Richter ordnet Ermittlungen an

Nach Einsatz in Düsseldorf: Auch Vorwürfe gegen Polizisten im MK

+

Werdohl/Neuenrade – Die Bilder erinnern an die Festnahme von George Floyd in den USA: Seit das Video eines Polizeieinsatzes in Düsseldorf in den sozialen Netzwerken aufgetaucht ist, ist die Entrüstung groß.

Denn darauf ist zu sehen, wie ein Beamter einen erst 15-Jährigen mit dem Knie am Kopf zu Boden drückt. Nun geht es darum, ob dieser Einsatz noch verhältnismäßig war. Mit dieser Frage musste sich nach einem Einsatz in Werdohl jetzt auch das Amtsgericht in Altena beschäftigen. 

Die Antwort auf diese Frage blieb vorläufig ungeklärt im Amtsgericht Altena, wo sich ein 38-jähriger Neuenrader wegen Widerstandes gegen Polizeibeamte verantworten musste. Ihm wurde vorgeworfen, dass er die Hand einer Beamtin gequetscht und ihren Daumen „gestaucht“ habe. Ihren Kollegen soll er bei einer Rangelei „an der Schulter“ verletzt haben. 

Suizid-Drohung zurückgezogen

In seiner Einleitung zu einer detaillierten Darstellung der Ereignisse vom 1. Februar 2020 betonte der Angeklagte, „dass das nicht so gewesen ist“, wie es die Anklageschrift darstellte. An jenem Tag habe er einen heftigen Streit mit seiner Freundin in deren Wohnung in Werdohl gehabt. Im Verlauf des Streites habe er „einen Suizid angekündigt“, diese Drohung aber kurz darauf zurückgezogen. Die Ordnungskräfte holte der 38-Jährige selbst in die Wohnung seiner Freundin. „Ich war froh, dass die Polizei da war“, erklärte er. 

Die Freude währte allerdings nur kurz: „Die wollten mich in die Hans-Prinzhorn-Klinik (eine Klinik für Psychiatrie in Hemer, Anm. d. Red.) bringen, weil ich einen Suizid angekündigt habe“, sagte er. Einen weiteren Anlass für einen offenbar recht ruppigen Einsatz lieferte seine Freundin, die den betrunkenen Angeklagten aus ihrer Wohnung entfernen lassen wollte. Bei diesem Stand der Dinge galt das, was Richter Dirk Reckschmidt dem Angeklagten erklärte: „Wenn Polizisten von der Rechtmäßigkeit ihrer Maßnahme überzeugt sind, muss man ihren Anweisungen folgen.“ Der 38-Jährige hätte also einfach gehen müssen. 

Eher passive Verweigerung

Zeugen bestätigten, dass der Angeklagte auf den Einsatz mit einer eher passiven Verweigerung reagiert hatte. „Ich habe niemanden geschubst, gestoßen oder um mich geschlagen, ich habe mich eigentlich nur steif gestellt“, erklärte er. Zur Begründung führte er an, dass er sich nicht in die Klinik bringen lassen wollte. Dort war man etwas später ebenfalls der Meinung, dass dieser Patient dort überhaupt nichts zu suchen hatte. 

Einige Rätsel warf allerdings das Verhalten der Polizeibeamten auf, die ihren Platzverweis mit recht drastischen Mitteln durchsetzten: Dass sie Reizgas in einer geschlossenen Wohnung eingesetzt hatten, war unstrittig. Der Angeklagte und mehrere Zeugen bestätigten das. „Sie haben ihm völlig grundlos CS-Gas ins Gesicht gesprüht, während nebenan ein Kind mit einer Lungenerkrankung lag“, erklärte der Bruder der Freundin des Angeklagten. Aufhorchen ließ auch sein Bericht, dass der Polizist dem Angeklagten „mit seinem Stiefel auf die Hand getreten und ihm gegen den Kopf geschlagen“ habe. „Er sah schlimm aus. Er hatte alles voller blauer Flecken!“, erinnerte sich eine weitere Zeugin, die nicht zum engeren Familienkreis gehörte. Mehrere Zeugen erklärten, dass der Ordnungshüter die von ihm angewendete Gewalt mit üblen Beschimpfungen unterlegt habe – mit einer Wortwahl, die man sonst nur von betrunkenen Randalierern kennt, die nicht mehr wissen, was sie tun. 

Richter verzichtet vorerst auf Vernehmung

Ein Urteil gegen den Angeklagten wäre bei diesem Stand der Dinge überraschend gewesen. Richter Dirk Reckschmidt verzichtete vorerst auf die Vernehmung der beiden Beamten und setzte das Strafverfahren vorläufig aus. Die Staatsanwaltschaft bekam den Auftrag weiterer Ermittlungen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare