Mehr Platz für die Flüsse

Neue Überschwemmungsgebiete geplant ‒ mit Folgen für Grundstückseigentümer

Hochwasser im März 1981: Die Lenne passt so gerade noch unter der Stadtbrücke und der Vosslohbrücke hindurch, die Wassermassen dringen bis in ins Alte Dorf und den „Sand“ vor.
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Hochwasser im März 1981: Die Lenne passt so gerade noch unter der Stadtbrücke und der Vosslohbrücke hindurch, die Wassermassen dringen bis in ins Alte Dorf und den „Sand“ vor.

Wer ein Grundstück an der Goethestraße oder am Grasacker hat, sollte sich dringend mit dem Entwurf einer neuen Verordnung der Bezirksregierung beschäftigen. Auch Grundstückseigentümer an der Altenaer Straße, im Alten Dorf und an der Gildestraße sowie im Versetal sind betroffen. In der Verordnung geht es um die Festsetzung von Überschwemmungsgebieten (ÜSG) an Lenne und Verse.

Werdohl ‒ „Das hat unmittelbare Auswirkungen für alle, die Grundstücke auf den markierten Flächen haben“, sagt Thomas Schroeder, im Rathaus für die städtebauliche Entwicklung zuständiger Abteilungsleiter. Er spricht auch von „weitreichenden Einschränkungen für zukünftige Projekte“ und „Eingriffen ins Eigentumsrecht“.

Bisher galten die Teile der Innenstadt, die vom sogenannten 100-jährlichen Hochwasser (HQ 100) betroffen werden, formal als „hochwassergefährdete Bereiche“. Diese Definition kennt die geplante Neufassung der Verordnung nicht mehr. Stattdessen sollen diese Bereiche als Überschwemmungsgebiete ausgewiesen werden.

Für Grundstückseigentümer dürfte das nicht folgenlos bleiben. Anna Carla Springob aus der Presseabteilung der Bezirksregierung Arnsberg nennt Einzelheiten: Die Ausweisung von Baugebieten, die Errichtung oder Erweiterung baulicher Anlagen und sogar das Anlegen von Baum- und Strauchpflanzungen sind in Überschwemmungsgebieten zunächst einmal verboten. „Es können aber Ausnahmen beantragt werden“, betont Springob. Allerdings entscheidet dann die Untere Wasserbehörde und damit der Märkische Kreis darüber, ob beispielsweise an der Straße Am Kollhahn eine Hecke gepflanzt oder an der Freiheitstraße ein Gartenhäuschen gebaut werden darf.

Teilweise überfluteter Parkplatz an der Goethestraße. Im November 2015 war die Lenne wieder einmal über die Ufer getreten.

2003 wurden erstmals ÜSG im Lennetal definiert – damals mit der Maßgabe, dass die Pläne nach 20 Jahren anzupassen seien. Genau das passiert jetzt. Das hat nicht nur für die Innenstadt Folgen: Erstmals werden einige Nebenflüsse der Lenne als „Risikogewässer“ ausgewiesen, darunter auch die Verse. Und vor allem an der Lenne – aber auch an der Verse – werden auch solche Flächen als ÜSG ausgewiesen, die sich gut für betriebliche Entwicklungen eignen würden. Das betrifft vor allem Gewerbegrundstücke am Kettling und an der Schlacht.

„Baurecht wird ausgehebelt“

Aus Sicht von Thomas Schroeder sind von der geplanten neuen Verordnung bestehende Bebauungspläne betroffen. „Das Baurecht wird damit praktisch ausgehebelt“, findet er. Doch nicht nur für private und gewerbliche Bauvorhaben gäbe es Einschränkungen, würde der Verordnungsentwurf Wirklichkeit. Auch Vorhaben der Stadt wären gefährdet. Für vorgesehene Anpflanzung neuer Bäume am Lennebogen beispielweise benötigte die Stadt dann eine Ausnahmegenehmigung der Unteren Wasserbehörde. „Und das geplante Toilettenhäuschen an den Kletterfelsen wäre auch nicht mehr ohne Weiteres möglich“, hat Schroeder schon herausgefunden. Weil er mit diesen und weiteren Einschränkungen für die städtebauliche Entwicklung rechnet, hat der Abteilungsleiter bereits eine entsprechende Stellungnahme der Stadt Werdohl angekündigt.

