Nach 38 Jahren: Die "Mutter Teresa" von Werdohl geht in den Ruhestand

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Bodo Schmidt während einer Ratssitzung im Jahre 2015: Das Foto ist typisch für den Werdohler Fachbereichsleiter für Soziales, Jugend und Ordnung. Fachbereiche wird es ab dem kommenden Jahr nicht mehr geben, seine Stelle als Leitung der Sozialabteilung – früher hieß das Sozialamt – wird ausgeschrieben und wiederbesetzt

Werdohl – Bodo Schmidt ist ein durch und durch sozialer Mensch. Der Fachbereichsleiter für Soziales, Jugend und Ordnung geht Ende des Jahres in Ruhestand, bei einer Rathaus-internen Typisierung der Führungskräfte bekam er vor einiger Zeit das Prädikat „Mutter Teresa“.

Bis zum Jahresende ist er krankgeschrieben, über seine 38 Dienstjahre bei der Stadt sprach er bei Kaffee und Plätzchen in seinem Haus in Pungelscheid. Auffallend viele Familienfotos zieren den Raum: Das Ehepaar Schmidt hat tatsächlich sieben Kinder. 

Es gibt noch mehr Besonderheiten in Schmidts Leben: Er wurde am 24. Dezember 1954 in Werdohl geboren, an Heiligabend 2019 wird er 65 und geht in Pension. Sein Berufsleben begann er als Zeitsoldat der Bundeswehr. Seinen Fachoberschulabschluss hatte er in Altena gemacht, nach acht Jahren beim Bund und einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann bei der Firma Meschede & Co. in Werdohl bewarb er sich für den gehobenen Dienst bei der öffentlichen Verwaltung. Zeitgleich hatte er Zusagen vom Märkischen Kreis und von der Stadt Werdohl, er entschied sich für seine Heimatstadt. Zu Beginn seiner Ausbildung am 1. November 1981 war er 27 Jahre alt und hatte schon drei Kinder. 

Als Inspektoranwärter begonnen

Schmidt begann als Inspektoranwärter, nach seiner Ausbildung wurde er 1984 als Beamter übernommen. Die ersten Dienstjahre führten ihn ins Bauordnungsamt. „Sehr spannende Zeit“, meint er heute. Damals seien die Baugebiete Becke und Riesei entstanden, im Kraftwerk Elverlingsen sei die Rauchgasentschwefelung gebaut worden. Ganz so spannend schien es aber doch nicht gewesen zu sein, denn von der Bauordnung wechselte Schmidt ins Sozialamt. 

„Niemals“, so habe er zuvor seinen Kollegen versichert, werde er im Sozialbereich arbeiten. Mit der Erfahrung von 38 Jahren in der öffentlichen Verwaltung lacht Schmidt heute darüber: „Entweder ist man da schnell wieder weg oder man bleibt auf Dauer.“ Bei ihm wurde das Sozialamt zum Dauerzustand – als er 1989 in diese Abteilung im Rathaus wechselte, die zu der Zeit noch laufende Hilfe zum Lebensunterhalt auszahlte. „Ab da hat es mich bis heute nicht mehr losgelassen“, erzählt Schmidt. 

Mehr Verantwortung nach Verwaltungsreform

Irgendwann wurde er Sozialamtsleiter, nach der Verwaltungsreform durch Bürgermeister Bora bekam er auch noch die Verantwortung für die drei Abteilungen Soziales und Wohnen, Ordnung und Einwohnerwesen sowie Jugend übertragen. 

