Jetzt kommt die Alu-Variante

Peinlichkeit um angeblichen Exoten: Feuerwehr muss Schlauchboot-Bestellung stornieren

So ein Feuerwehr-Rettungsboot aus Aluminium mit Steuerstand und einer Bugklappe zur Leichenbergung aus der Lenne hat die Stadt Werdohl für die Feuerwehr bestellt. Es wird eigens angefertigt und soll Ende des Jahres geliefert werden.
+
So ein Feuerwehr-Rettungsboot aus Aluminium mit Steuerstand und einer Bugklappe zur Leichenbergung aus der Lenne hat die Stadt Werdohl für die Feuerwehr bestellt. Es wird eigens angefertigt und soll Ende des Jahres geliefert werden.

Bei der Beschaffung eines neuen Rettungsbootes für die Feuerwehr Werdohl sind Fehler in der Vergabe gemacht worden, für die Feuerwehr-Chef Kai Tebrün die Verantwortung übernommen hat.

Vor knapp einem Jahr wurde offenbar aufgrund falscher Empfehlungen ein „exotisches“ Schlauchboot ohne Din-Norm bestellt, am Ende musste der Vertrag aufgelöst werden. Das vor wenigen Tagen neu bestellte Aluminium-Boot ist normgerecht, allerdings doppelt so teuer wie das vor elf Monaten bestellte Schlauchboot, es kostet samt Trailer 53 000 Euro.

CDU-Ratsherr Michael Schürmann gab in seiner Eigenschaft als Mitglied des Vergabeausschusses gegenüber dem Feuerwehrausschuss eine Erklärung ab. Der erste geplante Bootskauf sei schlecht gelaufen, es seien in Zukunft „Strukturen nötig, um solche Prozesse transparent zu machen.“ Deshalb schildere er den Fall im Ausschuss für Feuerwehrangelegenheiten.

Neue Bestellung um 94 Prozent teurer

Ein Schlauchboot sei vor elf Monaten bestellt worden, die jetzt getätigte Bestellung eines Alu-Bootes sei um 94 Prozent teurer, erklärte Schürmann. Damals wie heute habe man auf eine Ausschreibung verzichtet, weil die Neubeschaffung äußerst dringlich sei. Das alte Rettungsboot der Feuerwehr ist ein Schlauchboot, das zunehmend die Luft verliert. Es ist in keiner Weise mehr technisch für die Wasserrettung geeignet.

Mit seiner Erklärung ließ Schürmann den Feuerwehr-Chef Kai Tebrün am Mikrofon nicht nur symbolisch stramm stehen. Tebrün war ganz offensichtlich auf diese unangenehme Situation vorbereitet und zog eine schriftliche Erklärung aus der Tasche, die er dem Aussschuss vorlas. Diese Erklärung habe er gegenüber dem Verwaltungsvorstand abgegeben. Er sei bereits hausintern befragt worden.

„Spezielle Anforderungen“ für die Lenne

Tebrün schilderte noch einmal die Situation, dass die Feuerwehr unbedingt ein neues Boot brauche. Wegen der „speziellen Anforderungen“ der Werdohler Feuerwehr sei man vor mehr als einem Jahr zu der Auffassung gekommen, dass man für die Lenne eine Art „Exot“ brauche. Die als Bootsführer ausgebildeten Männer der Werdohler Feuerwehr hätten der Wehrleitung die Firma „MaRe Boote“ in Werne empfohlen. Das Unternehmen baut und handelt hauptsächlich mit Schlauchbooten. Dort habe man schließlich ganz offiziell über den Vergabeausschuss bestellt. Erst danach fiel der Feuerwehrleitung auf, dass im vereinbarten Preis erforderlichen Um- und Anbauten nicht enthalten waren.

Das Werdohler Feuerwehrboot bei einem Einsatz in Ütterlingsen im Jahre 2019. Damals wurde in der Lenne nach einer vermissten Person gesucht. Das alte Schlauchboot ist umständlich zu handhaben und verliert immer wieder Luft.

Die Werdohler Wehr braucht am Boot eine Bugklappe, über die Leichen aus dem Wasser gezogen werden können. So eine Vorrichtung scheint bei einem Schlauchboot konstruktiv sehr schwierig zu sein. Nach Einrechnung der Umbauwünsche sei die Auftragssumme „bedeutend größer geworden“, las Tebrün vor.

Erhebliche Lieferprobleme

Danach kam es aber noch schlimmer: Der Bootsbauer Marvin Reuter (MaRe) aus Werne musste erhebliche Lieferprobleme einräumen. Tebrün schilderte, dass „MaRe Boote“ einen holländischen Zulieferer habe, der wiederum Teile aus China bekommen sollte. Die waren aufgrund der Corona-Krise nicht lieferbar. Das Ende vom Lied: Das bestellte Boot war laut Tebrün „einfach nicht zu bekommen.“ Der Vertrag sei einvernehmlich aufgelöst worden. Mit der Neubestellung eines Norm-Bootes sei die Wehr zufrieden. „Jetzt bekommen wir ein vernünftiges Boot“, schloss Tebrün seine Erklärungen.

Michael Schürmann führte den Feuerwehr-Chef vor aller Augen und Ohren weiter vor: „Mein Verständnis von Beschaffung ist so, dass ich doch wissen muss, was für einen Exoten ich haben will.“ Ob die Feuerwehr vielleicht zu sehr auf einen Hersteller fixiert gewesen sei?

Tebrün hält Angriffen wacker stand

Tebrün hielt den Angriffen wacker stand: „Der Hersteller ist uns damals als geeignet genannt worden.“ Tebrün gab allerdings unumwunden zu: „Das war unser Fehler. Wir hatten das unterschätzt. Wir haben übereifrig reagiert und wurden enttäuscht. Aus Fehlern lernt man.“

Unbeantwortet blieb die Frage, warum man vor einem Jahr zur Auffassung kommen konnte, auf der Lenne ein „exotisches“ Boot zu benötigen. Die Wasserrettungsaufgaben dürften nicht schwieriger sein als an anderen Flüssen oder Seen. Für jedermann leicht einsehbar sind die Boots-Normen. » Kasten

Das neue Boot kommt aus Bayern

Das jetzt bestellte Boot ist jedenfalls aus Aluminium und wird in Bayern von der Firma „Barro Bootsbau“ hergestellt. Barro bietet Rettungs- und Einsatzboote nach einer Art Baukastensystem an und erfüllt damit die vorgeschriebene Din-Norm. Anhand der Boots-Klassifizierungen des Herstellers ist in keiner Weise erkennbar, dass Varianten mit Bugklappe als „Exoten“ gelten. Die Variante ist im Alu-Bootsbau üblich, man kann sie ganz einfach bestellen.

Barro baut seit dem Jahr 1955 Boote aus Aluminium für Einsatz, Arbeit und Freizeit. Das Unternehmen wirbt: „Jedes Jahr verlassen bis zu 100 Boote unser Werk. Konstruiert, handgefertigt und getestet in Kellmünz an der Iller. Alle unsere Boote sind aus einer seewasserbeständigen Aluminiumlegierung und unsinkbar durch luftdichte Doppelböden oder fest verbaute Auftriebszellen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare