochen werden.

Auch viele Eltern sind verschnupft. Tatjana Pulter beispielsweise, Elternpflegschaftsvorsitzende an der Realschule Werdohl, sprach von einer „Wischiwaschi-Entscheidung“. Eine komplette Schulschließung sei die bessere Variante gewesen, meint sie. „Das wäre für alle Seiten besser planbar gewesen.“

Auch Kitas sind betroffen

Auch die Kitas sind betroffen. Hier haben die Eltern die Wahl, ob sie ihre Kinder zur Kita bringen oder nicht. Aus dem Neuenrader Familienzentrum Sausebraus war am Freitag noch eine Reaktion zu bekommen. Erzieherin Silke Döpfner berichtete, die Reaktion der Eltern sei durchaus unterschiedlich gewesen. Überwiegend berufstätige Eltern würden ihre Kinder wohl bringen, einige andere würden allerdings ihre Kinder zuhause lassen. Wie man im Detail ab Montag verfahre, werde man in der kommenden Woche sehen, ihrer Kenntnis nach gebe es auch noch nichts Offizielles.

An der größten Grundschule des Märkischen Kreises, der Burgschule Neuenrade, wartet Schuleiter Awerd Riemenscheneider zunächst ab, wie sich die Eltern entscheiden werden. Es liege ja nun in deren Ermessen, ob sie ihr Kind zur Schule schickten. „Ich vermute, dass nicht allzu viele Eltern davon Gebrauch machen werden.

Lernpakete für Schüler sind vorbereitet

Entsprechende Lernpakete für die Schüler seien vorbereitet. Zudem habe der eine oder andere Kollege auch mit Online-Unterricht gute Erfahrungen gemacht. Die Eltern habe er jedenfalls per E-Mail informiert. Auch er ließ leichte Verärgerung durchklingen ob der Informationspolitik. „Irgendwann Freitagmittag“ sei die offizielle E-Mail gekommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare