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Nicht nur die Corona-Pandemie setzt Physiotherapeuten unter Druck

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Von: Volker Heyn

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Physiotherapeut Florian Kleve mit seinem Team – alle geimpft.
Physiotherapeut Florian Kleve mit seinem Team – alle geimpft. © Praxis Kleve

Mit der Frage, ob die einrichtungsbezogene Impfpflicht, die ab 15. März gilt, für seine Physiotherapiepraxis ein Problem darstellt, ist Matthias Berken schnell fertig: „Wir sind alle geimpft.“ Berken, die drei bei ihm angestellten Therapeutinnen und die Mitarbeiterin am Empfang in der Praxis in Kleinhammer haben nicht nur wegen Corona ganz andere Sorgen. Wie so viele in den Gesundheitsberufen arbeiten sie hart an ihrer persönlichen Belastungsgrenze.

Werdohl ‒ Berken geht es um die gesetzlichen Regelungen, nach denen er Patienten behandeln darf. Kommt ein Patient mit einem Rezept einer gesetzlichen Krankenkasse in seine Praxis, gilt für den Patienten die 3G-Regelung. Muss oder will jemand seine Behandlung privat oder privatversichert bezahlen, gelte 2G. Die Person muss also geimpft oder genesen sein, ein Testnachweis reiche nicht. Der Bedarf einer medizinischen Behandlung sei oft groß, so dass Patienten ohne Rezept zu ihm kämen. Manche Hausärzte würden ihren Patienten nicht das notwendige Rezept ausstellen, weil sie zum Quartalsende ihr Budget ausgereizt hätten.

All diese Impf- und Testnachweise müssen in der Praxis kontrolliert, dokumentiert und aufbewahrt werden. Bei dem ohnehin engen Takt in der Behandlung ist das nicht nur ein Zeit- sondern auch ein Kostenfaktor.

Der 43-jährige Matthias Berken betreibt seine Praxis seit 2007 in Kleinhammer am Brauck 9. Er ist Physiotherapeut und Osteopath. Die Arbeit und die Nachfrage nach medizinischen Behandlungen habe während der Corona-Pandemie überhand genommen. Hinzu komme, dass er viele Patienten von Heilpraktiker Casper übernommen habe. Der Patientendruck sei so hoch, dass er keine zeitaufwendigen Hausbesuche mehr anbieten könne. Die Warteliste sei lang, er und sein Team suchten mittlerweile aus, wen sie vordringlich behandeln und wer warten muss. Matthias Berken ist verunsichert: „Ich möchte allen gleichmäßig helfen, alle gleich behandeln. Für mich ist das ein soziales Statement, ein Ausdruck von Humanismus.“

Physiotherapeut Matthias Berken und seine Mitarbeiterinnen (von links) Kim Hertin, Ilona Murkosa und Claudia Sprafke arbeiten schon lange an der Belastungsgrenze, die Corona-Bestimmungen erlauben nicht die Behandlung von so vielen Patienten, wie es eigentlich nötig wäre.
Physiotherapeut Matthias Berken und seine Mitarbeiterinnen (von links) Kim Hertin, Ilona Murkosa und Claudia Sprafke arbeiten schon lange an der Belastungsgrenze, die Corona-Bestimmungen erlauben nicht die Behandlung von so vielen Patienten, wie es eigentlich nötig wäre. © Volker Heyn

In seinem Berufsfeld änderten sich die Vorschriften und Maßgaben häufig. Vor allem die Unterscheidung zwischen 3G und 2G bei den Patienten sei kompliziert, Verbände wie der Verband Physikalische Therapie (PVT) NRW würden „in einer Woche drei verschiedene Varianten“ kommunizieren. Die Corona-Schutzbestimmungen für den Sportbereich erlaubten ihm derzeit keinen wirtschaftlichen Betrieb des Reha-Sports.

Das Tragen der Maske für Behandler und Patient sei natürlich nötig, aber erschwere die körperlich anstrengende Arbeit bei der Physiotherapie. Nach einer 40-minütigen Lymphdrainage entwickelten sich auch schon mal Kopfschmerzen. Auf dem Arbeitsmarkt sei kein Personal zu finden, so Berken, der sogar Angst vor Abwerbung hat: „Es gibt einfach viel zu wenige Physiotherapeuten.“

Alle neun Mitarbeiterinnen und der Chef der größten Werdohler Physiotherapie-Praxis, dem „Therapiezentrum Werdohl“ von Florian Kleve an der Bahnhofstraße, sind geimpft und geboostert, sagt Kleve. Der 64-Jährige ist „überzeugt von der Wirkung der Impfungen“ und findet es „nicht richtig, wenn Menschen gegen die Impfung sind“. Sein Personal stehe „voll und ganz dahinter“, er und sein Team würden „immer versuchen, die Patienten zu überreden, sich impfen zu lassen“.

Von einer besonderen Arbeitsbelastung durch das Tragen der Maske will er hingegen nicht sprechen: „Die Masken sind zwar lästig, keiner sollte sich aber über solche Kleinigkeiten beschweren.“ Die Masken seien eher emotional als physisch belastend. Es sei doch nachgewiesen, dass die Sauerstoffversorgung nur minimal beeinträchtigt sei. Stattdessen könne sich jeder freuen, sich durch Masken und Impfung vor schwerer Krankheit schützen zu können. Kleve möchte keine Ängste verbreitet sehen, sondern sich ruhig an Fakten und die Wissenschaft halten.

Wie Berken hat auch seine Praxis alle Hände voll zu tun, es gebe eben einen riesigen Bedarf an Physiotherapie. Das habe aber nichts mit Covid-19 zu tun, das sei auch schon vorher so gewesen. Kleve betreibt seine Praxis seit Februar 1991, zunächst Jahre lang an der Freiheitstraße, seit 1997 an der Bahnhofstraße. Kleve ist studierter Physiotherapeut, Osteopath sowie Sportlehrer Leistungssport, dazu hat er weitere Qualifikationen nach Bobath, Maitland und MacKenzie sowie Befähigungen für craniosacrale Therapie und Triggerpunkttherapie.

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