Bodo Schmidt ist bis zur Pensionierung im Dezember krankgeschrieben

Als ganz besonders einschneidend in die Arbeit des damaligen Sozialamtes fiel die Umstellung von der klassischen Sozialhilfe auf die Bezüge nach Hartz IV im Jahre 2005. Bis dahin waren die Menschen direkt ins Sozialamt gekommen, hatten vor den Schreibtischen der Mitarbeiter gestanden und ihre Not geschildert. Der Umstieg auf Hartz IV und der Wechsel der Zuständigkeit zum Jobcenter beim Märkischen Kreis war „eine raschelige Angelegenheit“, erinnert sich Schmidt. Kunden und Mitarbeiter wechselten, übrig blieben die dauerhaft erwerbsunfähigen Personen und diejenigen, für die es trotz Rente nicht zum Leben reicht. Das sind heute hauptsächlich Frauen mit einer Rente unter dem Grundeinkommenssatz. 

Auch skurrile Erinnerungen

Schmidt hat auch skurrile Erinnerungen an seine Aufgaben im Sozialamt. 1987 gab es den so genannten „Butterberg“, Überproduktionen aus europäischen Ländern. Bedürftige Familien konnten sich EG-Butter im Rathaus abholen. Schmidt: „Ich war mit meinen vielen Kindern damals selbst berechtigt, kiloweise Butter mit nach Hause zu nehmen.“ 

Eine schwierige Aufgabe sei es später gewesen, die Flüchtlinge aus dem Balkankrieg in Werdohl unterzubringen. „Das war eine Wahnsinnsherausforderung, gar kein Vergleich mit der Ankunft der Syrer vor ein paar Jahren“, sagt er. Halb Elverlingsen sei angemietet worden, Menschen in den alten Schulen in Eveking und in Kleinhammer untergebracht worden. Kroaten, Serben, Bosnier, Albaner, Montenegriner seien gekommen. „Alle, die sich auf dem Balkan gegenseitig umgebracht haben, saßen hier in Werdohl friedlich zusammen.“ Das Verständnis der Bevölkerung, diese Menschen aufzunehmen, sei groß gewesen. Schmidt: „Die Werdohler waren damals wesentlich entspannter als heute.“ Zu den schlimmsten Situationen in seinem Berufsleben sei es gekommen, als Rat und Verwaltung beschlossen, das Übergangsheim Deipschlade für alleinstehende syrische Männer zu öffnen. Dazu ist es bis heute nicht gekommen, aber die ablehnende Haltung vieler Werdohler ist Schmidt noch gut in Erinnerung. Die Stimmung in der Stadt habe sich grundlegend verändert, immer mehr Menschen würden laut und unsachlich. Schmidt macht aus seiner Haltung keinen Hehl: „Niemandem geht es schlechter, seit die Flüchtlinge bei uns sind. Niemand muss verzichten.“ 

"Sehr enttäuscht" über Integrationsbemühungen

„Sehr enttäuscht“ sei er von den Bemühungen um Integration türkischstämmiger Werdohler: „Traurig, dass wir da nicht mehr erreichen konnten.“ Mittlerweile habe er aufgegeben: „Fast genau so wie früher gibt es ein Nebeneinander, aber kein Miteinander.“ 

In seinen 38 Jahre Berufsjahren habe er einiges erreichen können. Das Jugendamt in Werdohl erhalten zu können, freue ihn sehr. Die Nähe der Mitarbeiterinnen im Ort zu den Familien sei sehr wichtig. Die Kindergärten in Werdohl seien sehr gut aufgestellt: „Wir müssen keine Eltern abweisen.“ Ein klein wenig stolz ist er darauf, schon früh mit Kräften aus dem Bereich der gemeinnützigen Arbeit die Lennepromenade für Werdohl aktiviert zu haben: „Die Balkan-Flüchtlinge haben jedes Jahr den Knöterich runtergeschnitten.“ 

Verantwortung immer ernst genommen

Seine berufliche und persönliche Verantwortung für alle Einwohner habe er immer sehr ernst genommen, schließlich habe seine Arbeit stets direkte Konsequenzen für die Menschen gehabt. In diesem Zusammenhang spricht er seiner Dienstherrin seine Hochachtung aus: „Die letzten Berufsjahre mit Frau Voßloh haben mir sehr gut getan.“

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