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Werdohl bald eine „Geisterstadt“? Neuer Leerstand in der Innenstadt

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Von: Carla Witt

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Der Frisch-Markt in unmittelbarer Nachbarschaft der Parfümerie Aurel schließt zum Jahresende. Allerdings sei nicht die wirtschaftliche Situation ausschlaggeben, berichtet Akcam Sezai, der Vater des Inhabers Furkan Sezai.
Der Frisch-Markt in unmittelbarer Nachbarschaft der Parfümerie Aurel schließt zum Jahresende. Allerdings sei nicht die wirtschaftliche Situation ausschlaggeben, berichtet Akcam Sezai, der Vater des Inhabers Furkan Sezai. © Witt, Carla

Die Werdohler Innenstadt stirbt aus: Das Lebensmittelgeschäft Frisch-Markt an der Freiheitstraße wird zum Jahresende geschlossen. In der benachbarten Parfümerie Aurel hat der Ausverkauf begonnen, künftig stehen zwei weitere Ladenlokale nebeneinander leer.

Werdohl - Allerdings habe die Geschäftsaufgabe nichts mit wirtschaftlichen Erwägungen zu tun, sagte Akcam Sezai, der Vater des Inhabers Furkan Sezai. Er habe immer wieder Ärger mit dem Ordnungsamt der Stadt Werdohl gehabt. „Ständig haben wir Strafzettel erhalten“, erklärt Akcam Sezai. Oftmals seien diese Parkknöllchen nicht gerechtfertigt gewesen. Auch mit Blick auf die Corona-Situation, beziehungsweise die Nutzung der Einkaufskörbe, habe man ihm das Leben unnötig schwer gemacht, berichtet der Vater des Geschäftsinhabers. Mit einigen Ordnungsamtsmitarbeitern könne man eben nicht vernünftig reden: „Und wir wollen uns einfach nicht mehr ärgern.“

Seinen Kunden will er noch mit Schaufenster-Aushängen informieren, warum er nach elf Jahren schließt. Darauf ist unter anderem zu lesen: „... Ich schließe Ende des Jahres. Danke Stadt Werdohl, Danke Ordnungsamts.....wenn das Ordnungsamt so weiter macht, wird Werdohl eine Geisterstadt.“

Zu Sezais Vorwürfen darf sich Ordnungsamtsleiterin Andrea Mentzel nicht äußern: „Aus datenschutzrechtlichen Gründen kann über mögliche Vorgänge, die den Werdohler Gewerbetreibenden betreffen, keine Auskunft erteilt werden.“ Allerdings heißt es in einer offiziellen Stellungnahme der Stadt: „Grundsätzlich wird festgestellt, dass die Stadt Werdohl und damit das Ordnungsamt nur die vollziehende Stelle ist und die Regelungen umzusetzen hat, die der Gesetzgeber schafft.“

Jeder Bürger könne durch das Einhalten der Regelungen verhindern, dass ihm Verwarn- und/oder Bußgelder auferlegt würden. „Werden in der derzeitigen Corona-Pandemie Vorschriften verletzt, die das Leben und die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger schützen sollen, so ist das Ordnungsamt in besonderem Maße gefordert und vom Land Nordrhein-Westfalen aufgefordert, auf die Einhaltung zu achten.“ Diesbezüglich nehme das Ordnungsamt stets immer zuerst eine aufklärende Haltung an – und ergreife erst dann das schärfere Mittel des Bußgeldverfahrens, wenn die Aufklärung nicht zur Einhaltung der Regelungen führe.

Unabhängig von den Gründen für diese Geschäftsschließung: Jeder weitere Leerstand hat zu Folge, dass noch weniger Menschen in der Stadt unterwegs sind. Besonders betroffen von der Entwicklung ist auch der Brüninghaus-Platz, der durch das WK früher gut frequentiert war.

Bäckerei Vielhaber verkürzt Öffnungszeiten

Dort ist das Fachgeschäft Blumen Fromm gerade in der Vorweihnachtszeit noch eine besondere Anlaufstelle – nicht nur für Werdohler. Doch wer nach dem Einkauf vor Ort einen Kaffee trinken oder auch nur ein Stück Kuchen zum Mitnehmen kaufen möchte, steht bei der Bäckerei Vielhaber bereits um 16 Uhr vor verschlossener Tür.

Das habe allerdings nichts mit einer möglichen Schließung zu tun, unterstreicht Geschäftsführer Eberhard Vielhaber: „Das ist keinesfalls der erste Schritt zum Rückzug aus Werdohl.“ Grund für die Entscheidung, die Bäckereifiliale wochentags bereits um 16 Uhr zu schließen, seien Personalprobleme. „Auch wir haben große Probleme damit, Personal zu finden“, sagt Vielhaber. Bedingt durch langfristige Krankheitsausfälle gebe es deshalb keinen anderen Weg, als die Öffnungszeiten in Werdohl zu reduzieren.

Sollte sich die personelle Situation wieder ändern, werde die Filiale auch wieder länger öffnen. Wann das sein wird, könne er allerdings nicht sagen.

China-Restaurant Jade: Schließung nur ein unbegründetes Gerücht

Zumindest eine positive Nachricht gibt es aber mit Blick auf die Innenstadt: Hanyan Yang, Wirtin im China-Restaurant Jade an der Freiheitstraße dementiert die Gerüchte, die Gastronomie werde zum Jahresende geschlossen. „Das stimmt nicht. Hier bei uns ist alles verhältnismäßig gut“, unterstreicht Yang. Sie könne sich nicht erklären, wie es zu dieser Fehlmeldung gekommen sei. „Vielleicht hat einfach jemand gesagt, das China-Restaurant schließt sicher auch demnächst noch; und der nächste hat es falsch verstanden und daraus eine Tatsache gemacht“, vermutet sie.

Dennoch: Die ehemals belebte Einkaufsstraße ist kaum wiederzuerkennen. Und das Interesse an Werdohler Ladenlokalen scheint sich in Grenzen zu halten. So berichtete Bürgermeister Andreas Späinghaus kürzlich im Hauptausschuss nach einer Anfrage der WBG, dass Metzgermeister Burkhard Jedowski weiterhin ausschließlich seinen Verkaufswagen betreiben und nicht in ein leer stehendes Ladenlokal umziehen wolle. Er halte Kontakt zum Inhaber der Balver Metzgerei, so Späinghaus, dieser sei mit dem Standort nach wie vor sehr zufrieden. Das Stadtoberhaupt sicherte aber zu, erneut das Gespräch mit Jedowski zu suchen.

„Dauert leider seine Zeit, bis alle Maßnahmen angelaufen sind“

Dass sich die Werdohler um ihre einst lebendige Innenstadt sorgen, kann Wirtschaftsförderer Andreas Haubrichs nachvollziehen. Er bittet aber weiterhin um Geduld. „Es dauert leider seine Zeit, bis alle Maßnahmen angelaufen sind.“ Hinter den Kulissen sei schon vieles passiert, erklärt Haubrichs. So sei die Planungsgruppe Puche, ein Stadtplanungsbüro aus dem niedersächsischen Northeim, mit der Einrichtung eines Zentralmanagements beschäftigt. Etwa 75 000 Euro werden dafür ausgegeben. Auch seien viele Gespräche mit Immobilien-Eigentümern, Mietern und anderen Beteiligten geführt worden. Im Rahmen der nächsten Sitzung des Ausschusses für Umwelt und Stadtentwicklung am Montag, 13. Dezember, solle näheres dazu berichtet werden.

Insgesamt hat die Stadt Werdohl aus dem Sofortprogramm Innenstadt des NRW-Heimatministeriums 570 000 Euro erhalten. Ziel ist, das durch die Geschäftsschließungen verödete Stadtzentrum zu revitalisieren. Aber: Eine Innenstadt, wie sie die Werdohler bisher kannten, werde es wohl trotz aller Bemühungen nicht mehr geben. „Es wird zu Veränderungen kommen“, unterstreicht Haubrichs, ohne diese allerdings näher beschreiben zu können. Denn aus seiner Sicht kann eine Wiederbelebung nur gelingen, wenn „möglichst viele Werdohler bereit sind, daran mitzuarbeiten“.

Deshalb müsse es eine Veranstaltung geben, die alle Beteiligten an einen Tisch bringen soll: Eigentümer, Einzelhändler, Dienstleister, Gastronomen – aber eben auch alle anderen Einwohner, die sich eine attraktive Innenstadt wünschen. „Die Stadt kann nicht alles alleine machen. Viele müssen ihre Ideen und Wünsche einbringen, und dann auch mitanpacken.“ Dass die Corona-Lage jetzt erneut für eine zeitliche Verzögerung sorgen könnte, hat Haubrichs im Hinterkopf. „Es wird vermutlich Februar, bis das Treffen stattfinden kann.“ Dennoch sei diese Veranstaltung sozusagen als Startschuss unbedingt erforderlich. „Dann haben wir etwas, worauf wir aufbauen können.“ Möglicherweise könne in diesem Rahmen ein neuer Arbeitskreis gebildet werden, der dann weitere Maßnahmen vorantreiben könne.

WK-Aufgabe verursacht Domino-Effekt

Seit der Schließung des WK-Warenhauses samt des dazu gehörendes Quick-Schuh-Geschäftes im Sommer 2020 sind vier Einzelhandelsgeschäfte in Werdohl geschlossen worden. Zwei weitere folgen zum Ende dieses Jahres: Das Reformhaus Hardt und das Schuh- und Sporthaus Bathe (Oktober 2020), das Modegeschäft Chica-Style (Dezember 2020) und das Schuhgeschäft Brockhaus, das ursprünglich im Oktober 2020 schließen sollte, nach dem Lockdown dann aber noch einmal bis September dieses Jahres geöffnet wurde, um Restbestände verkaufen zu können.

Der Ausverkauf der Parfümerie Aurel hat kürzlich begonnen, noch vor Weihnachten soll die Filiale in Werdohl für immer geschlossen werden. Das Lebensmittelgeschäft Frisch-Markt, in unmittelbarer Nachbarschaft der Parfümerie, ist wohl noch bis zum Jahresende geöffnet.

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