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Fast überall Windräder möglich? Politik vor Ort ist skeptisch

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Von: Volker Griese

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Der Bau von Windkraft- und Photovoltaikanlagen soll nach einem Erlass von Klima- und Energieministerin Mona Neubaur (B90/Die Grünen) leichter werden. Die Werdohler Politik wird sich demnächst mit dem Thema beschäftigen.
Der Bau von Windkraft- und Photovoltaikanlagen soll nach einem Erlass von Klima- und Energieministerin Mona Neubaur (B90/Die Grünen) leichter werden. Die Werdohler Politik wird sich demnächst mit dem Thema beschäftigen. © Karl-Josef Hildenbrand

Das NRW-Klima- und Energieministerium hat einen Erlass zum schnelleren Ausbau der Erneuerbaren Energien in Kraft gesetzt. Er bringe weitreichende Erleichterungen insbesondere beim Ausbau der Windkraft im Wald, heißt es: Künftig könnten Windenergieanlagen in NRW auf geschädigten Waldflächen und in anderen Nadelholzwäldern errichtet werden. Was bedeutet das für Werdohl?

Werdohl – „Mit dem Erlass schaffen wir sofort Freiräume für den Ausbau der Erneuerbaren Energien in Nordrhein-Westfalen und kommen auf dem Weg in die klimaneutrale Zukunft voran“, lässt sich Ministerin Mona Neubaur (B 90/Die Grünen) in einer Pressemitteilung ihres Hauses zitieren. Die Vertreter der Werdohler Kommunalpolitik sind weniger euphorisch und sehen die Chancen differenzierter.

Ob der Erlass eine Erleichterung bedeute, müsse erst einmal abgewartet werden, äußerte sich beispielsweise WBG-Fraktionschef Thorsten Hänel skeptisch. Und Stefan Ohrmann, Vorsitzender der CDU-Fraktion im Werdohler Rat, vertritt die Auffassung, dass der Erlass „für keine Beschleunigung sorgt, sondern nur für Konkretisierung“. Nach dem Erlass müssten nun zwar Kalamitätsflächen nicht zwingend wieder aufgeforstet, sondern dürften auch für Windkraft und Flächensolarkraftanlagen genutzt werden. „Aber alle anderen Auflagen bleiben ja bestehen“, gibt Ohrmann zu bedenken, dass der Erlass beispielsweise Umweltauflagen nicht außer Kraft setze.

Auch SPD-Fraktionschefin Marion Gierse ist zurückhaltend und verweist darauf, dass der Regionalplan derzeit für Werdohl keine Fläche als Windenergiebereich ausweise. Gierse erwartet: „Das Pro oder Kontra zu einem Standort wird dann Thema einer unter anderem politisch geführten Diskussion in Werdohl werden.“

Auch erwartet Gierse, dass der Erlass die politische Diskussion im Hinblick auf das Ziel aller Fraktionen, die Gewinnung von Erneuerbaren Energien auf städtischen Gebäuden, anregen werde. In diesem Zusammenhang bekräftigte auch Ohrmann noch einmal, dass die Stadtverwaltung den Auftrag habe, die Möglichkeiten der Nutzung von Solarenergie zu prüfen. Thorsten Hänel, Vorsitzender der WBG-Fraktion , nannte konkret zwei Gebäude, die dafür infrage kommen könnten: „Wir können uns das Schulzentrum Riesei und die Gebäude am Köstersberg gut für eine Nutzung durch Photovoltaik vorstellen.“

Die Kerninhalte des neuen Erlasses

Das sind die wesentlichen Inhalte des Erlasses von Klima- und Energieministerin Neubaur:
Windenergie: Kalamitätsflächen (Wald-Ausfallflächen durch Sturm oder Baumkrankheiten) und Nadelwälder stehen nun landesplanerisch regelmäßig für die Windenergienutzung zur Verfügung. Das gilt unter anderem nicht in waldarmen Gemeinden, auf Naturschutz-Flächen sowie in Laub- und Laubmischwald.
Freiflächen-Solarenergie: Deutlich vergrößert werden die planerisch möglichen Flächen entlang von Bundesfernstraßen und überregionalen Schienenwegen in Verbindung mit vorhandenen baulichen Nutzungen wie Wirtschaftsgebäuden oder landwirtschaftlichen Bauten. Auch in den in den Regionalplänen dargestellten „Bereichen für industrielle Nutzungen“ sind künftig ergänzend zu den Wirtschaftsgebäuden auch Freiflächen-Solarenergieanlagen möglich.
Agri-Photovoltaik: Die gleichzeitige Nutzung landwirtschaftlicher Flächen für die Energieerzeugung wird erleichtert.
Biogasanlagen: Angemessene räumliche Erweiterungen vorhandener Betriebsstandorte sind möglich.

