Spitzentechnologie statt Guss-Ära

Nach Werksschließung: So geht es bei Georg Fischer in Werdohl weiter

Georg Fischer in Werdohl: Ein bewegender Moment: Am 25. September wurde in der Alugießerei von Georg Fischer das allerletzte Teil aus der Maschine 32/1 Baujahr 1974 genommen. Dr. Michael Hagemann, Leiter der GF-Geschäftseinheit Leichtmetall Europa/USA, bedankte sich bei der Belegschaft und den bis zuletzt treuen Gießern. Weil damit eine Ära endete, steht dieses letzte Gussteil bald im Showroom der Konzernzentrale in der Schweiz.
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Ein bewegender Moment: Am 25. September wurde in der Alugießerei von Georg Fischer das allerletzte Teil aus der Maschine 32/1 Baujahr 1974 genommen. Dr. Michael Hagemann, Leiter der GF-Geschäftseinheit Leichtmetall Europa/USA, bedankte sich bei der Belegschaft und den bis zuletzt treuen Gießern. Weil damit eine Ära endete, steht dieses letzte Gussteil bald im Showroom der Konzernzentrale in der Schweiz.

Der Gang durch die verwaisten Hallen am Bahnhof in Werdohl stimmt traurig. Rund 60 Jahre wurde hier Aluminium gegossen. Das war immer laut, heiß und anstrengend. Bis zum letzten Tag standen die Gießer ihren Mann, gingen stolz zur Arbeit. Seit Ende September ist Schluss mit dem Alu-Guss.

Viele Maschinen sind abgebaut. Der Schweizer Konzern GF sah keine wirtschaftliche Basis mehr für das Werdohler Werk, rund 350 Menschen verloren ihre Arbeit. Die Zukunft leuchtet an anderer Stelle: Das Werk II an der Schlacht hat Georg Fischer mit Spitzentechnologie und Robotern ausgerüstet, hier wird ein Beitrag zur E-Mobilität geleistet.

Der 25. September 2020 war ein bewegender Moment für die letzten Alugießer bei Georg Fischer in Werdohl. Udo Chylka nahm aus der Maschine 32/1 – Baujahr 1974 – das definitiv letzte Gussteil heraus und verabschiedete sich damit in den Ruhestand. Eine Ära ging zu Ende. Millionen von Motorblöcken für deutsche Autos wurden hier gegossen. Dr. Michael Hagemann aus der Schweizer Konzernzentrale bedankte sich bei den Männern, die trotz persönlicher beruflicher Ungewissheit bis zuletzt den Betrieb aufrecht gehalten hatten. Die Geschäftsführung in Schaffhausen kaufte der Werdohler Niederlassung dieses letzte Gussteil ab und spendete den Betrag an die Kindernothilfe. Das glänzende Getriebegehäuse soll fortan im Showroom der Georg Fischer AG ausgestellt werden.

Wochenweise aus der Schweiz an die Lenne

Georg Neuschütz hat die Gießerei in Werdohl abgewickelt. Wochenweise war der gebürtige Kölner und jetzige Wahl-Schweizer an der Lenne, um die Auflösung des Standortes zu regeln. Neuschütz gehört zur GF-Geschäftsführung und ist der Stellvertreter von Carlos Vasto, der den Bereich „Casting Solutions“ verantwortet.

Neuschütz berichtet mit bemerkenswerter Bescheidenheit von einer Unternehmenskultur bei GF, die bei internationalen Konzernen nicht zwangsläufig zu finden ist. Ähnlich positiv hatte sich auch Bilal Karakilic, der Betriebsratsvorsitzende, über die Verhandlungen mit der Geschäftsführung geäußert. Als Mitte 2019 klar wurde, dass die Gießerei in Werdohl aus wirtschaftlichen Gründen aufgelöst und teilweise verlagert werden sollte, kochten allerdings erst mal die Gefühle hoch.

Konzept zur Weiterführung nicht weiter

Der Betriebsrat legte im Januar ein Konzept zur Weiterführung vor, doch das wurde vom Konzern nicht weiter verfolgt. Neuschütz: „Der Rettungsplan rettete nicht. Das war eine Enttäuschung für alle Beteiligten.“ Mit einem großzügigen Sozialplan trennte sich das Unternehmen von Mitarbeitern. Karakilic und sein Stellvertreter Marius Chylka zeigten sich Mitte des Jahres erfolgreich: „Wir haben das Maximum für unsere Leute rausgeholt.“ Nach anfänglichen Auseinandersetzungen waren Unternehmensführung in Schaffhausen und Werdohler Betriebsrat zu einem guten Miteinander gekommen.

Die Bearbeitungsstraße im GF-Werk an der Schlacht kommt mir nur acht Beschäftigten pro Schicht aus. Die Anlage ist auf dem allerneuesten Stand der Technik: „State of the Art“, wie die Firmenleitung sagt.

In beiden Werdohler Werken waren rund 450 Personen beschäftigt, knapp 100 bleiben jetzt am Standort Schlacht. Inklusive Leiharbeiter verloren etwa 350 Menschen ihren Job bei Georg Fischer.

