75 Jahre Kriegsende in Werdohl

Persönliche Aufzeichnungen aus den letzten Kriegstagen

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Im Gedenken an Alfred Colsman legte der HGV-Vorsitzende Heiner Burkhardt am Jahrestag des Kriegsendes in Werdohl Blumen nieder.

Werdohl - Vor 75 Jahren, am 14. April 1945, sind amerikanische Soldaten in Werdohl einmarschiert. In der Stadt an Lenne und Verse war der Zweite Weltkrieg damit beendet. Für den Heimat- und Geschichtsverein war das nun Anlass, eines bestimmten Werdohler Mannes zu gedenken und ein besonderes Tagebuch vorzustellen.

„Auch in schwierigen Zeiten wie diesen darf man die Erinnerung nicht vernachlässigen“, sagte Heiner Burkhard, als er am Dienstagmorgen in der Innenstadt ein Blumengebinde niederlegte. Platziert hatte es der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins (HGV) vor der Büste von Alfred Colsman, der vor genau 75 Jahren dafür gesorgt hatte, dass Werdohl praktisch ohne nennenswerte Kampfhandlungen an die einmarschierenden Amerikaner übergeben wurde.

Damit war der Zweite Weltkrieg für die Werdohler vorbei gewesen. Der damals 71-jährige Colsman, nach dem die Stadt Werdohl 1993 den Platz vor der heutigen Stadtbücherei benannte, hatte sich über die Weisung, Werdohl um jeden Preis zu verteidigen, hinweggesetzt und in Verhandlungen mit den US-Militärs erreichen können, das die Stadt an Lenne und Verse nicht zum Kriegsschauplatz wurde.

Was sich an diesem 14. April 1945 in Werdohl abgespielt hat, haben Zeitzeugen schon wiederholt zu Protokoll gegeben. Erst in den vergangenen Tagen ist dagegen das Tagebuch einer jungen Frau aufgetaucht, die mit einem Teil ihrer Familie aus Duisburg nach Trempershof vor den Toren Werdohls evakuiert worden war. 

Tagebuch von besonderem Wert

Gertrud Jungnischke hieß die Frau, die seinerzeit in Trempershof Schutz vor den Bomben gefunden hatte, die über dem Ruhrgebiet abgeworfen wurden. Ihr Sohn Jürgen Jungnischke hat die Tagebuchaufzeichnungen seiner Mutter jetzt dem Heimat- und Geschichtsverein übergeben. „Das Tolle an diesem Tagebuch ist, dass es ganz offensichtlich tatsächlich an dem Tag geschrieben worden ist, an dem sich die Dinge ereignet haben“, sagte Heiner Burkhardt. „Das Tolle an diesem Tagebuch ist, dass es ganz offensichtlich tatsächlich an dem Tag geschrieben worden ist, an dem sich die Dinge ereignet haben“, sagte Heiner Burkhardt. Andere Aufzeichnungen der Ereignisse im April 1945 seien erst später aus der Erinnerungen heraus entstanden und möglicherweise – positiv oder negativ – verfälscht.

Mitleid mit den deutschen Soldaten

Gertrud Jungnischke berichtet in einem kleinen Büchlein auf liniertem Papier von Begegnungen mit Soldaten sowohl der Wehrmacht, in deren Luftwaffe ihr Ehemann Gustav in Köln kämpfen musste, als auch der US-Streitkräfte, die Werdohl am Ende des Krieges besetzten. Sie äußert Mitleid mit den Deutschen, die sich dem Feind ergeben mussten („Wie schrecklich sind doch für Euch die ersten fünf Minuten der Ergebung. Gefangen im eigenen Land, und alles ist umsonst gewesen?!“).

Sie beschreibt aber auch die Begegnung mit den offenbar zumeist afroamerikanischen Soldaten, deren schwarze Hautfarbe und zugleich weißen Zähne sie gleichermaßen beeindruckten wie verunsicherten („Es war ja alles so unheimlich.“).

Jagdbomber-Angriff auf Trempershof

Interessant ist auch, zu lesen, dass die aus dem Ruhrgebiet Geflohenen offenbar ganz anders auf die Luftangriffe gegen Ende des Krieges reagierten als die einheimischen Werdohler. So schildert Gertrud Jungnischke, damals im siebten Monat schwanger mit ihrem Sohn Jürgen, einen Jagdbomber-Angriff vom 12. April 1945 auf Trempershof: „Der kleine Ort sah ziemlich wüst danach aus. In einem Haus waren elf Tote. Die Menschen hier waren danach wie die Verrückten. Auch hier im Haus, ob Mann, ob Frau. Uns Städter hat der Krieg tatsächlich hart gemacht.“

Immer wieder tauchen auf den Tagebuchseiten im April 1945 die Familiennamen Reinecke, Becker und Kregenberg auf. Zu Ida und Kurt Reinecke, der Schreiner gewesen sei und den Spitznamen „Schneeloch“ gehabt habe, hätten seine Eltern nach dem Krieg noch gelegentlich Briefkontakt gehabt, erinnert sich Jürgen Jungnischke in seinem Brief an den HGV Werdohl. „Einmal besuchten wir sie in Hessen, wo sie für einige Jahre wohnten. Sie zogen aber wieder nach Lüdenscheid oder Werdohl“, schreibt er.

Kein Wort über Hitlers Suizid

Jürgen Jungnischke, der mittlerweile am Niederrhein wohnt, wundert sich darüber, dass seine Mutter in ihrem Tagebuch weder den Suizid Adolf Hitlers noch die Kapitulation erwähnt. „Es war wahrscheinlich auch nicht mehr wichtig, sie hatten überlebt“, mutmaßt der heute 74-jährige Jungnischke.

Wer noch Aufzeichnungen aus der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit hat, kann sich an den HGV-Vorsitzenden Heiner Burkhardt wenden (Tel. 0 23 92/1 08 87, E-Mail: heiner.burkhardt@t-online.de).

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