Neuhäuser: „Hatten Angst vor der Wut der Leute“

Rolf Neuhäuser (Mitte) bei seinem Einsatz während der Loveparade am Samstag in Duisburg.

WERDOHL ▪ Der Werdohler Rolf Neuhäuser (57) hatte sich auf den Samstag gefreut. Nach einem zwar anstrengenden aber erlebnisreichen und harmonischen Einsatz beim „Still-Leben“ auf der A 40 vor einer Woche sollte er nun auch als Volunteer im Rahmen der Loveparade in Duisburg zum Einsatz kommen.

Dass der Tag in einer Katastrophe mit mindestens 19 Todesopfern und weit mehr als 300 Verletzten enden sollte, konnte er nicht ahnen, als er gegen 10.30 Uhr mit 37 weiteren Kollegen die Frühschicht begann.

Gefragt hatte sich die Gruppe allerdings schon bei Dienstbeginn, „warum dieses Gelände für die Loveparade ausgesucht wurde, auf das nur ein Drittel der erwarteten Besucher passt“, aber dann übernahmen die Volunteers ihren Job: Handzettel mit wichtigen Informationen für die Besucher – etwa, was den öffentlichen Personennahverkehr anging – Ohrstöpsel und auch Kondome sollten verteilt werden. Alles verlief friedlich.

Sehr bald allerdings, so Rolf Neuhäuser, zeichnete sich für ihn und die 37 anderen Volunteer-Kollegen ab, dass der Andrang weit größer würde, als erwartet. Und damit sah sich das Team – das nicht in die Arbeit der Ordnungskräfte eingebunden und etwa zwei Kilometer vom späteren Katastrophenpunkt entfernt eingesetzt war – in einer von der Aufgabe her hoffnungslosen Situation.

Zwar herrschte nach wie vor „eine Super-Stimmung“, so Rolf Neuhäuser, „aber wir haben uns dann entschlossen, zurück zum Bahnhof und dann zum Sammelpunkt zu gehen, um die Spätschicht zu informieren, dass es keinen Sinn mehr macht, auszurücken“.

Als die Volunteers um den 57-jährigen Werdohler gegen 17 Uhr den Duisburger Bahnhof erreicht hatten, kam die über Lautsprecher verbreitete Durchsage der Polizei, dass das Festgelände wegen Überfüllung gesperrt worden sei und niemand mehr durchgelassen werde. „Wir sind dann zunächst im Bahnhofsbereich geblieben, um die Leute dort bei Laune zu halten“, berichtete Neuhäuser.

„Bei ganz vielen merkte man aber, dass sie stinkig wurden“, so der Werdohler. Die Enttäuschung sei vielen ins Gesicht geschrieben gewesen. Bedingt durch den Alkohol wurden auch Aggressionen frei. Einem der Volunteers sei beispielsweise der Karton mit den Informationskarten aus der Hand geschlagen worden.

„Wir hatten Angst vor der Wut dieser Leute“, berichtete Neuhäuser. Und dies beklemmende Gefühl verstärkte sich noch, als die Polizei schließlich auch über die im Viertel verteilten 16 Riesenlautsprecher durchgab, dass nun auch der Bahnhof selbst gesperrt sei. Von den zahlreichen Todesopfern und Verletzten wussten die Volunteers zu diesem Zeitpunkt immer noch nichts.

„Eigentlich war für uns die Schicht um 17.30 Uhr beendet“, so Neuhäuser, doch nun ergab sich die Frage, wie man zum Sammelpunkt kommen sollte. Dort stand das Auto des Werdohlers. Da machte es wenig Sinn, der Ansage zu folgen, mit einem Bus den Bahnhof Richtung Essen oder Bochum zu verlassen. Über Umwege „sind wir dann zu unserem Sammelpunkt – eine Schule – gekommen“.

Als Rolf Neuhäuser sich mit drei Kollegen aus Unna und Witten auf dem Rückweg nach Hause befand, „haben wir auf der A 59 jede Menge Sanitätsfahrzeuge gesehen“. Aber niemand wusste, was das zu bedeuten hatte. „Erst im Autoradio“, so Neuhäuser weiter, „haben wir gehört, was passiert ist, und wir konnten uns den Aufwand an Rettungskräften und die Durchsagen der Polizei erklären“. Die Nachricht sei wie ein Schlag in den Magen gewesen; „ich war fertig“, beschrieb Neuhäuser seinen Zustand. Auch am Sonntag stand er noch unter Schock, wie er gestand.

In der gesamten Phase – vom Weg zum Sammelpunkt bis zum Verlassen der Stadt – sei es nicht möglich gewesen, mit dem Handy zu telefonieren. Erst als er eine Kollegin zu Hause in Witten abgesetzt hatte, gelang es Neuhäuser, Kontakt zu seiner Frau zu bekommen, um ihr zu sagen, „dass ich okay bin“. Um 19.45 Uhr war der 57-Jährige zu Hause; der letzte der Volunteers aus seiner Gruppe gegen 21 Uhr. Erst dann erfuhren alle, welche Katastrophe sich bei der Loveparade ereignet hatte.

Rainer Kanbach

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