Wertschätzung der Geschäftsführung gegenüber den Mitarbeitern

Neuschütz’ Arbeit in Werdohl war nicht leicht: „Meine Aufgabe war, hier die Schließung zu betreuen.“ Die Wertschätzung der Schweizer Geschäftsführung gegenüber diesen 350 Menschen aus dem Sauerland ist hoch: „Wir haben uns mit Respekt getrennt, das gehört sich doch so.“ Die Gießer hätten bis zum Schluss eine hohe Arbeitsmoral bewiesen. Ende September war die Produktion beendet, Ende Oktober wurde das letzte Teil aus Werdohl an die Kunden ausgeliefert. Neuschütz: „Gießer haben ihren Stolz.“ Der ganzen Mannschaft gelte Dank und Respekt.

Das Werk in Werdohl sei trotz mehrjähriger Bemühungen einfach nicht mehr zu halten gewesen, spricht Neuschütz für die Geschäftsführung. Gießereien hätten hohe Strukturkosten für Energie und Personal, das Wettbewerbsumfeld ziehe nach Osteuropa. Neuschütz: „Dem können wir uns nicht entziehen.“ GF betreibt selbst Werke in Rumänien. Die Produktion sei dort kostengünstiger, die Qualität der Produkte aber dieselbe.

Hallen werden bis Mitte 2021 komplett geräumt

Die Hallen am Bahnhof werden bis Mitte kommenden Jahres komplett geräumt, dann gehen auch die letzten Maschinen in den Verkauf oder in die Werke in Rumänien und Österreich. Ein Sicherheitsdienst wird Gebäude und Gelände überwachen. Die komplette Liegenschaft steht bereits zum Verkauf. Neuschütz: „Wir führen schon Gespräche und sind zuversichtlich.“ Ein Verkauf des 30 000 Quadratmeter großen Grundstücks mitsamt der Hallen zu Ende 2021 sei realistisch.

Die Verlagerung aus der laufenden Produktion heraus sei eine große Herausforderung gewesen, so Neuschütz. So verkauft GF Gehäuse für Motoren und Getriebe an die Automobilindustrie, die nur wenig Toleranz gegenüber den Zulieferern zeigt. In Werdohl wurde vor allem ein 8-Gang-Automatgetriebe für ZF gegossen, das bei vielen Fahrzeugherstellern verbaut wird. Neuschütz hat nach 15 Jahren in der Schweiz schon eine gewisse Bedächtigkeit in der Stimme: „Die Lieferkette ist sehr stramm, sehr eng getaktet.“ Letztlich sei das „große Jonglierspiel“ zwischen wechselnden Produktionsstandorten und den Kunden gelungen. Neuschütz ist dankbar: „Dazu gehört ein großes Team.“

Die Zukunft von Georg Fischer ist Werk II an der Schlacht

An anderer Stelle in Werdohl, im Werk II an der Schlacht, ist stattdessen die Zukunft zu besichtigen. Seit 2011 werden dort Gehäuse weiterverarbeitet: Stahlbuchsen werden eingepresst, Bohrungen platziert, Flansche und Deckel angesetzt, Dichtungen verklebt. Im Jahr 2017 wurde der Bau erweitert und die Anlage ab 2018 über zwei Jahre optimiert. Der Endausbau ist in diesen Tagen erreicht worden. Trotz der vollautomatischen Roboterstraße sind heute knapp 100 Menschen an der Schlacht beschäftigt. Einige Gießer fanden dort neue Arbeit.

Trotz aller Automatisierung müssen an den Elektromotorengehäusen noch Arbeiten von Hand vorgenommen werden.

Den Aufbau und die Optimierung der Verarbeitungsstraße leitete Roger Kupferschmid. Der Schweizer zeigt die hochmoderne Anlage gerne vor. Hier erinnert nichts an die harte und heiße Arbeit, mit der flüssiges Alu in die Formen gepresst wurde. Drei Roboter greifen leise die angelieferten Gehäuse und transportieren sie zwischen 15 vollautomatischen Bearbeitungszentren. Hier werden Gehäuse für Elektromotoren für den Audi E-Tron verarbeitet. Die Teile gehen zunächst nach Györ in Ungarn, das eigentliche Auto wird in Brüssel gebaut.

Maschinen übernehmen Großteil der Arbeitsschritte

Die meisten Arbeitsschritte werden durch Maschinen geleistet, manche Feinarbeit wird aber von Menschen gemacht. Zum Beispiel ist es technisch zu aufwendig und zu teuer, besonders feine Dichtungsringe per Maschine in die Gehäuse zu bringen. Da ist noch präzise Handarbeit angesagt.

Die Fertigung ist lange etabliert, 200 000 Stücke verlassen pro Jahr das Werk. Besonders stolz sind die Schaffhausener auf die gerade eben geglückte Vertragsverlängerung mit dem Hersteller ZF. Das sichere den Betrieb in Werdohl für viele Jahre.

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