Nach 48 Jahren: Der mächtigste Mann der Werdohler Verwaltung geht

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Michael Grabs kann man nicht nur aufgrund dieses Fotos als „graue Eminenz“ bezeichnen. Seit dem Jahr 2009 hat er ausnahmslos alle wesentlichen Entwicklungen der Stadt Werdohl mitgestaltet. Bald geht er nach 48 Jahren Dienst bei der Stadt in Rente.

Werdohl – Kein Thema in der Verwaltung, von dem er nichts weiß. Keine Frage an die Stadt, auf die er keine Antwort hatte. Keine Entscheidung, an der er nicht beteiligt war. So eine Bedeutung auf einer Funktionsstelle in der Stadtverwaltung wird in naher Zukunft erst einmal niemand mehr erreichen.

Fachbereichsleiter, Allgemeiner Bürgermeister-Vertreter, stellvertretender Kämmerer und Personalchef – Michael Grabs, mächtigster Mann der Verwaltung, geht im Frühjahr kommenden Jahres in Rente. 

„Ich gehe mit dem Winter“, kann er den genauen Zeitpunkt seines letzten Arbeitstages nicht bestimmen. Dieser Tage ist es im Rathaus bekannt geworden, dass der 63-Jährige nach 48 Dienstjahren in den Ruhestand wechseln möchte. Grabs ist Angestellter und kein Beamter, er wird eine Rente beziehen und keine Pension. 

Nie einer Partei angehört

Öffentliche Auftritte mag er nicht, Repräsentation ist nicht sein Ding. Einer Partei hat er nie angehört. Nur einmal, 2014, kam er in konkrete Versuchung, über das höchste Amt in der Stadt nachzudenken. Bürgermeister Siegfried Griebsch trat aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr an, eine Zeit lang sah es so aus, dass es keine ernst zu nehmenden Kandidaten gab. Dann nominierte die SPD Matthias Wershoven und die CDU Silvia Voßloh. Die Stichwahl gewann bekanntermaßen die Christdemokratin, die aktuell seine einzige Vorgesetzte ist. Grabs heute zur Wahl 2014: „Gut, dass die beiden großen politischen Parteien Kandidaten hatten...“ 

Ambitionen auf öffentliche Auftritte habe er nie verspürt, einen gewissen Drang zu Steuerung und Leitung lässt er sich nicht absprechen. An Selbstbewusstsein, gestützt durch ein sagenhaftes Fachwissen und untermauert durch ein Elefantengedächtnis, hat es ihm nie gemangelt. 

Einzigartige Karriere

Seine Karriere in der Stadtverwaltung ist tatsächlich einzigartig: Mit 15 begann er eine Lehre als Verwaltungsangestellter, mit 63 hört er als Allgemeiner Stellvertreter der Bürgermeisterin auf. 48 Dienstjahre an einem Stück bei einem Arbeitgeber – allzu viele schaffen das nicht. 

Die ersten 20 Jahre arbeitete Grabs bei der Stadtkasse. Damals gab es noch keine elektronische Datenverarbeitung, also war noch viel Personal nötig. Offensichtlich war er gut in seinem Job, schließlich wurde er Leiter der Stadtkasse, sein Vorgänger trug noch den Titel „Rentmeister“. Von der Kasse wechselte er das Fachgebiet und ging ins Sozialamt. Zehn Jahre kam er mit dem Teil der Werdohler Bevölkerung in Kontakt, der auf öffentliche Hilfe angewiesen war. 

Großer Einschnitt im Jahr 2000

Einen großen Einschnitt gab es im Jahre 2000. Die Amtsleitungen wurden abgeschafft, die Struktur wurde auf Fachbereiche umgestellt. Zu diesem Zeitpunkt nahm Grabs’ Einfluss deutlich zu. Durch die Umstrukturierung wurde er als Fachbereichsleiter Soziales zu einem von damals noch drei Allgemeinen Vertretern des Bürgermeisters. Dieses Amt bekleidete seit 1999 Manfred Wolf. 

Im April 2009 kam der nächste, sicher noch größere Einschnitt. Kurz vor dem Ende der Amtszeit von Bürgermeister Jörg Bora (der sich der Wahl Ende 2009 erst gar nicht mehr stellte) wurde die Verwaltung komplett umgekrempelt. Eine Verwaltungsreform ordnete die Abteilungen unterhalb der Fachbereichsebenen neu. Gut die Hälfte aller Mitarbeiter wurde innerhalb der Verwaltung umgesetzt. Michael Grabs wurde Personalchef und führte sämtliche Gespräche. Zudem wurde er Leiter des Fachbereichs I mit sämtlichen Steuerungsmöglichkeiten und alleiniger Allgemeiner Vertreter des Bürgermeisters. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren mit den Veränderungen nicht glücklich, vieles wurde nicht nur Bora angelastet. Es waren schwierige Zeiten, Bora focht mit einzelnen Mitarbeitern sogar vor Gericht. Ruhe ins Rathaus kehrte erst im September 2009 ein, als Siegfried Griebsch zum Bürgermeister gewählt wurde. Der Werdohler Sozialdemokrat war bis zu seiner Wahl bei der Stadt Plettenberg beschäftigt gewesen, Grabs und Griebsch pflegten ein kollegiales Verhältnis. 

Stärkungspakt einschneidend

Als das bestimmende Thema seiner Laufbahn sieht Grabs die Finanzen an. Der Wechsel von der Kameralistik zum Neuen Kommunalen Finanzmanagement bedeutete die größte Veränderung für die Denk- und Arbeitsweise der öffentlichen Verwaltung. Einschneidend war für ihn der Beitritt Werdohls zum Stärkungspakt im Jahre 2012. Damit sei es gelungen, aus der ständig steigenden Verschuldungsspirale herauszukommen. 

Und der von ihm mitgestaltete Schulentscheid für die Gesamtschule? Grabs macht keinen Hehl aus seiner Meinung: „Ich habe die jetzige Lösung immer für die vernünftigste gehalten.“ Damit verbinde er keine Wertung, sondern er sehe eine „Knappheitsentscheidung“. So spricht letztlich ein von Sachzwängen geleiteter Verwaltungsmensch und kein von Wählergunst getriebener Politiker.

Vita Michael Grabs

Michael Grabs wurde 1956 in Altena geboren, als Kind kam er mit seinen Eltern nach Werdohl, wo er bis heute lebt. Als 15-Jähriger begann er 1971 seine Ausbildung zum Verwaltungsangestellten bei der Stadt Werdohl. Bis Anfang der 1990er-Jahre arbeitete er in der damals noch großen Stadtkasse, wurde auch deren Leiter. Von der Kasse wechselte er in das damalige Sozialamt und wurde dessen Leiter. Im Jahre 2000 wurde die Ämter-Struktur abgeschafft und in Fachbereiche verwandelt. Grabs wurde damit 2000 zum Fachbereichsleiter Soziales. Bis 2009 kamen die Fachbereiche Wohnen und Jugend dazu. Von 2009 bis heute ist Grabs für den gesamten Fachbereich I mit den Bereichen Schule, Kultur, Sport, Service, Steuerung und Finanzen zuständig. Seit 2009 ist er damit auch Personalchef und alleiniger Allgemeiner Vertreter des Bürgermeisters beziehungsweise der Bürgermeisterin.

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