Aber müssen denn überhaupt Überschwemmungsgebiete neu festgelegt werden? War nicht früher mehr Hochwasser? Den Eindruck könnte man gewinnen, wenn man sich die Jahresganglinie des für Werdohl maßgeblichen Lenne-Pegels Rönkhausen für 2020 anschaut: Der „Informationswert 1“ von 1,90 Meter – dann beginnt der Fluss über die Ufer zu treten – wurde gerade mal an sechs Tagen im Februar und März überschritten. Die gefährlichere „Informationsstufe 2“, die bei 3,90 Meter erreicht ist, wurde 2020 nicht annähernd erreicht. In den sogenannten „Trog“, die tiefste Stelle der Derwentsider Straße unter der Stadtbrücke, fließt die Lenne übrigens, ab einem Pegelstand von 2,70 Meter.

Hochwasser früher häufiger und heftiger

Früher waren Hochwasserereignisse zweifellos häufiger und heftiger, wie ein Blick ins Jahr 1925 zeigt. Ältere Werdohler erinnern sich vielleicht auch noch an das Neujahrshochwasser 1987, als man auf der Derwentsider Straße Boot fahren und sogar surfen konnte – und von dieser Möglichkeit auch Gebrauch machte. Auch im Dezember 1979 und im März 1981 gab es durchaus folgenreiche Hochwasser. Insgesamt ist die Gefahr in Werdohl aber zurückgegangen, nicht zuletzt durch die innerstädtische Verrohrung der Soppe in den 1960er-Jahren.

Grundsätzlich ist es gut, Retentionsflächen zu erhalten.

Thomas Schroeder, Abteilungsleiter im Werdohler Rathaus

Uwe Jansen, der sich beim Hochwasserwarndienst der Bezirksregierung seit vielen Jahren mit der Lenne und ihren Pegelständen beschäftigt, bestätigt: In den vergangenen drei Jahren habe es praktisch keine nennenswerten Hochwasser mehr gegeben. „Ich bin darüber nicht wirklich traurig“, sagt er. Schließlich sei ein echtes Hochwasser auch für den Hochwasserwarndienst mit viel Arbeit verbunden, weil dann Tag und Nacht Pegelstände und Wetterkarte beobachtet werden müssen, um mit der Leitwarte des Ruhrverbandes festzulegen, wie viel Wasser die Biggetalsperre zurückhalten muss.

Neujahrshochwasser in Werdohl 1987: Die Werdohler nehmen es humorvoll und lassen sich im Ruder- oder Schlauchboot auf den Fluten treiben.

Ist die auffällig geringe Wasserführung der Lenne in den vergangenen Jahren eine Auswirkung des Klimawandels? Noch sei es zu früh, das zu beurteilen, meint Jansen. „Ich kann noch nicht abschätzen, ob es sich um einen langfristigen Trend handelt.“ Zu denken gibt ihm allerdings eine „Überregnung“ im Dezember 2020 – ein kräftiges Tiefdruckgebiet brachte kurz vor Weihnachten erhebliche Niederschläge mit sich. Auf den Wasserstand der Lenne habe das deutlich geringere Auswirkungen gehabt als eigentlich zu erwarten gewesen wäre, sagt Jansen. Er geht davon aus, dass die Böden nach drei extrem trockenen Jahren deutlich mehr Wasser aufnehmen können als normal. Entwarnung könne aber noch nicht gegeben werden, meint Jansen. Der Klimawandel könne nämlich auch zur Folge haben, dass es mehr Starkregenereignisse gibt, die zu seinem sprunghaften Anstieg der Wasserstände führen könnten. Hochwasserschutz bleibe deshalb ein wichtiges Thema, auch und gerade an der Lenne.

Finanzielle Folgen für Werdohl

Mindestens genauso wichtiger wie die Ausweisung von Überschwemmungsgebieten ist deshalb der Hochwasseraktionsplan, der für die Lenne im Jahr 2001 veröffentlicht wurde. Der Aktionsplan beschäftigt sich auch mit den finanziellen Folgen von Hochwassern. Ein HQ 100 würde demnach in Werdohl Schäden in Höhe von 2,6 Millionen Euro anrichten – viel mehr als beispielsweise in Altena (1,2 Millionen Euro). Das liegt in erster Linie daran, dass in Werdohl mit Überflutungen von Gewerbegebieten wie zum Beispiel Dresel zu rechnen ist.

Abteilungsleiter Schroeder will die Gefahr von Hochwasser keineswegs herunterspielen. „Grundsätzlich ist es gut, Retentionsflächen zu erhalten“, sieht er ein, dass Flüsse Raum brauchen, um sich gegebenenfalls ausdehnen zu können. Die Städte bräuchten aber auch Entwicklungsmöglichkeiten, gibt er zu bedenken.

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