Neuordnung der evangelischen Bezirke

Groß war das Interesse an dieser wichtigen Gemeindeversammlung in Pungelscheid, deren Inhalte noch einmal im Presbyterium erörtert werden sollen.

WERDOHL ▪ Die wichtigsten Fakten waren vor der evangelischen Gemeindeversammlung am Sonntagmittag im Paulus-Gemeindehaus eindeutig und öffentlich auch schon hinreichend erläutert worden: Mit dem Eintritt von Martin Kämper in den Vorruhestand (Ende 2012) verliert der evangelische Bezirk Königsburg seinen Pfarrer; eine Neubesetzung der Stelle ist aus finanziellen Gründen nicht machbar. Durch das Ausscheiden Kämpers spare die Gemeinde (bis zum endgültigen Rentenalter) eine halbe Million Euro.

Werdohl wird in zwei Pfarrbezirke mit drei Geistlichen aufgeteilt. Spätestens Anfang 2014 soll das Paulus-Gemeindehaus entwidmet werden. Die bislang weitgehend eigenständigen Bezirke Pungelscheid und Königsburg sollen in einer sogenannten Fusion eng aneinander rücken. Pastor Dieter Kuhlo-Schöneberg bleibt und wird von der Kreuzkirche aus beide Bereiche betreuen – und er werde es schaffen, beide Bezirke behutsam zusammen zu führen, so Pfarrer Kämper. Das in groben Zügen. Spannend war vor Sonntagmittag die Frage: Wie würde die Gemeinde – speziell aus beiden Ortsteilen – reagieren?

Nicht zuletzt durch die klug angelegte Moderation des Superintendenten Klaus Majoress und die klar geäußerte Einschätzung von Pastor Dieter Kuhlo-Schöneberg kam keine Polemik auf. Emotionen freilich blieben nicht aus, denn nicht nur Maja Schöneberg hatte Tränen in den Augen, als sie mit fast erstickter Stimme für den Erhalt des Paulus-Gemeindehauses plädierte – insbesondere im Interesse der Jugend, die man in die Gemeindearbeit im Bezirk einbinden wolle.

Innerhalb von 35 Jahren, so hatte Klaus Majoress zu Beginn der Versammlung verdeutlicht, sei die Zahl der Gemeindeglieder in Werdohl von rund 15 000 auf aktuell knapp 7 000 geschrumpft. Das mache deutlich: Es geht bei allen Schritten zu einer Neuorganisation nicht allein um Pungelscheid oder die Königsburg, sondern letztlich um die Gesamtgemeinde, die unter dem demographischen Wandel aber auch der Wohnsituation in Werdohl leide.

Dabei malte er für manchen Versammlungsteilnehmer sogar noch ein arg schwarzes Bild: Die Evangelische Kirche werde in ganz Deutschland bis 2030 einen enormen Rückgang und damit eine Halbierung der Kirchensteuer zu verkraften haben. Vor diesem Hintergrund „werden uns auch hier bei uns die kirchlichen Finanzen massiv beschäftigen“, so Klaus Majoress, und womöglich müsse man sich schon etwa in 15 Jahren die Frage stellen, was aus kirchlicher Sicht „überhaupt noch geht“ und ob weitere Einrichtungen oder auch Predigtstätten in Werdohl noch zu halten seien.

Friedhelm Kreikebaum hatte nach der Sachdarstellung durch den Superintendenten den Reigen der Diskussionsbeiträge mit einem Statement eröffnet. Er verwies auf die allseits bekannte Wahrnehmung, dass in Pungelscheid – nicht erst dank Dieter Kuhlo-Schöneberg – eine sehr dichte, persönliche und vertraute Gemeindearbeit geleistet werde.

Seit 30 Jahren werde ein liebevoller Umgang untereinander gepflegt. Da könne nicht einfach gesagt werden: 2013 ist Schluss. Eine gewachsene Gemeinde könne nicht einfach zur Königsburg umdirigiert werden. Das würde aus Kreikebaums Sicht so mancher nicht mitmachen.

Es müsse eine andere Lösung gefunden werden. Mit Unterstützung zweier Pfarrer im Ruhestand sowie Gemeindehelfer und Laienprediger müsse es doch möglich sein, jeden Sonntag in Pungelscheid einen Gottesdienst abzuhalten.

Hier allerdings sind – wie schon berichtet – die Weichen gestellt: Bis Ende 2013 ein Gottesdienst im Monat in Pungelscheid und drei auf der Königsburg. Danach ist Schluss im Paulus-Gemeindehaus. Der Neuaufbau der Gemeinde Königsburg/Pungelscheid konzentriert sich auf die Kreuzkirche.

So sieht das auch Dieter Kuhlo-Schöneberg, dem die Entwicklung schwer zu schaffen gemacht hat, aber es könne nicht sein, dass das Größere für den Kleineren fallen gelassen werde. Mehr noch: Er werde für den Gesamtbezirk und für die Kreuzkirche kämpfen; zumal „es keine Ewigkeitsgarantie für eine Kirche gibt“ und – wie ein Zuhörer es formulierte – „niemand verlangen kann, dass er die Kirche vor seiner Haustür hat“.

Die jetzige Lösung sei aus seiner Sicht die Chance, für lange Zeit drei evangelische Kirchen in Werdohl zu halten, so Dieter Kuhlo-Schöneberg in seinem Beitrag, „und ich will nicht, dass in meiner Amtszeit die Kreuzkirche geschlossen wird“.

Was mit dem Gebäude an der Turmstraße geschieht – darüber gebe es im Presbyterium noch keine konkreten Vorstellungen, so Klaus Majoress. Es gebe zwar Interessenten, aber Verhandlungen seien noch nicht geführt worden.

Die Appelle zum Ausklang der Gemeindeversammlung waren eindeutig: Bei der Gestaltung der Zukunft müsse das Wohl und die Perspektive der Gemeinde gesehen werden. Es dürfe nicht „im Kleinen gedacht“ werden. Und der Superintendent mahnte, „nicht in Grabenkriege zu verfallen“. Die Glaubwürdigkeit der Evangelischen Kirche Werdohl hänge davon ab, wie mit dem Problem umgegangen werde. Die Neuorganisation tue weh, „aber wir kommen nicht darum herum“.

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