„Ohne Sprache kann ich hier nicht leben“

Bei der Veranstaltung zum Weltfrauentag hatten die Frauen in Werdohl Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen.

WERDOHL ▪ „ Im Film berichteten Frauen von ihrem Leben „zwischen Welten“, für noch mehr Tiefgang sorgten aber die Frauen, die bei der Veranstaltung zum Internationalen Frauentag im Jugend- und Bürgerzentrum an der Schulstraße mutig und ehrlich von ihrem Leben in einem anderen Land berichteten – von den Bemühungen und der Mühe in diesem Land an- oder zumindest klar zu kommen.

Das Treffen zum Frauentag war vom türkischen Frauenverein, der Gleichstellungsstelle der Stadt und in Kooperation mit dem Quartiersmanagement Ütterlingsen und der Volkshochschule organisiert worden – mit erfreulich großer Resonanz. Gleichstellungsbeauftragte Judith Heilmaier und Gülcan Kiraz, die Vorsitzende des türkischen Frauenvereins, sahen sich bei der Begrüßung einer großen Runde gegenüber: mehr als 40 Frauen hatten sich einladen lassen zu einem Abend, bei dem es um ganz persönliche Lebensgeschichten ging.

„Aller Frauen Länder“ lautete das Motto und unterschiedlichste Nationalitäten waren tatsächlich auch im Jugend- und Bürgerzentrum anzutreffen. Frauen aus Italien, aus Albanien, aus Marokko, Bosnien, aus der Türkei und natürlich aus Deutschland.

Kerzenlicht, einladend dekorierte Tische und ein Buffet reich gedeckt mit türkischen Teigspezialitäten wie Börek, Poaca, Baklava und Kisir sorgten für Atmosphäre, der Kurzfilm, in dem sieben Frauen aus Migrantenfamilien portraitiert wurden, für einen anschaulichen Einstieg. Deutlich wurde dabei die familiären Zwänge und Ängste vieler Frauen auf der einen Seite, ihr Wunsch nach Unabhängigkeit und Bildung auf der anderen. „In dem Raum, in dem sie sich befanden, konnten sich viele Frauen nicht entfalten“, hieß es.

Umso beeindruckender war die Lebensgeschichte von Fatiha Ezitouni, die am Donnerstagabend neben vier weiteren Frauen Position bezog. Bei der Geburt ihres Sohnes habe sie weder die Krankenschwester noch die Hebamme verstanden. „Ich hatte Angst, weil ich nicht antworten konnte“, berichtete die junge Frau, wie nach ihrer Ankunft vor neun Jahren ihr Entschluss fiel, Deutsch zu lernen. Der Marokkanerin war schnell klar: „Ohne Sprache kann ich hier nicht leben.“ Fatiha lernte, damit auch ihre Kinder mit ihrer Hilfe lernen können. „Sie sollen eine gute Zukunft haben“, so der Wunsch der dreifachen Mutter, die mit ihrer Einstellung auch ein positives Beispiel dafür ist, dass Integration gut funktionieren kann. „Deutschland hat uns eine Chance gegeben und wir sollten uns daher integrieren. Integration bedeutet nichts Schlimmes. Es bedeutet vor allen Dingen, die Sprache zu lernen,“ sagte sie. Wie Integration und ein Miteinander der Menschen unterschiedlicher Nationalitäten funktionieren kann, zeigte sich mit der Frauenrunde, die zusammen mit der Ütterlingser Quartiersmanagerin Silke Kreikebaum an die Schulstraße gekommen waren. Regelmäßig treffen sich die Frauen, sie sind Freundinnen geworden und bemühen sich vor allem um eines: die Sprache des Landes zu lernen, in dem sie leben.

Und wie mutig Frauen sein können, zeigte die Lebensgeschichte von Rabia, die vor 40 Jahren als Textilarbeiterin und aktive Gewerkschafterin aus der Türkei nach Deutschland kam – ohne ihren Mann und ohne ein Wort Deutsch zu können; dafür aber mit dem festen Glauben, es zu „schaffen“. „Ich habe es geschafft, weil ich es wollte und weil ich immer gefragt habe,“ sagte sie. - Simone Benninghaus

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