Für Windkraftanlagen sehen die Politiker trotz des neuen Erlasses in Werdohl weniger gute Chancen, obwohl sie – wie zum Beispiel Stefan Ohrmann – darauf verweisen, dass dies nur von möglichen Investoren beurteilt werden könne. Hänel gab zu, dass ihm „auf Anhieb keine Flächen einfallen, die dafür infrage kommen könnten“. Ähnlich äußerte sich Marion Gierse: „Welcher Standort für Windkraft und Photovoltaik überhaupt für einen Investor attraktiv sein könne, entzieht sich meiner Kenntnis.“ Diese Einschätzung deckt sich mit den Aussagen einer Potenzialstudie Windernergie, die das Landesamt für Natur, Umwelt, und Verbraucherschutz (Lanuv) bereits im April 2022 veröffentlicht hat. Darin wird die Anzahl potenziell neuer Windenergieanlagen für das Werdohler Stadtgebiet, aber auch praktisch für den gesamten südlichen Märkischen Kreis mit null angegeben. Lediglich für Plettenberg, aber auch für Neuenrade und Balve sieht die Studie Potenzial für jeweils elf bis 20 neue Windräder.

Gut möglich also, dass grüne Energie in Werdohl eher aus Photovoltaikanlagen gewonnen wird. Der Vorsitzende des städtischen Ausschusses für Umwelt und Stadtentwicklung, Jürgen Henke (SPD), sieht jedenfalls auf diesem Gebiet für Werdohl „einen riesigen Nachholbedarf“. Er könne sich den gerodeten Waldhang unterhalb des Remmelshagens als Standort für eine „sinnvoll eingepasste größere Photovoltaikanlage“ vorstellen, sagte er und ergänzte: „Sofern von den Eigentümern gewünscht, könnte sich auch die Fläche rund um Harlingsen anbieten.“

Henke äußerte sich auch zu Frage, wo er sich Windkraft- oder Freiflächen-Photovoltaik nur schwer oder überhaupt nicht vorstellen könne. „Schwertun würde ich mich damit, wenn Anlagen vorgesehen werden, die das intakte Landschaftsbild in den wenigen Ausflugs- und Erholungsbereichen unseres doch engen Stadtgebietes verunstalten würden“, sagte er. Für Ohrmann wären Freiflächen-Photovoltaikanlagen in den Tallagen der Innenstadt schwer vorstellbar. Dabei verwies er darauf, dass das Solarkataster NRW bereits jetzt die Firmengelände entlang der Plettenberger Straße und am Kettling sowie Im Ohl als Eignungsflächen für Photovoltaik ausweise. Auch rund um den Bahnhof und an der Schlacht liegen solche Flächen. Entwicklungsmöglichkeiten sieht Ohrmann eher in der Speichertechnik wie sie bereits im ehemaligen Kraftwerk Elverlingsen umgesetzt werde. Dort wird Strom in ausgemusterten Akkus von Elektroautos gespeichert.

Immerhin: Jürgen Henke hält den Erlass insgesamt für sehr positiv. Er kündigte an, das Thema auf die Tagesordnung des nächsten Sitzung des Ausschusses für Umwelt und Stadtentwicklung – voraussichtlich am 6. Februar – zu bringen. Das würde unter anderem Thorsten Hänel von der WBG begrüßen. „Das Thema sollte und muss man im neuen Jahr angehen“, sagte er. Und auch Stefan Ohrmann ist bewusst, dass der Ausbau der Erneuerbaren Energien ein wichtiges Thema ist: „Die Zeitenwende ist da, wir müssen uns darum kümmern“, formulierte er. Genauso sieht das Marion Gierse: „Die aktuelle weltpolitische Situation und der Erlass machen deutlich, dass wir in Zukunft vermehrt die Gewinnung und Nutzung von Erneuerbaren Energien im Fokus haben müssen. Nur so scheint ein gewisses Maß an Unabhängigkeit auf dem Energiesektor erreichbar.“

Die FDP-Fraktion im Werdohler Stadtrat hat auf die Anfrage der Redaktion zum Erlass der Ministerin übrigens nicht reagiert.

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