Kaum Nachfolger in Sicht

"Krasse Unterversorgung" bei Zahnärzten in Neuenrade und Werdohl

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Spielend erklärt Zahnarzt Roland Böhme aus Neuenrade den Kindern in seiner Praxis, wie es beim Zahnarzt zugeht. 

Neuenrade/Werdohl – Viele Patienten und kaum Nachfolger in Sicht: Es gibt zu wenige Zahnärzte auf der Lenneschiene, sagen Zahnärzte. Die Kassenärztliche Vereinigung sieht das entspannter.

Dr . med. dent. Roland Böhme, Zahnarzt in Neuenrade, hat im wahrsten Sinne des Wortes schon alle Hände voll zu tun. Er kann sich vor Patienten kaum retten. Böhme sagt aber angesichts des Zulaufs und der Anrufe von Schmerzpatienten: „Ich hab’ nur zwei Hände.“ Schon jetzt gibt es also offensichtlich einen Zahnärztemangel in der Region. 

Das bestätigt Dr. med. dent. Bernd Stuhldreier, Vertreter der Zahnärzte im Altkreis Lüdenscheid, zu dem auch Neuenrade gehört, ganz klar. „Es gibt eine krasse Unterversorgung in Neuenrade und auf der Lenneschiene.“ Nur durch Mehrarbeit werde die Patientenversorgung aufgefangen.

Von morgens bis abends im Einsatz

Stuhldreier selbst, Ansprechpartner der Bezirksstelle für die Zahnärzte, in der Kammer und der Kassenzahnärztlichen Vereinigung (KZV), hat seine Werdohler Praxis schon 45 Wochenstunden geöffnet.  Von Kollegen weiß er auch, dass die von morgens bis abends im Einsatz sind. 

Die Verantwortlichen der Kassenzahnärztlichen Vereinigung sehen die Probleme, die sich offensichtlich ähnlich gestalten wie bei den Hausärzten, beurteilen die Situation aber noch nicht als so akut. „Eine formale Unterversorgung existiert in Westfalen-Lippe (noch) nicht“, sagt Ann-Kathrin Kiesel, Sprecherin der KZV. 249 Ärzte gibt es insgesamt im Märkischen Kreis, was einem Versorgungsgrad von 98 Prozent entspreche. 

Aktuell gebe es sogar eine Überversorgung in Balve, wo acht Zahnärzte praktizierten. Das sind fast genauso viele wie in Werdohl. In der weitaus größeren Stadt gibt es neun Zahnärzte laut KZV. Aber: Neuenrade hat gerade einmal drei Zahnärzte. 

Situation in Balve ist besonders

Stuhldreier betont, dass die Situation in Balve eine besondere sei. In Neuenrade, Werdohl und auch Altena gebe es viel zu wenige Zahnärzte. Stuhldreier machte die Rechnung auf, dass pro Zahnarzt etwa 1200 Einwohner im Bundesschnitt bei der Versorgung gerechnet würden, mehr sei durchaus machbar aber nicht einfach. 

Insgesamt eine Situation, bei der sich die Verantwortlichen nicht entspannt zurücklehnen können. Das hat man bei der KZV erkannt, hält sich in der Wortwahl aber dezent zurück. „Für Zahnärzte in Westfalen-Lippe zeichnet sich auch ein Schrumpfungsprozess der Niedergelassenen in einigen strukturarmen Regionen ab,“ antwortet Ann-Kathrin Kiesel. Das sei auch daran erkennbar, dass dort teilweise in den vergangenen fünf Jahren keine Praxisneugründungen oder Übernahmen erfolgt seien. 

Böhme, seit weit mehr als 29 Jahren selbstständig und in Neuenrade tätig, kann das nur bestätigten, verweist auf Kollegen in Neuenrade, Werdohl oder Plettenberg, die aufgehört hätten – zum Teil, ohne einen Nachfolger zu finden. Böhme, der sich langsam in Richtung Pensionsalter bewegt, hat sich auch schon mit seiner Nachfolge befasst. Früher habe er damit gerechnet, dass er die Praxis verkaufen kann. Er kann gute Zahlen vorweisen. 

