Nach der Diagnose sprudelt es aus manchem heraus

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Mit der Zeitung in der Hand geht Marga Holst durch die Stationen. Schwester Figen Uyanik und Patientin Susanne Woeste-Schulte freuen sich über den Besuch der Grünen Dame.

Werdohl - Kleine Besorgungen erledigen, Formulare ausfüllen oder einfach nur Zeit haben und zuhören – das sind die Aufgaben, die die Grünen Damen und Herren in der Stadtklinik und im angrenzenden Seniorenzentrum tagtäglich verrichten. Sie sind für die Patienten da, vor allem für diejenigen, die keine Angehörigen haben.

Jeden Donnerstag beginnt für Marga Holst um 9.30 Uhr der dreistündige Dienst als Grüne Dame in der Stadtklinik. Mit dem Aufzug geht es in den fünften Stock des Krankenhauses. Dort befindet sich das kleine Büro der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer. Seit 30 Jahren zieht Marga Holst einmal in der Woche ihren grünen Kittel – das Erkennungszeichen der Grünen Damen und Herren – über. „Als ich aufgehört habe zu arbeiten, wuchs in mir der Wunsch, etwas Gutes zu tun. Und als ich 1981 gelesen habe, dass hier im Haus die Grünen Damen gegründet wurden und ein Bücherwagen eingesetzt wird, habe ich mich gemeldet“, erinnert sich die Ehrenamtliche. Seit dieser Zeit ist die Stadtklinik zu ihrem zweiten Zuhause geworden.

Bevor sie wieder herunter auf die Stationen fährt, wirft Marga Holst ein letzten Blick in das „blaue Buch“: „Hier werden die Wünsche der Patienten eingetragen. Zudem liegt hier auch immer die Liste mit den Neuzugängen.“ Mit einer Tageszeitung in der Hand betritt die Grüne Dame am liebsten die Zimmer. „Dann hat man etwas in der Hand und hat sofort ein Gesprächsthema. Das nimmt ein wenig die Hemmschwelle“, sagt die ehrenamtliche Helferin. Häufig müssen sie und ihre Kollegen den Patienten einfach nur Mut für eine bevorstehende Operation zusprechen oder sie aufmuntern, wenn sie eine schlechte Diagnose erhalten haben. Doch meistens reiche es, wenn sie sich für Menschen nur etwas Zeit nehmen.

Insgesamt 15 Frauen und zwei Männer besuchen unter der Woche die Patienten auf allen Stationen. Sie teilen sich den Dienst untereinander auf. Meist sind sie zu dritt oder viert im Krankenhaus unterwegs. „Wir gehen aber immer alleine in die Patientenzimmer. Dann aber zu jedem, egal welche Religion oder Nationalität sie haben“, erklärt Holst. Sinn und Zweck ihres Dienstes sei es, kleinere Wünsche der Patienten zu erfüllen: „Ich habe schon Schlafanzüge, Hausschuhe oder Unterhosen eingekauft. Manche Patienten sind völlig alleine oder kommen mit dem Rettungswagen in eine fremde Stadt. Dann sind wir für sie da und nehmen uns die Zeit, ihnen zu helfen und zuzuhören.“

Oft würden sich die Menschen eher den Grünen Damen und Herren anvertrauen als ihren Angehörigen, meint die Ehrenamtliche. Nach den Diagnosen sprudele es aus ihnen einfach heraus. Da müsse man schon ein bisschen sensibel sein.

Der tägliche Umgang mit Krankheiten hinterlässt auch bei den ehrenamtlichen Helfern häufig Spuren. „Es kommt schon vor, dass man Gänsehaut bekommt. Oft nimmt man die schlechte Stimmung auch mit aus dem Zimmer. Dabei unterliegen wir der Schweigepflicht. Aber im Kreis der Grünen Damen und Herren dürfen wir darüber sprechen. Das hilft schon sehr“, sagt Marga Holst.

Mit dem Gefühl, den Patienten ihre Zeit in der Stadtklinik etwas erträglicher gemacht zu haben, hängt Marga Holst um 12.30 Uhr ihren grünen Kittel an die Garderobe: „Ich habe den Eindruck, dass wir alle mit vollem Herzen dabei sind. Für mich ist der Dienst hier heilig.“

Von Martin Meyer

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