„Komme gerne herein, aber lass die Politik draußen.“

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Die Frauen der Werdohler Ditib-Gemeinde hatten ein äußert reichliches Büfett an Süßspeisen vorbereitet, welches sie mit großer Freude anboten. Die Männer standen derweil am Grill. 

Werdohl - Zum Tag der offenen Moschee hatte auch die Werdohler Ditib -Gemeinde eingeladen. Im  Gespräch äußerte sich der Vorsitzende unter anderem auch zum Thema Ditib und Politik.

"Wir sind Teil der Gesellschaft“, sagt Fahrettin Alptekin. Der Vorstandsvorsitzende der Werdohler Ditib-Gemeinde fügt hinzu: „Und das schon seit mehr als 50 Jahren.“ Somit sei es nur folgerichtig, dass der bundesweite Tag der offenen Moschee 2017 das Motto „Gute Nachbarschaft – Bessere Gesellschaft“ trage. „Die Moschee in Werdohl steht seit 1973“ erinnert Alptekin. Und am Tag der offenen Moschee freue er sich auf jeden Besucher – ganz gleich, wo dieser herkomme, was er denke und was er glaube. Wichtig sei nur eines: „Komme gerne herein, aber lass die Politik draußen.“ Sicher sei es so, wenn die Männer der Gemeinde nach dem Freitagsgebet beieinander säßen, sprächen sie auch schon einmal über politische Themen – „aber nie in der Moschee“.

Alptekin unterstreicht: „Wir leben hier nach den deutschen Gesetzen.“ Und die Vielfalt der Gesellschaft spiegele sich auch in den Reihen der Gemeinde: „Viele von uns wählen die SPD oder die CDU, einige auch die Grünen oder die Linken.“ Unterschiedliche politische Ansichten würden sie aber nicht voneinander trennen. Ditib (zu Deutsch: Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) hat in Deutschland zuletzt deutlich an Ansehen verloren. Dazu sagt der Vorstandsvorsitzende der Werdohler Gemeinde: „Es macht uns traurig, wenn man sagt, Ditib sei der verlängerte Arm vom türkischen Präsidenten Erdogan.“ „Politik hat in Moschee nichts zu suchen“ Alptekin betont: „Der Hodscha predigt in der Moschee den Islam – nichts Politisches.“ Der Vorstandsvorsitzende der Werdohler Gemeinde holt tief Luft und fügt hinzu: „Das darf der Hodscha auch gar nicht.“ Der Hodscha ist der religiöse Kopf der Gemeinde – vergleichbar mit einem Gemeinde-Pfarrer.

Zum Hintergrund: Im Frühjahr trat beispielsweise der Vorstand des Ditib-Jugendverbands BDMJ (Bund der Muslimischen Jugend) geschlossen zurück. Die türkische Religionsbehörde Diyanet, die direkt dem türkischen Ministerpräsidentenamt unterstellt ist, habe zwei Jugendvorstandsmitglieder ohne Angaben von Gründen entlassen, wohl um fortschrittliche Strömungen im Keim zu ersticken und die Traditionalisten zu stärken. Im Sommer hatte Ditib dann die Teilnahme an einer Anti-Terror-Demonstration in Köln abgesagt. Viele deutsche Politiker hatten danach scharfe Kritik an Ditib geäußert. Einige forderten gar ein Verbot von Ditib, da der Verbund angeblich nicht (mehr) demokratisch sei.

Der Werdohler Vorstandsvorsitzende der Ditib-Gemeinde unterstreicht indes seine Verwurzelung in der Gesellschaft: „Meine beiden Kinder haben einen deutschen Pass. Und zwei meiner Schwägerinnen sind Deutsche.“ Wenn die Kinder in der Moschee Koran-Unterricht erhielten, dann würden dazu längst Bücher in deutscher Sprache verwandt. „Unsere Kinder können gar kein Arabisch mehr“, erläutert Alptekin. Die Türkei sei für viele Gemeindemitglieder das Herkunftsland, ein Ort, an welchem die persönlichen Wurzeln lägen. „Und als dort der Putschversuch stattgefunden hat, hatten wir alle Verwandte und Freunde, die auf beiden Seiten standen: Mitglieder der Gülen-Bewegung ebenso, wie Anhänger von Recep Tayyip Erdogan.“

In Deutschland sei man längst integriert: „Wir gehen wie die Deutschen im Aldi einkaufen und spielen auch zusammen mit den Deutschen Fußball“, zählt der Vorstandsvorsitzende der Gemeinde auf. „Ich habe Respekt vor den Leuten, mit denen ich zusammen lebe, vor meinen Nachbarn“, sagt er. „In Frieden zu leben ist unser Reichtum“

Für alle Mitglieder der Werdohler Ditib-Gemeinde gelte: „Es ist unser Reichtum, in Frieden miteinander zu leben.“ Dann erwähnt Alptekin Paris, Aleppo, Las Vegas: „Im Krieg oder bei solchen Anschlägen stirbt doch kein Muslim und auch kein Christ“, hebt er hervor. „Es sterben immer nur Menschen.“ Alptekin schaut mit offenen Augen hoch und sagt mit ruhiger Stimme: „Dagegen können wir nur gemeinsam stark werden.“ Im Informationsheft zum bundesweiten Tag der offenen Moschee – herausgegeben von Ditib, dem Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland, dem Zentralrat der Muslime in Deutschland und dem Verband der Islamischen Kulturzentren – steht: „Häufig werden Differenzen zwischen Religionen und Kulturen als unüberwindbare Hürden für das Zusammenleben dargestellt. Unterschieden werden nicht als Bereicherung, sondern als Barrieren“ gesehen.

Der Begriff der Nachbarschaft habe im Islam jedoch eine besondere Bedeutung. Im Koran heiße es beispielsweise: „Seid gut zu den Eltern, zu den Waisen, den Bedürftigen, den nächsten und den fernen Nachbarn, den Freunden an Eurer Seite.“ Die Nachbarschaft umfasse gemäß eines Ausspruchs des Propheten Muhammad „das 40. Haus in jede Himmelsrichtung“. Nach heutiger Auffassung der Islam-Gelehrten sei der Begriff des Nachbarn längst global auszulegen – etwa in Hinblick auf weltweite Hungersnöte und einen weiteren Ausspruch des Propheten: „Wer satt zu Bett geht, während sein Nachbar hungert, ist nicht von uns.“

Der Tag der offenen Moschee wird seit 1997 jährlich am 3. Oktober in deutschlandweit mehr als 1000 Moscheen veranstaltet.

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