Suche nach Nachfolgern für Landzahnarztpraxen ist schwierig

Aber: Der Berater sagte, dass ein Verkauf in Münster kein Problem wäre – aber eben auf dem Land wohl schon. Böhme jedenfalls hofft, dass er irgendwann einen Nachfolger findet. Er hat auch ein persönliches Interesse, dass es weitergeht. Die Suche nach Nachfolgern für Landzahnarztpraxen gestaltet sich nicht einfach.

Auch bei der Zahnmedizin gibt es offenbar eine gewisse Feminisierung – ähnlich wie beim Studium der Humanmedizin. Sehr viele Frauen gibt es, die Zahnmedizin studieren und kein Interesse daran haben, selbstständig und allein in einer Praxis zu arbeiten. Dass sie lieber als Angestellte arbeiten – wegen der besseren Work-Life-Balance – gilt inzwischen als üblich. 

Dr. Böhme sagt zudem, dass junge Zahnmediziner ungern aufs Land gehen. „Die siedeln sich lieber in Ballungsräumen an“. Zudem benötige man für eine Praxisneugründung 500 000 Euro – nach aktuellem Stand. Das wolle sich auch nicht unbedingt jeder ans Bein binden. Es werde sicher schwierig, wenn sich keine Nachfolger fänden. Böhme macht sich Sorgen. 

Familie und Praxis in Einklang bringen

Wie brandaktuell das Thema ist, zeigt die Klaviatur an Maßnahmen, welche die Kassenzahnärztliche Vereinigung laut Abteilungsleiterin Ann-Kathrin Kiesel angestoßen hat. Die Vereinigung arbeitet mit der Zahnärztekammer zusammen an einem umfangreichen Konzept, für welches 2018 eigens eine Stelle bei der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe eingerichtet wurde. Dort würden Konzepte und Modelle erarbeitet, die langfristig den Versorgungsauftrag sicherstellen sollen. 

Zeitgleich erhalten Praxisgründer und Praxisabgeber Seminare und Schulungen – so sollen diese Parteien zusammengeführt werden. Auch speziell ein Zahnärztinnentag wird im Mai angeboten, um aufzuzeigen, dass Familie und Praxis in Einklang zu bringen seien. 

Auch mit Universitäten werde kooperiert. Mit der Westfälischen Wilhelmuniversität und der Uni Witten haben Zahnärztekammer und Kassenzahnärztliche Vereinigung die Famulatur eingeführt. Dieses Angebot für die Vermittlung von Famulaturen, einer Art Praktikum für Zahnmedizinstudenten, diene dazu, „die Vorteile einer Niederlassung insgesamt“, besonders jedoch in schlechter versorgten Gegenden Westfalen-Lippes, aufzuzeigen. Durch die Famulatur soll den Studenten auch eine Ergänzung ihrer Ausbildung geboten und der zahnärztliche Berufsalltag sichtbar werden. 

Überbordende Bürokratie sei abzubauen

Zahnarzt Stuhldreier hält Famulaturen für ein gutes Angebot, allerdings reichten diese nicht aus. Er rechnet vor, dass sich nur zehn Prozent der Studenten dafür interessierten, seinerseits würden 400 Zahnärzte aus der Provinz um die Studenten konkurrieren. 

Stuhldreier hält noch andere Maßnahmen für sinnvoll: Den Landarztplan von Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann auf Zahnmedizin erweitern, einschließlich der Quasi-Abschaffung des Numerus Clausus, damit mehr und engagierte Zahnmediziner aufs Land kommen. Auch die Anwerbung von Zahnärzten aus dem EU- und Nicht-EU-Ausland hält er für angemessen. Überbordende Bürokratie sei abzubauen, sie sei zudem ein Hindernis. 

Dr. Roland Böhme sieht auch bedenkliche Entwicklungen in Deutschland: Im Zuge der problematischen Nachfolgesuche gebe es gar Kaffeeröstereien oder ausländische Firmen, die gut gehende Praxen in ihr Portfolio aufnehmen würden. „Die zahlen entsprechende Gehälter, und die Zahnärzte müssen entsprechenden Umsatz bringen“.

Von Peter von der Beck

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