Plädoyers im Prozess um Parkhaus-Überfall: Acht Jahre Haft für Messerstecher?

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Werdohl/Hagen - Versuchter Mord oder „nur“ eine potenziell lebensgefährliche Körperverletzung und ein besonders schwerer Raub? Diese Frage muss die 2. Schwurgerichtskammer des Landgerichts mit dem Urteil gegen einen 34-jährigen Neuenrader beantworten.

Er hatte am 9. Dezember in Werdohl einen Sparkassenkunden (56) mit einem Messer angegriffen und durch Stiche in Hals und Arm verletzt. 

In ihrem Plädoyer blieb Staatsanwältin Heike Hemme am Dienstag bei dem Vorwurf des versuchten Mordes und beantragte eine Haftstrafe von acht Jahren. Schon mit dem ersten Stich habe der Angeklagte jegliche Gegenwehr seines Opfers verhindern wollen und dessen Tod „billigend“ in Kauf genommen. Denn in unmittelbarer Nähe der Einstichstelle im Hals verliefen große Blutgefäße. Der zweite Stich hätte ebenso gefährlich werden können, denn er galt nicht dem zur Abwehr erhobenen Arm, sondern dem Bauch des 56-Jährigen. 

Opfer wehrt sich mit Pfefferspray 

Nicht der Angeklagte habe seinen Angriff abgebrochen, sondern das Opfer habe sich durch seine energische Gegenwehr einen Fluchtweg verschafft und so den Angriff beendet: „Er gab immer wieder an, als erster geflüchtet zu sein“, erinnerte die Staatsanwältin an die Aussage des 56-Jährigen, der Pfefferspray gegen den Angreifer eingesetzt hatte. Es könne deshalb nicht von einem strafbefreienden Rücktritt des Angeklagten von seiner Tat ausgegangen werden. 

Für eine eingeschränkte Einsichts- und Steuerfähigkeit des Angeklagten gebe es keinen Beleg: Im Gegenteil zeigten sein zielgerichtetes Vorgehen, das Fehlen von möglichen Ausfallerscheinungen und die Flucht als „adäquate Reaktion“ auf das Geschehene, dass er noch wissen musste, was er tat. Die Wiederholung einer derart unbegreiflichen Tat durch den nicht vorbestraften Angeklagten hielt die Staatsanwältin für unwahrscheinlich: „Er scheint sehr schockiert über sich selbst zu sein.“ 

Verteidiger hoffen auf mildere Strafe 

Verteidiger Dominik Petereit wollte nicht ausschließen, dass sein Mandant während der Tat zur Besinnung gekommen war und den Tatort gleichzeitig mit dem Opfer verlassen hatte. „Er hätte hinter ihm herlaufen können“, argumentierte der Anwalt für einen strafbefreienden Rücktritt des 34-Jährigen vom versuchten Mord. 

Was strafrechtlich bleibe, sei eine gefährliche Körperverletzung und ein versuchter schwerer Raub. Auch Petereit zeigte sich ratlos angesichts einer solchen Tat: „Wir haben keine Erklärung dafür, wie er einem solchen Impuls nachgeben konnte.“ 

Urteil soll am Mittwoch verkündet werden 

Der zweite Verteidiger Dirk Löber hatte im Gegensatz zur Staatsanwältin große Zweifel, dass der Angeklagte ohne Geständnis hätte überführt werden können, was seiner Aussage erheblichen Wert verleihe. Die Kammer müsse deshalb erheblich unter dem Strafantrag der Staatsanwaltschaft bleiben. 

Das Urteil soll am Mittwoch ab 11 Uhr im Landgericht verkündet werden.

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