Sanierung oder Abriss?

Das plant die Bahn mit dem Viadukt in Ütterlingsen

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Die drei Ortsheimatpfleger Udo Böhme, Barbara Funke und Heiner Burkhardt (von links) setzen sich seit Jahren für den Erhalt der historischen Eisenbahnbrücke (im Hintergrund) ein.

Werdohl - Vor sechs Jahren konnten Stadt und Ortsheimatpfleger den schon geplanten Abriss des denkmalgeschützten Eisenbahnviadukts in Ütterlingsen verhindern, doch seitdem unternimmt die Deutsche Bahn (DB) nicht viel, um das Bauwerk dauerhaft zu erhalten. Jetzt hat sie die Werdohler erneut vertröstet. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Dagmar Freitag hat es schwarz auf weiß, dass sich in den nächsten Jahren nichts tun wird.

Erst vor wenigen Wochen hatte der Werdohler Ortsheimatpfleger und Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins, Heiner Burkhardt, die Bahn an ihre Pflicht erinnert, das Baudenkmal zu erhalten. Sprießendes Frühlingsgrün war das sichtbare Zeichen, dass die Pflege des Bauwerks wohl zu lange vernachlässigt worden war.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Dagmar Freitag nahm das zum Anlass, Anfang Mai erneut beim Konzernbevollmächtigten der Deutschen Bahn für NRW, Werner J. Lübberink, nachzufragen, wann die Bahn welche Maßnahmen zum dauerhaften Erhalt der Brücke durchführen werde. Und auch der Werdohler SPD-Ratsherr und designierte Bürgermeisterkandidat Andreas Späinghaus wurde aktiv: Er startete eine Online-Petition, der sich innerhalb weniger Tage schon mehr als 200 Unterstützer anschlossen.

Entscheidung wird verschoben

Eine Antwort der DB hat bis jetzt aber nur die Bundestagsabgeordnete Dagmar Freitag erhalten. Die ist allerdings aus Werdohler Sicht nicht besonders erfreulich: „Im Rahmen der sogenannten Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung II, mit der Bund und Bahn eine vertragliche Grundlage zum Erhalt und zur Modernisierung des Schienennetzes für die Jahre 2015 bis 2019 abgeschlossen hätten, ist ... unter anderem ein Programm zur Erneuerung von Brücken abgestimmt worden“, heißt es in dem Schreiben Lübberinks vom 29. Mai.

Und weiter: „Leider gab es nach der Veröffentlichung dieser Festlegung massive Kostenerhöhungen im Brückenbau, sodass die zuständige DB Netz AG gezwungen gewesen war, die Brückenprojekte aus dem abgestimmten Investitionsprogramm zu priorisieren.“ Weitere Brückenprojekte hätten damit nicht mehr umgesetzt werden können, und das gelte auch für die Sanierung des Werdohler Viadukts. Deshalb sei die Sanierung des Bauwerks in den Zeitraum der Nachfolgevereinbarung verschoben worden, die für den Zeitraum 2020 bis 2029 gelte.

Bahn-Erklärung wirft Fragen auf

Dagmar Freitag ist über diese Nachricht erwartungsgemäß nicht erfreut. Außerdem bleiben für sie Fragen unbeantwortet. Unter anderem die, warum das Viadukt durchs Raster gefallen ist: „Eine Begründung, nach welchen Kriterien die Priorisierung der angemeldeten Projekte erfolgt ist, fehlt bedauerlicherweise”, teilte sie mit.

Die Erklärung der Deutschen Bahn lässt aber noch weitere Fragen offen. So heißt es in dem Schreiben an die Abgeordnete weiter, dass inzwischen vertiefte Untersuchungen an dem Viadukt durchgeführt worden seien, um das weitere Vorgehen festzulegen. Aktuell würden drei unterschiedliche Varianten für die Investivmaßnahme an dem Bauwerk untersucht – zwei sähen einen Erhalt der ursprünglichen Bausubstanz vor. In einer dieser beiden Varianten werde außerdem die Teilnahme an einem Forschungsvorhaben geprüft, in dem ein Verfahren entwickelt werden soll, mit dem Bauwerke wie das Viadukt erhalten werden können.

Zwei Varianten sehen also einen Erhalt des Bauwerks vor – und die dritte? Eine Antwort auf diese Frage liefert die Bahn nicht, was Raum für Spekulationen lässt: Ist die dritte Variante ein Abriss des denkmalgeschützten Bauwerks und ein anschließender Ersatzneubau?

Auch der Zeitplan, den die DB aufstellt, kann die Werdohler schwerlich zufriedenstellen. Die Entscheidung, welche Variante umgesetzt wird, solle nach derzeitigem Stand frühestens Ende 2021 fallen, schreibt Lübberink der Abgeordneten. Einen Baubeginn sieht der Konzernbevollmächtigte im Jahr 2025, eine Fertigstellung ein Jahr später – alles noch unverbindlich und vorbehaltlich einer Entscheidung für eine der drei Varianten. Schneller gehts wohl nicht, „aufgrund der noch erforderlichen Planungsschritte“, wie die Bahn mitteilt.

Späinghaus wittert Abriss-Pläne

Andreas Späinghaus fühlt sich hingehalten, wittert, dass die Bahn das Viadukt absichtlich verkommen lassen wolle, damit am Ende nur noch der Abriss bleibe. „Wenn man so lange nichts macht, ist das Ding zugewuchert“, kritisierte er, dass die Bahn bis auf Weiteres keine konkreten Erhaltungsmaßnahmen geplant hat.

Immerhin versicherte der Konzernbevollmächtigte im Schreiben an Dagmar Freitag, dass „geeignete Maßnahmen“ ergriffen werden, falls diese für den Erhalt der Bauwerksstruktur erforderlich werden. Späinghaus traut diesen Versprechungen nicht. „Seit Mitte 2018 ist da nichts mehr passiert“, spielt er auf den bislang letzten Rückschnitt der Vegetation vor zwei Jahren an. „Wenn das nun so weitergehen soll“, sagt er und lässt den Satz unvollendet. Jeder kann sich denken, wie er weitergehen soll.

Anregung des Ortsheimatpflegers 

Genauso sieht das Ortsheimatpfleger Heiner Burkhardt. Auch er befürchtet, dass eine weitere mehrjährige Vernachlässigung dem Bauwerk den Rest geben könnte. Vom Vorgehen der Deutschen Bahn sei er enttäuscht, sagt Burkhardt. „Sie hat zum wiederholten Mal ihr Wort gebrochen“, stellt er in Anspielung auf die mehrfachen Versprechen fest, das Viadukt gründlich zu sanieren.

Burkhardt regt an, möglichst alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen, um dann eine Grundlage für den dauerhaften Erhalt des Bauwerks zu erarbeiten. Fest steht für den Ortsheimatpfleger aber auch: „Fertig sind wir noch nicht!“

Freitag, Späinghaus, Burkhardt – alle drei sind mit der Entwicklung unzufrieden. „Ich hätte gerne eine bessere Nachricht überbracht“, kommentierte die Bundestagsabgeordnete die Antwort auf ihren Brief an die DB. Für Andreas Späinghaus ist klar, dass seine Petition jetzt erst recht ihre Berechtigung hat. „Wir müssen der Deutschen Bahn zeigen, dass den Werdohlern etwas an diesem Bauwerk liegt“, sagt er. Und auch für Heiner Burkhardt steht fest: „Fertig sind wir noch nicht!“

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